Ich empfinde es als beleidigend, dass Hr. Lucha – Gesundheitsminister Baden-Württembergs – die sogenannten Impfdrängler als „schäbig“ bezeichnet. Dieses Phänomen hat die Landes- bzw. Bundespolitik selbst hervorgerufen, indem sie Geimpften und Genesenen Lockerungen in Aussicht gestellt hat, alle Anderen aber weiterhin zu Solidarität und Einhaltung der Corona-Maßnahmen aufgerufen hat. Damit wird das Verhalten, sich frühzeitig eine Impfung ergattern zu wollen, leider erst provoziert.

Ich selbst, der keiner Priorisierungsgruppe angehört, empfinde es mir gegenüber (und allen anderen, die weder „alt genug“ noch „krank genug“ sind) als Frechheit, dass ich weiterhin Solidarität gegenüber den Menschen zeigen soll, die in der Prioritätsliste vor mir geführt werden. Diese Personen müssen aber mir gegenüber nicht mehr solidarisch sein, wenn es um den Genuss weiterer Lockerungen geht, die ich noch nicht in Anspruch nehmen darf. Ebenso kann ich nicht nachvollziehen, dass ich für meine Rücksichtnahme der letzten 18 Monate gegenüber den besonders gefährdeten Menschen noch zusätzlich bestraft werde, während Menschen, die sich nicht an die Auflagen gehalten haben und nun nach einer Infektion mit anschließender Genesung noch für ihr Verhalten mit „Lockerungen“ belohnt werden.

Ich erwarte von der Politik, alle Einschränkungen weiterhin für ALLE Personen aufrecht zu erhalten, bis jedem ein Impfangebot, egal ob bei Hausärzten oder im Impfzentrum, gemacht wird, unabhängig des Alters oder von Vorerkrankungen. Und solange ich von Impfzentren als nicht impfberechtigt abgewiesen werde, erwarte ich von ALLEN Geimpften und Genesenen mir gegenüber Solidarität und Einhalten der Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren.

Ich wiederum zeige weiterhin Solidarität meinen Mitmenschen gegenüber. Ich habe mich bei meinem Hausarzt auf Warteliste für die Impfung setzen lassen. Ich möchte mich nicht vordrängeln, sondern akzeptiere, dass es Menschen gibt, die vor mir geimpft werden sollen/müssen, da sie besonders schutzbedürftig sind. Aber bitte seid mir gegenüber auch solidarisch und haltet Euch dann mit Kontakten zurück! Das ist auch mein Recht, dies einzufordern. Und das ist auch das Recht der Kinder und Jugendlichen, von denen man erwartet, dass sie am Präsenzunterricht teilnehmen, sich aber am Nachmittag nicht mit Ihren Klassenkameraden und Freunden treffen dürfen. Und wann haben sie Anspruch auf eine Impfung? Das steht noch in den Sternen. Für diesen Teil der Gesellschaft müssen die Lockerungen ein Schlag ins Gesicht sein, tragen sie doch die Hauptlast an den Einschränkungen.

Leider fehlt aber den deutschen Politikern der Mut, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Noch dazu, wenn im Herbst Wahlen sind.

Walter Tschernutter, Herbrechtingen