Herbrechtingen / Elena Kretschmer Seit 30 Jahren bietet der 54-Jährige Führungen und Wanderungen in und um Herbrechtingen an. Dank seines enormen Wissens verleiht er jeder von ihnen eine ganz persönliche Note.

Durch Schnee und Matsch, über aufgeweichte Blätter und von Moos bedeckte Steine geht es den alten Zoeppritzweg hinauf. Ein unscheinbarer, schmaler Pfad im Wald, den man sonst vielleicht links liegen lassen würde. Aber genau das hat sich Gerhard Krämer zur Aufgabe gemacht: „Ich möchte den Menschen Herbrechtingen auf anderen Wegen zeigen.“ Und so führt er die fünfköpfige Truppe, die sich zuvor am Wanderparkplatz Anhauser Tor getroffen hat, schnurstracks den Berg hinauf. „Mal sind wir drei, mal 20, das ist immer unterschiedlich, je nach Wetter, Ferien und so weiter“, erklärt der 54-Jährige mit dem grauen Filzhut und dem verschmitzten Lächeln während des Aufstiegs.

Oben angekommen erfahren die Teilnehmer, dass Anhausen früher an einer alten Salzhandelsstraße lag und dass es deshalb für die Mönche im Kloster nicht ganz so ruhig zuging. „Das könnte mit ein Grund gewesen sein, warum die Leute damals der Pest erlegen sind. Denn trotz des abgelegenen Standorts kamen immer wieder Fernreisende hier durch“, weiß Krämer. Weiter geht die Wanderung. Das Ziel: Burg Falkenstein – neben dem Blick vom Stürzel auf die Bindsteinhütte Gerhard Krämers liebster Aussichtspunkt.

Dass er sich so gut in diesen Gefilden auskennt, hat einen Grund: „Ich bin hier geboren und schon als Kind überall rumgetobt. Ich kenn' jedes Fleckle.“ Hinzu kam, dass seine Eltern im Albverein waren und ihn viel auf Wanderungen mitnahmen – „daher rühren auch meine Naturverbundenheit und mein großes Interesse für die Heimatgeschichte“.

Letzteres bescherte ihm schließlich auch den Posten des Vorsitzenden beim Herbrechtinger Heimatverein, den er nun seit 15 Jahren inne hat. Und weil Krämer ohnehin seit geraumer Zeit über die Volkshochschule Führungen anbot, traf es sich nur zu gut, dass die Stadt auf seinen und andere Vereine zukam mit der Bitte, Wanderungen anzubieten, die nicht nur auf der Teerstraße vom Jurawell zur Talschenke führen. „Da haben wir eingewilligt und seither gibt es jeden ersten Sonntag im Monat Führungen mit immer anderen Themen und Treffpunkten, zur Geschichte oder zur Geologie.“

Seiner Frau hat es der gelernte Maschinenbautechniker zu verdanken, dass er irgendwann auch zum Nachtwächter Herbrechtingens erkoren wurde und als solcher Führungen anbot. „Sie hat mir zum Geburtstag eine handgeschmiedete Hellebarde geschenkt, zu Ostern den passenden Umhang und eröffnete mir dann meine neue Aufgabe“, erzählt er. Eine Hellebarde ist übrigens eine Stangenwaffe, eine Mischung aus Spieß und Axt, die ein Nachtwächter im 19. Jahrhundert als „Arbeitsgerät“ mitführte.

Ausgleich zum Arbeitsalltag

In seinen Führungen geht es mal um Burgen, Mühlen, Dolinen (Karsthöhlen), mal um die Entstehung Herbrechtingens, dessen Namensgebung, das Kloster, den 30-jährigen Krieg und so weiter. „Für mich sind sie ein guter Ausgleich zur Arbeit“, so der Voithianer. Am meisten genießt es Krämer, bei einer sonntäglichen Zwei-Stunden-Wanderung irgendwo im Wald dem Glockengeläut zu lauschen.

Apropos Wald: Auf dem Weg Richtung Falkenstein begegnen der Truppe neu gepflanzte Bäume. Es wird gerätselt, ob es sich wohl um Lärchen handeln könnte. Beim Weitergehen sieht man auf der großen Lichtung in der Ferne die Burgholzhöfe. „Die sind schon über 500 Jahre alt“, weiß der Führer. Ein Stückchen weiter steht ein Bänkchen, von dem aus man einen atemberaubenden Blick ins Eselsburger Tal hat. Krämers Tipp: „Wenn man mal Ruhe von all dem Trubel da unten sucht, einfach hier hoch kommen.“ Oder sich die Gesteinsformation „Himmel und Hölle“ ansehen, ein Fels, der komplett von Höhlen durchsetzt ist: „In kriegerischen Zeiten dienten sie als Versteck.“

Seine Zuhörer blicken sich staunend um. Zwei von ihnen sind „Stammgäste“, wie Krämer sagt. „Man erfährt immer sehr viel bei seinen Führungen“, lobt der eine. „Er weiß einfach unheimlich viel und das ist richtig interessant“, sagt der andere. Krämers Frau ist diesmal nur dabei, weil „die Kinder heute mal nicht zum Essen kommen“, und die zweite Dame im Bunde meint: „Das ist ein Weg, der ohnehin schön zu laufen ist und man lernt noch was dazu.“

Angekommen auf Burg Falkenstein weist Krämer auf die Wetterfahne mit dem Falken hin, die auf der kleinen Kapelle thront: „Die gefällt mir besonders.“ Von oben deutet er auf „'s Lügabrückle“ und erklärt, dass die Brenz früher als Grenze zum Gerstetter „Feindesland“ diente. Über den Talweg geht es schließlich hinunter ins Eselsburger Tal. „Der Berg hier schlaucht mich immer ganz schön, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin“, kommentiert Krämer. In der Brenz hat er übrigens das Schwimmen gelernt.

Du Nachtwächter!

Weil Gerhard Krämer auch Führungen als Nachtwächter in Herbrechtingen anbietet, muss er bei der Arbeit manchmal schmunzeln. Dort fällt nämlich ab und an der Ausdruck „Du Nachtwächter!“. Er soll scherzhaft darauf hinweisen, dass jemand geistig träge und verträumt wirkt, unaufmerksam oder gar unfähig ist, langsam denkt oder vergesslich ist. „Wenn das dann in meiner Gegenwart passiert, heißt es immer: War nicht so gemeint, Gerhard“, so Krämer.