Herbrechtingen / Elena Kretschmer Jedes Jahr stellen die Wasserratza-Hexen den Narrenbaum auf dem Rathausplatz auf. Bevor sie ihn mit vereinten Kräften dorthin befördern, wird geräppelt, geschliffen und geschmückt. Hildegard braucht schließlich einen angemessenen Thron.

Hildegard will Bürgermeisterin in Herbrechtingen werden. Weil dabei der Kontakt zu den Bewohnern der Stadt enorm wichtig ist, postiert sie sich ab Samstag mit wachsamen Augen auf dem Rathausplatz. Aber Moment mal, wer ist eigentlich Hildegard? Eine eher ruhige Zeitgenossin, genauer gesagt das Maskottchen der Herbrechtinger Wasserratza-Hexen. Diese stellen alle Jahre wieder den Narrenbaum vor der Stadtverwaltung auf, auf dem Hildegard thront und gleichzeitig den Überblick behält, wenn die Narren in der Faschingszeit wieder symbolisch die Herrschaft übernehmen.

Räppeln, schmücken, stellen

Heuer ist der Narrenbaum eine fast 15 Meter hohe Fichte aus dem Privatwald von „Ober-Alt-Hexenmeister“ Wilhelm Wiedenmann, wie ihn die Hexen liebevoll nennen. Er stiftet jedes Jahr einen neuen Baum, an dem sich die Vereinsmitglieder in den Tagen vor dem Aufstellen austoben. „Wenn er gefällt ist, wird er auf den Hof gebracht und wir können mit dem Räppeln und Schmücken anfangen“, erklärt Ulrike Grüninger, die Vorsitzende der Wasserratza. Räppeln bedeutet, dass der Baum mit Hilfe eines Räppel- oder Zieheisens und eines Schälmessers von Rinde und Ästen befreit wird.

Youtube Bis die Späne fallen

Zwar sind die Männer, allen voran Zimmermann Wolfgang Knapp, die Experten, aber auch die Damen dürfen mal ran und das Eisen über die Rinde ziehen, bis die Späne fallen. „Das geht gut“, freut sich Hexe Martina Klim. Die anderen feuern sie mit einem dreifachen „Ratza – Hex“ lautstark an. Den Feinschliff verleiht Knapp dem Narrenbaum mit der Schleifmaschine. Und weil der am Ende aussehen soll wie ein überdimensionaler Hexenbesen, sammeln die Damen schon im Vorfeld des Räppelns einen Pferdeanhänger voll Reisig. „Das machen wir dann büschelweise mit einem Metallband und Schrauben am Baum fest“, erläutert Grüninger.

An den Ästen werden schließlich schwarze, rote und goldene Bänder befestigt – die Farben der Wasserratza-Hexen. Auch der Stamm wird mit solchen Bändern verziert. Am unteren Teil kann die Rinde dranbleiben, da der ohnehin in der Bodenhülse am Rathausplatz versenkt wird. „Ans Ende schrauben wir ein Metallkreuz mit 50 Zentimetern Durchmesser. Das wird dann verkeilt“, erklärt Knapp.

Hildegards Ausguck

Das Wichtigste kommt zum Schluss: Hildegard. „Letztes Jahr haben wir sie zum ersten Mal auf einen Stuhl gesetzt, den wir dann am Baum festgemacht haben. Damit sie's auch bequem hat“, so Beisitzerin Birgit Hauke. Hildegard sieht übrigens genau so aus wie ihre Vereinskameraden: Sie trägt eine weiße Pumphose, schwarz-rot-gelb geringelte Stulpen und Handschuhe, schicke schwarze Stiefel, einen roten Rock, eine gelbe Schürze, ein schwarzes Hemd, ein rotes Halstuch, die von einem Maskenschnitzer aus Lindenholz handgefertigte Hexenmaske samt Ratte und Rosshaar. „Wir wollen versuchen, Hildegard dieses Mal auf ihrem Besen am Baum zu befestigen. Mal schauen, ob's klappt“, verrät eine Helferin.

Um den Narrenbaum am Samstag heil auf den Rathausplatz zu befördern, werden provisorisch Bretter und Räder befestigt. „Mit viel Krach ziehen wir dann los, um die Bevölkerung aufmerksam zu machen“, weiß Häswartin Angelika Dörrich. Sie wird vor Ort eine Rede halten, um die närrische Zeit einzuläuten, während der Baum gegen 15 Uhr mit dem Teleskoplader in die Vertikale gebracht wird. Befreundete Narrenzünfte werden da sein, es wird getanzt und gefeiert.