Bissingen / Elena Kretschmer Im Lonetal bei Bissingen gibt es einen Baum, der nur dort vorkommt. Er wächst in einem erst kürzlich als Schonwald ausgewiesenen Gebiet, für das Förster Michael Laible zuständig ist.

Glaubt man Förster Michael Laible, so gibt es Menschen, die es sich zum Hobby gemacht haben, Bäume ausfindig zu machen, die aus einer Kreuzung verschiedener Arten hervorgegangen sind – Bastarde also. Im Fall der Lonetal-Mehlbeere haben die Hobby-Botaniker Steffen Hammel und Bernd Haynold den mutmaßlichen Bastard im Jahr 2014 von Thomas Meyer aus Günzburg gezeigt bekommen und daraufhin mit anderen Arten verglichen. Bis klar war, dass es sich bei dem Fund wirklich um eine neue Unterart handelt, vergingen zwei Jahre.

„Es waren am Anfang elf Stück. Vier haben wir leider verloren, weil wir einen Hutewald angelegt haben und uns die Bedeutung des Baums zu dem Zeitpunkt noch gar nicht klar war“, erklärt Laible. Doch nachdem der Baum stockausschlagfähig sei – man schneidet ihn ab und er treibt trotzdem wieder aus – seien am Ende drei wieder gekommen. Die nun noch vorhandenen zehn Bäume stehen an drei Stellen im Umkreis von 500 Metern.

Kreuzung aus drei Arten

Sorbus Lonetalensis, so der lateinische Name der Lonetal-Mehlbeere, ist also nachweislich eine endemische Art des Lonetals, kommt bisher also nur dort vor. „Sie ist ein Zusammenspiel aus der heimischen Mehlbeere, der Vogelbeere und der Vogesen-Mehlbeere, die irgendwo in Öllingen als Straßenbaum gepflanzt wurde“, so der Revierförster. Letzteres lässt sich damit erklären, dass es sich um eine Baumart handelt, die von Insekten bestäubt wird.

„Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Lonetal-Mehlbeere nicht wirklich von der Echten Mehlbeere“, weiß Laible. Sehe man genauer hin, erkenne man aber, dass die Spitzen der Blattkerben ausgeprägter sind, die Kerben selbst hingegen weniger tief. Außerdem seien die roten Früchte, die aussehen wie kleine Äpfel, etwas kleiner, und die Blattrückseite nicht ganz so „mehlig“. „Daher hat die Mehlbeere auch ihren Namen, weil die Blätter auf der Rückseite so mehlig weiß sind. Eine andere Theorie besagt, dass man früher die getrockneten und gemahlenen Früchte wie Mehl dem Brotteig untergemischt hat“, erklärt der Förster.

Die Beeren des Baumes sind außerdem ein beliebtes Vogelfutter. Durch den Regen in den vergangenen Tagen sind diese allerdings verdorben, wie Laible mutmaßt. Statt rot sind sie nun schwarz und schrumpelig. Im September 2016 hatte man allerdings mehr Glück. „Da haben wir 70 Früchte geerntet und in die Landespflanzschule bei Bartholomä gebracht. Dort haben dann 50 Samen gekeimt und am Ende haben 40 gelebt“, so der Förster. Die ersten zehn wurden erst vor Kurzem am Trauf, also am Waldrand, gepflanzt, weil der Baum viel Licht braucht. Die restlichen folgen 2020.

Auffällig ist laut Laible auch, dass die Lonetal-Mehlbeere extrem langsam wächst. „Nach drei Jahren sind die Pflanzen erst zehn bis 15 Zentimeter hoch.“ Auch der sogenannte Urbaum, also der älteste ihm bekannte, ist nicht sonderlich groß. „Es ist eher ein größerer Strauch als ein Baum. Eine Echte Mehlbeere kann bis zu 20 Meter hoch werden.“ Laible schätzt das Alter des Urbaums auf etwa 15 Jahre. „Das ist aber wirklich nur eine Vermutung. Eigentlich müsste man ihn absägen und die Ringe zählen“, sagt er augenzwinkernd.

Zudem steht die Lonetal-Mehlbeere seit 2018 auf der Roten Liste der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands. Dort wird sie als extrem selten und als eine Art bezeichnet, für deren Erhaltung Deutschland in besonderem Maße verantwortlich ist. Als gefährdet gilt sie hingegen nicht. Die Früchte sind für Menschen essbar, jedoch erst nach dem ersten Frost genießbar. Alle gefundenen Mehlbeeren-Bäume liegen übrigens im Distrikt Stockert, der erst Anfang des Sommers zum Schonwald (eine Erklärung dazu gibt es rechts) ausgewiesen wurde.

Der Revierförster Michael Laible

Der 35-jährige Langenauer Michael Laible leitet seit 2014 das Forstrevier Sontheim, zu dem auch der Distrikt Stockert gehört, wo die Lonetal-Mehlbeere gefunden wurde. Als Forstamtmann des Landratsamtes Heidenheim ist er für das 1150 Hektar große Gebiet verantwortlich, das bis an die Landesgrenze zu Bayern bei Sontheim reicht.

Der Werkstoff Holz begleitet Laible schon sein gesamtes Berufsleben. Nach seinem Realschulabschluss machte Laible eine kaufmännische Ausbildung in einem Sägewerk. Weil er gerne in der freien Natur arbeitet, – „was mir als Sohn eines Landwirts wohl in die Wiege gelegt war“, so Laible – entschied er sich schließlich dazu, Forstwirtschaft zu studieren. Zu seiner Freude konnte er direkt nach dem Studium am LRA Heidenheim anfangen und bekam mit Sontheim ein Revier „direkt hinter der Haustür“ zugeteilt.