Herbrechtingen / Günter Trittner Nach 24 Jahren geht Dr. Bernd Sipple als Bürgermeister in den Ruhestand. Der bürgernahe Demokrat hat viel frischen Wind in die Gemeinde gebracht und bei großen Aufgaben wie der neuen Bibrishalle Geschick und langen Atem bewiesen.

Ein Interview zum Abschied? Der selten um Worte verlegene Bürgermeister Dr. Bernd Sipple wiegelt schnell ab. Nein, das will er nicht. Das sei zu viel Wirbel um seine Person. Er höre als Bürgermeister nach drei Amtszeiten auf. Das sei alles.

Einige Worte werden heute trotzdem noch gewechselt werden, wenn nach dem Ende der letzten von ihm geleiteten Sitzung des Gemeinderats Dr. Bernd Sipple in diesem Kreis in den Ruhestand verabschiedet wird.

Aber nicht anders haben die Herbrechtinger ihren Bürgermeister über die Jahre kennengelernt. Nur die Aufgabe war Sipple wichtig, nicht der Titel des Bürgermeisters. Auch im Amt wollte Sipple vor allem Mensch sein. Das hat ihn sympathisch gemacht. Allüren, Arroganz: bei Sipple Fehlanzeige.

Favorit der Herbrechtinger 1995

Als „Mann der Wirtschaft“ angetreten, war der gebürtige Giengener deutlicher Favorit der Herbrechtinger, als es 1995 galt, einen Nachfolger für Bürgermeister Peter Kiefner zu wählen. Krawatte ja, Anzug weniger, das Hemd gern kurzärmlig und die Rede stets frei – bis heute hat sich bei Sipple am lockeren Dresscode und an den Umgangsformen nichts geändert.

Familienfreundlichkeit und Stadtmarketing hatte er im ersten Wahlkampf als seine Ziele ausgegeben. Das Erste hatte er konsequent bis zu seinem letzten Arbeitstag verfolgt. Dank seinen Bemühungen sind in Herbrechtingen heute alle Schulabschlüsse möglich. Und mit dem neuen Kinderhaus am Stockbrunnen und dem unlängst erweiterten Roten Haus beim Bibris-Schulzentrum gibt es für junge Familien ausreichend Kindergarten- und Hortplätze.

Gefühl für Anliegen der Bürger

Für die Zufriedenheit der Menschen hatte Sipple schon während des Studiums ein besonderes Gespür gezeigt. Zwei Jahre vor seiner Wahl hatte er eine Studie bei Bosch-Siemens-Hausgeräte über Arbeitszufriedenheit und Belastungsfaktoren in Arbeitsabläufen mit Erfolg für die Promotion eingereicht.

In puncto Bürgerzufriedenheit und Stadtwerbung hatte Sipple gleich im zweiten Amtsjahr einen Paukenschlag gelandet. Damit ist weniger das nach seinem Amtsantritt geprägte Stadtmotto „Stadt Herbrechtingen natürlich“ gemeint, sondern die Ausweitung des Stadtfestes auf die gesamte Lange Straße plus die anliegenden Seitenstraßen. Sipple hatte beim Landratsamt die Sperrung der Durchgangsstraße für ein Wochenende durchsetzen können und damit den Weg geöffnet für ein Stadtfest, welches als das Beste im ganzen Landkreis gehandelt wird. Dass der Gemeinderat seine Tourismus AG gekippt hatte, war da leicht zu verschmerzen.

Daueraufgabe Lange Straße

Mit der Langen Straße hatte Sipple aber auch eine Aufgabe geerbt. Eine wissenschaftliche Studie zu den Mängeln der Stadt hatte gezeigt, wie tief die unter dem Verkehr stöhnende Durchgangsstraße von den Bürgern als Wunde in der Stadt empfunden wurde. Diese mit einer Umgehungsstraße zu heilen und gleichzeitig die Innenstadt neu zu gestalten, wurde zur ersten Kraftprobe für den Bürgermeister, der in Konstanz Verwaltungs- und Rechtswissenschaften studiert hatte. Als 1998 der erste Spatenstich für die Grundwegtrasse erfolgte, sprach man von einer Sternstunde in der Geschichte Herbrechtingens – nach fast 50 Jahren des Planes. Der kreisweit erste Bauern- und Wochenmarkt war dagegen von Sipple schnell aus dem Hut gezaubert.

