Wie schafft sie das nur? Die Frage drängt sich auf, wenn man sich mit Elena Cantarutti über ihre Hobbys unterhält. Und nicht nur, wenn man selbst zwei linke Hände hat. Die 26-Jährige ist vielseitig und kreativ. Sie strickt, häkelt Mützen, näht Stofftiere und stellt Schmuck selbst her. Ihr neuestes Projekt: Ein Kapuzenpulli mit Reißverschluss. Dafür besucht sie seit einiger Zeit jeden Montag einen Nähkurs in Heidenheim. Nun liegt Selbermachen ja seit einiger Zeit voll im Trend, aber eine Sache stellt Elena Cantarutti vor besondere Herausforderungen: Sie ist blind. Auf dem rechten Auge sieht sie gar nichts, auf dem linken nimmt sie nur schemenhaft Farben wahr. „Wenn jemand vor mir steht, sehe ich, dass da etwas ist, aber nicht, ob es ein Mensch oder etwas anderes ist“, beschreibt sie.

Auch schon vor dem Nähkurs hat Elena Cantarutti viel genäht, gestrickt und gehäckelt.
Auch schon vor dem Nähkurs hat Elena Cantarutti viel genäht, gestrickt und gehäckelt.
© Foto: Rudi Penk

Der Grund, warum die junge Frau erblindet ist, lag in ihrem Kopf. Ein Gehirntumor, der auf den Sehnerv drückte. Die Behandlung: Bestrahlung des ganzen Körpers. Der Tumor bildete sich zurück, aber zurück blieben auch allerlei Schäden. Die Lungenkapazität von Elena Cantarutti liegt bei nur 60 Prozent, die Schilddrüse und die Nebennierenrinde sind nicht voll funktionsfähig. Ihr Körper kann nicht mehr schwitzen und leidet an einer Art Rheuma. Deshalb hat Cantarutti regelmäßig Krankengymnastik.

Blind von einem Tag auf den anderen

All das beeinträchtigt natürlich ihr Leben und ihren Alltag. Aber nicht annähernd so stark wie ihre Blindheit. „Mit zwölf habe ich noch ganz gut gesehen“, sagt Elena Cantarutti. Erst während des Abiturs, das sie an der Blindenschule in Marburg absolviert hat, ging es rapide bergab mit ihrer Sehkraft. „Ich habe quasi von einem Tag auf den anderen nichts mehr gesehen. Das war furchtbar. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen und ich hatte keinen Plan, wie es weitergehen soll.“

Zur Seite standen ihr in dieser schweren Zeit vor allem ihre Mutter und eine gute Freundin. „Dafür bin ich ihnen unglaublich dankbar“, sagt Elena Cantarutti. Und was ihr noch aus dem tiefen Loch, in das sie gefallen war, herausgeholfen hat: die Handarbeit. „Ich habe vorher viel Sport gemacht, aber das ging ja nicht mehr“, sagt die Bolheimerin. „Dafür habe ich aber andere Fähigkeiten entdeckt und entwickelt.“

„Ich sehe mit den Fingern“

Aber wie kann man mit Nadel und Faden und einer Nähmaschine umgehen, wenn man so gut wie nichts sieht? „Ich sehe mit den Fingern“, beschreibt Elena Cantarutti. Zunächst muss ein Bild in ihrem Kopf entstehen. Dann wird die Vorlage für ein Kleidungsstück oder ein Stofftier ausgedruckt, auf einen Karton geklebt, darunter wird der jeweilige Stoff gelegt und zusammengesteckt. Den Stoff schneidet Elena Cantarutti dann an den Kartonkanten entlang mit einem Rollschneider aus und dann kommt dort die Nähmaschine zum Einsatz. Hilfe braucht sie nur beim Ausdrucken und Aufkleben der jeweiligen Vorlage. „Und beim Schneiden muss ich voll konzentriert sein, sonst kann es sein, dass ich mich an der Hand verletze.“

Blindenführhund Robin unterstützt im Alltag

Eine weitere große Stütze im Alltag ist seit zweieinhalb Jahren ihr Blindenführhund Robin, ein brauner Labrador. „Wenn man nur mit dem Blindenstock unterwegs ist, ist das schwierig, vor allem auf Kopfsteinpflaster. Man bleibt überall hängen“, sagt Elena Cantarutti. Robin unterstützt sie in Vielem: Er zeigt ihr mit den Pfoten eine Ampelschaltung an, umgeht Hindernisse, bleibt an Bordsteinkanten und Treppen stehen. Außerdem kennt er das Kommando „Folgen“. „Wenn ich mit jemanden in der Stadt unterwegs bin, läuft er mir dann hinterher und ich muss mich nicht in den Arm der Person einhängen. Das ist wirklich eine große Erleichterung.“

Während der Ausbildung gemobbt und entlassen

Und auch emotional ist der Hund eine Stütze. Denn leider hat Elena Cantarutti in jüngster Zeit mit Menschen schlechte Erfahrungen gemacht. Ausgerechnet als sie ins Berufsleben starten wollte. Sie begann im öffentlichen Dienst eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten. Unterstützt von Robin, einer Assistentin und der modernen Technik. Denn ihr Handy, ihre Uhr und Programme am Computer sind mit einer Sprachausgabe ausgestattet. „Wenn das auf Arbeit bei bestimmten Programmen nicht funktioniert hat, sollte mir meine Assistentin das vorlesen, aber ich musste mich oft selbst durchkämpfen und habe lange gebraucht“, erklärt sie. Das Tippen dagegen sei kein Problem, Elena Cantarutti beherrscht das Zehn-Finger-System an der Tastatur. „Ich habe immer wieder den Satz gehört: ,Wenn das alles hier so schwer für dich ist, dann kannst du die Ausbildung gerne jederzeit beenden.‘ Das hat mich jedesmal so traurig gemacht.“ Es sei eine harte Zeit gewesen. „Ich wurde gemobbt und dann grundlos entlassen.“ Der Fall ging auch vor Gericht. „Ich habe gewonnen, aber mein Arbeitgeber wollte mich nicht zurückhaben. Wenn ich Robin in dieser Zeit im Büro nicht an meiner Seite gehabt hätte, hätte ich die drei Monate dort nicht durchgestanden.“ Nach dieser Erfahrung hat sie einen innigen Wunsch: „Kein Mensch, der Hilfe benötigt, soll je so etwas erleben müssen.“

Ein Lied über ihr Leben

Was ihr außer Robin noch geholfen hat: Ein Lied, das sie vor ein paar Monaten selbst geschrieben und produziert hat. Es war eine Initiative der Kinderkrebsstiftung und professionell aufgezogen. Elena Cantarutti nahm den Song in einem Tonstudio auf und drehte sogar ein Video. „Wenn es mir schlecht geht, muss das Lied abgespielt werden. Da steckt meine ganze Lebensgeschichte drin. Und ich wollte versuchen, diejenigen, die es hören, in meine Welt mitzunehmen.“ Das Video „Elena – In meinem Buch“ ist unter diesem Suchbegriff auf Youtube zu finden.

Youtube

Hoffnung auf eine Arbeitsstelle

Trotz der schlechten Erfahrung ist Elena Cantarutti jetzt wieder auf der Suche nach einer Ausbildung und einer Arbeit. Allerdings nicht mehr in der Verwaltung oder im Büro. „Ich habe keinen konkreten Berufswunsch, aber würde gerne etwas Kreatives oder Soziales machen“, sagt Elena Cantarutti. „Ich hoffe sehr, dass mir jemand eine zweite Chance gibt.“

Gerstetten