Herbrechtingen / HZ Ein Leserbrief zur geplanten Parkplatz-Quote in Herbrechtingen

Nun bin ich wahrlicher kein Automobilverfechter. Aber die vom Gemeinderat Herbrechtingen angedachte Kürzung der Parkplatzquote in Herbrechtingen sollte vor der Entscheidung wohl überlegt sein.

Gesellschaftliche Realitäten ändern sich. Wo vor 50 Jahren die typische Familie mit Alleinverdiener und 40 Jahren Betriebszugehörigkeit am Wohnort üblich war, sieht die Normalität heute so aus, dass fast jeder Erwachsene einzeln zur Arbeit fährt, berufliche Anforderungen an Mobilität und Flexibilität enorm gestiegen sind, Familien heute heterogener sind, mithin, die Welt sich verändert, die Landesbauordnung jedoch nicht.

Wenn ich mir heute die Situation Herbrechtingen anschaue, sehe in den letzten Jahrzehnten keinerlei Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs, im Gegenteil, sowohl die Brenzbahn als auch der Busverkehr haben ihr Angebot Stück für Stück ausgedünnt. Die Einkaufsmöglichkeiten haben sich ins Industriegebiet verlagert, ich kann keine Anhaltspunkte erkennen, dass sich diese Entwicklung im ländlichen Raum ändern wird, die Einflussmöglichkeiten der Lokalpolitik sind sehr begrenzt.

Sicherlich ist es unstrittig, dass derzeit dringend bezahlbare Wohnungen gebaut werden müssen. Dies sollte jedoch mit Bedacht und nicht um jeden Preis geschehen. Die Reduktion der Parkplätze senkt sicherlich die Baukosten für den Bauträger, die daraus resultierende Entwicklung ist allerdings absehbar. In neu gebaute Mehrfamilienhäuser werden mit großer Sicherheit junge Menschen mit einem hohen Mobilitätsbedarf einziehen. Diese Menschen haben keine Alternative zum eigenen PKW. Die komplette Umgebung, auch in den Nachbarstrassen wird zugeparkt werden, bis allen klar wird, dass Parkraum fehlt, dieser kann dann später mangels Platz nicht mehr geschaffen werden.

Zukünftig sollen die Autos auch noch mit Strom fahren, was wir alle begrüßen, nur, wo bitte sollen die Menschen ihre PKW aufladen, wenn Sie nicht einmal einen Parkplatz finden können. Auch hier sehe ich keinerlei Ansätze einer Entwicklung der entsprechenden Infrastruktur. Sollen die Bewohner im Industriegebiet Strom tanken?

Es ist abzusehen, dass, wer immer es sich leisten kann, sehr schnell einen Bauplatz suchen wird, um sich dort die nötige Infrastruktur selbst schaffen zu können. Diese Entwicklung kann nur zu erhöhtem Bodenverbrauch und einer Verknappung des Baulands führen und ist deshalb nicht sonderlich nachhaltig.

Die Weitsicht des früheren Bürgermeisters Herrn Dr. Sipple hob sich bei diesem Thema wohltuend vom Gemeinderat ab. Man kann nur darauf vertrauen, dass das geplante Gutachten professionell, sorgfältig und systemisch erstellt wird. Dazu gehört, dass nicht am Montagvormittag, wenn alle Autos bei der „Arbeit“ sind, gemessen wird, sondern am Sonntagabend. Nicht dass es später heißt, das haben wir nicht geahnt.

Hans-Dieter Preissing, Herbrechtingen