Bolheim / Günter Trittner Mehrere Landwirte im Gemeinderat drängten bei der jüngsten Sitzung auf einen größeren Abstand im neuen Bolheimer Baugebiet. Die Stadt hielt wirtschaftliche Überlegungen dagegen. Die Entscheidung fiel nicht leicht.

Die Bezeichnung Viehweide Nord für das neue Baugebiet in Bolheim deutet es schon an. Da, wo ab dem Jahr 2021 nach und nach Wohnhäuser gebaut werden sollen, ist die Landwirtschaft nicht fern. Und damit rücken Interessenkonflikte näher. Dies zumindest war die Sorge einiger Stadträte, als bei der jüngsten Sitzung des Gemeinderats das Bebauungsplanverfahren für dieses künftige Wohngebiet zu einem Abschluss gebracht werden sollte.

Nur 60 Zentimeter Abstand

Als Landwirt war Stadtrat Andreas Hof (Freie Wähler) aufmerksam geworden, als Dieter Frank, der Fachbereichsleiter Bau, auf die notwendige Verlegung eines Feldwegs zu sprechen kam. Nur eine kleine Natursteinmauer und ein freier Streifen von 60 Zentimeter trennen dann im nördlichen Teil des Baugebiets private Gärten von einem angrenzenden landwirtschaftlichen Grundstück. Hof sah hier „Konfliktpotenzial“. Denn die Landwirtschaft bringe doch so manches mit: Pflanzenschutzmittel, Dünger, Mist. „Wenn da etwas über das Feld hinausgeht?“ Einen fünf Meter breiten Schutzstreifen hielt der Landwirt für angezeigt. „Ich sage Nein“, meinte Dieter Frank.

Viel Geld für Hochwasserschutz aufgewendet

Der Fachbereichsleiter begründete seine Haltung mit wirtschaftlichen Gründen. Einmal musste die vorgesehene Baufläche bereits reduziert werden, weil nicht alle erwünschten Grundstücke der Gemeinde zum Kauf angeboten wurden. Zum Zweiten musste für den in der Nähe der Brenz nötigen Hochwasserschutz viel zusätzliches Geld ausgegeben werden. „Das war nicht ganz billig.“

Ein ganzes Grundstücke wäre verloren

Frank versicherte zudem, dass die Stadt planungsrechtlich auf der sicheren Seite sei. Auch das Landwirtschaftsamt habe keine Einwände angezeigt. Bei einem Schutzstreifen von fünf Metern würde die Stadt auf einer Länge von 96 Metern faktisch ein ganzes Grundstück weniger anbieten können, rechnete Frank vor.

Kompromiss: zwei Meter Abstand

Trotzdem, Hof blieb dabei: „Wir können einen Feldweg nicht als Bauplatz verkaufen.“ Sein modifizierter Vorschlag und Antrag: zwei Meter Schutzabstand. Auch Stadträtin und Bäuerin Annette Rabausch (Freie Wähler) warnte. Ihre Sorge zudem: Die Bauwilligen würden zu wenig aufgeklärt, was ein Wohnen nahe an der Landwirtschaft bedeute. Günter Thierer (Freie Wähler), ein weiterer Landwirt, erinnerte daran, dass der Abstand für das Austragen von Pflanzenschutzmittel zwei Meter betrage. „Der Landwirt kann also sein Feld nicht mehr so bewirtschaften, wie er will.“ Rabausch sprach sogar von Enteignung.

Klare Mehrheit bei Abstimmung

Bei der Zwei-Meter-Lösung, so Frank, habe die Stadt einen Verlust von 28 000 Euro. Zu viel für die Mehrheit der Stadträte. Nur sechs stimmten für den Antrag von Hof, zehn dagegen. Es bleibt bei der Mauer und 60 Zentimetern Abstand. Der Bebauungsplan selbst für die Viehweide Nord wurde mit zwei Gegenstimmen beschlossenen.

31 Bauplätze sind zu vergeben

1,3 Hektar misst die Baufläche neben Neubolheim. Auf 31 Grundstücken sind neun Einzelhäuser, sechs Doppelhäuser und 16 Reihenhäuser geplant. Durch die Mischung von Haustypen soll der Dorfcharakter bewahrt werden. Die Verwaltung rechnet damit, dass 74 Personen hier einziehen werden. Das entspricht einer Einwohnerdichte von 56 Einwohner je Hektar. Damit wird die Zielvorgabe des Regierungspräsidiums Stuttgart von 50 EW/ha für Baugebiete im ländlichen Raum sogar leicht überschritten.

Keine guten Perspektiven für Bauwillige

Auf der langen Interessentenliste der Stadtverwaltung für einen städtischen Bauplatz finden sich 57 Nachfragen nach einem Grundstück in Bolheim. Die Perspektiven sind nicht gut. Seit 2016 wurden in Bolheim 15 Bauplätze von privat an privat verkauft. Diese sind bereits größtenteils bebaut. Die Stadt hatte zuletzt 2014 am Alten Sportplatz ein kleines Baugebiet mit einem Dutzend Bauplätzen ausgewiesen. Hier sind alle Grundstücke bebaut.

In ihrer Flächenüberschau hat die Stadtverwaltung in Bolheim innerörtlich sieben erschlossene Baulücken festgestellt. Alle Flächen sind in Privateigentum, kein Eigentümer will verkaufen oder hat Entwicklungspläne. Genauso sieht es für die 24 000 Quadratmeter Fläche innerörtlich aus, in der auch die nicht erschlossenen Areale enthalten sind. Bei den Eigentümern besteht kein Verwertungsinteresse.

Neben der Viehweide Nord hat die Verwaltung auch die Obereren Gartenwiesen als neues Baugebiet im Außenbereich im Visier. Wie Dieter Frank, der Fachbereichsleiter Bau, den Gemeinderat informierte, kann dieses aber mittelfristig aufgrund der Eigentumsverhältnisse nicht realisiert werden.

Im Jahr 2018 hatte die Stadt Herbrechtingen 13 025 Einwohner. Das Statistische Standesamt geht davon dass, dass sich diese Zahl bis 2035 auf 13 670 erhöhen wird. Darin eingeschlossen sind auch Zuwanderungen. Dies entspricht einem Wachstum um 465 Einwohner. gt