Herbrechtingen / Melanie Schiele Mit Krav Maga Defcon lernen die Schüler von Andreas Rübesam eine neue Art von Selbstverteidigung. Ein Trainingsbesuch in der Martial Arts Academy.

Der Griff geht an den Hals, ich schlucke schwer. Ich packe mit meiner linken Hand den Unterarm des Angreifers und halte ihn fest. Mit meinem rechten Arm schlage ich in seine Armbeuge, woraufhin er zu Boden fällt. In jeder anderen Situation würde ich jetzt wegrennen, doch ich helfe meinem Gegenüber wieder auf die Beine. Der Grund: Es ist eine Partnerübung in der Martial Arts Academy in Herbrechtingen, wo der erfahrene Kampfsportler Andreas Rübesam seit etwa einem halben Jahr Krav Maga Defcon unterrichtet. Das ist die weiterentwickelte Selbstverteidigung der israelischen Sicherheitskräfte.

„Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen Kampfsport. Meine Schüler sollen die Gefahr schnell erkennen und die Flucht ergreifen können, ohne kämpfen zu müssen“, erklärt Andreas Rübesam. Bei ihm würden Männer und Frauen jeden Alters innerhalb kürzester Zeit lernen, sich im Rahmen der Gesetzmäßigkeit zu schützen.

Der Trainer rattert vor der Gruppe den Paragraphen über die Notwehr herunter: Es ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden. „Es macht allerdings einen Unterschied, ob eine fremde Person euch am Handgelenk fasst, wenn ihr am helllichten Tag in einer belebten Fußgängerzone oder allein in der dunklen Tiefgarage seid. Dementsprechend müsst ihr eure Reaktion wählen.“

Stimme ist die erste „Waffe“

Als Rübesam unvermittelt schreit, zucke ich heftig zusammen. Die anderen verziehen keine Miene. Und genau das möchte er erreichen. In einem Schockmoment wie diesem nicht in eine Starre zu verfallen, sondern weiterhin konzentriert und handlungsbereit zu sein.

Dass die eigene Stimme, die erste „Waffe“ sein und den Angreifer abschrecken kann, erfahre ich in einer weiteren Übung mit meiner Partnerin Jasmin. Jeden ihrer Handballenschläge, die meinen Handschuh traktieren, begleitet sie lautstark. Das wirkt einschüchternd. Weil dem 51-Jährigen manche Teilnehmer zu leise sind, kommentiert er: „Ihr seid keine Kätzchen, sondern Löwen.“

Youtube Krav Maga Defcon selbst ausprobiert

Dann wird es kurios. Jasmin und ich tauschen den Handschuh gegen Poolnudeln. Damit soll ich sie am Oberkörper oder den Beinen treffen und ihre Konter abwehren. Plötzlich lässt sie ein Feuerwerk an Hieben los, ich verliere mehrmals mein Werkzeug. Wenn ich einen Treffer lande, hat sie mich fünfmal erwischt. Nach drei Durchgängen mit einer Dauer von jeweils einer Minute bin ich dermaßen aus der Puste – hauptsächlich vor Lachen. „Der Spaß kommt bei uns nicht zu kurz. Wer lacht, lernt schneller“, erklärt Rübesam.

Für den Ernstfall üben

Doch bei allem Vergnügen dürfe man den ernsten Hintergrund nicht vergessen, so der zertifizierte Gewaltpräventionsreferent und Sicherheitstrainer mit 40 Jahren Kampfsporterfahrung. „Wir üben hier für den Notfall.“ Das wird mir beklemmend bewusst, als ich in Embryonalstellung auf dem Boden liege, umringt von den anderen Teilnehmern. Jeder hat eine Schaumstoffmatte, mit denen sie 20 Sekunden lang immer wieder auf meinen Körper einknüppeln. Gegen ihre Stöße verteidige ich mich mit Fußtritten, meine Arme halte ich schützend über den Kopf. Nach Ablauf der Zeit muss ich schnellstmöglich aufstehen und das Weite suchen. „Diese Einheit soll lehren, mit Stresssituationen umzugehen“, erklärt Rübesam.

Dass so eine Lage schnell Alltag werden kann, davon können seine Schüler ein Lied singen. Viele arbeiten im öffentlichen Dienst und bei Hilfsorganisationen, wo sie selbst oder Kollegen bereits Gefahr erlebt haben. „Ich erfahre viele Schicksale, die mich sehr erschrecken. Hier suchen die Menschen Hilfe.“ Und diese sollen sie im Krav Maga Defcon nicht nur technisch, sondern auch mental bekommen. „Die Menschen verändern sich bei uns. Sie kommen schüchtern und gehen selbstbewusst“, so der gebürtige Ostdeutsche. Dem Trainer kommt also ein Stück weit die Rolle des Psychologen zu. Da er selbst jahrelang bei der Polizei und als Türsteher gearbeitet habe, sei er ein guter Ansprechpartner.

Da es in seiner Branche viele schwarze Schafe gebe, möchte er eine Sache festhalten: „In der Martial Arts Academy bilden wir keine Schläger aus. Im Gegenteil: Unser Ziel ist es, Gewalt zu verhindern.“ Von den Anwesenden erwartet Rübesam: Sollte ein Angreifer durch ihre Verteidigung verletzt werden, so müssen sie mindestens einen Notruf absetzen.

Krav Maga und Krav Maga Defcon

Krav Maga kommt aus dem Hebräischen und bedeutet soviel wie Kontakt-Kampf. Es war das ursprüngliche Selbstverteidigungssystem der israelischen Sicherheitskräfte. Die Techniken, Bewegungsabläufe und Theorieinhalte der Variante Krav Maga Maor wurden von Armin Berberich, dem ersten Instruktor außerhalb Israels, über Jahre hinweg auf die europäischen Belange und Rechtsvorschriften in der Selbstverteidigung zu Krav Maga Defcon weiterentwickelt. Der Zusatz steht für defensiv und kontrolliert. Andreas Rübesam kontaktierte den aktuellen Chefinstruktor Falk Berberich, Sohn von Armin Berberich, und legte seine Prüfung im Frühjahr 2019 mit Bravour ab. „Der Prüfer hat mich sogar gefragt, ob ich ihm noch etwas beibringen könnte“, sagt Rübesam lachend.