Und auch für die Einrichtung eines Familienzentrums hatte Sipple einen noch zögernden Gemeinderat bereits 1996 gewinnen können.

Ein Herz für die Jugend

Der junge und für soziale Belange sehr aufgeschlossene Bürgermeister hatte auch ein besonderes Auge für die Jugend. Die Vereine erhielten einen Zuschuss für die Jugendarbeit, im Vohenstein und in Bolheim wurde ab 2000 ein Jugend-Treffpunkt ins Auge gefasst. Die Vermarktung des mit Giengen 1997 beschlossenen Industrieparks an der A 7 verlief hingegen schleppend und kann eigentlich erst heute als abgeschlossen bezeichnet werden. Sipple aber drängte damals darauf, denn in Herbrechtingen fehlte es in diesen Jahren an Arbeitsplätzen.

Im Jahr 2000 gewannen die Stadtwerke die SWU als Partner. Mit je 50 Prozent Anteil bildeten sie die Technischen Werke Herbrechtingen. So gestärkt konnte auch die Sanierung des Hallenbads gelingen, das 2004 als Jurawell weithin Beachtung fand.

Entschiedener Demokrat

Herbrechtingens scheidender Bürgermeister ist ein entschiedener Demokrat. Bei ihm gilt, wer den Bürgern gerecht werden will, muss vorher viele Stimmen gehört haben, um zu verstehen, was die Menschen wollen. Die Verschönerung der Innenstadt einschließlich des Stadtgartens machte Sipple mit Foren zu einer Angelegenheit aller Bürger. Und auch zuletzt für den Bau der neuen Bibrishalle band der Bürgermeister alle Beteiligten ein, duldete es ohne Widerrede, dass der Gemeinderat mehrfach die Diskussion von vorne aufnahm. Ein autoritäres Bestimmen war Sipple fremd.

Das Machbare tun

Er verstand sich als jemand, der einen Auftrag von den Bürgern für die Bürger erhalten hat. Als Dienstleister wollte Sipple weder Utopist oder Visionär sein. Das Machbare für die Stadt tun – zugunsten der Bürger der Stadt, war seine Devise. Das Versprechen der Ulmer Schwörformel aus dem Jahr 1397, als Bürgermeister Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein, hat Sipple immer eingelöst. Als Bürgermeister zeichnete sich Sipple auch durch Zähigkeit aus. Die 2000 in Angriff genommene Innenstadtentwicklung wurde verkehrstechnisch erst vor wenigen Jahren mit den zwei Kreiseln auf der Durchfahrtsstraße abgeschlossen, der Stadtgarten hat erst im vergangenen Jahr seinen Feinschliff erhalten. So wie die Stadt Geld hatte, wurde finanziert. In Sachen Geldausgeben war Sipple alles andere als ein Hasardeur.

Ansprechbar für jedermann

Herbrechtingen hat ungemein in den vergangenen Jahrzehnten vom Aufschwung der Wirtschaft profitiert. Die Nähe zur Autobahn lockte Gewerbe, die Einbettung in die Natur neue Einwohner, Sipple und der Gemeinderat haben beiden den Weg geebnet, ohne das Bild der Stadt und deren Wesen zu opfern.

Die örtlichen Vereine als verlässliche Konstanten in einem vielfach auf Ehrenamt gegründeten Gemeindeleben haben bei Sipple über all die Jahre mit ihren Anliegen einen Ansprechpartner gefunden.

Dass ihn eine schwere Erkrankung mehrere Jahre ausbremste, war nicht auf der Agenda des Bürgermeisters gestanden. Aber Sipple hat sich zurückgekämpft, nicht aufgegeben.

Neuer Lebensabschnitt

Seine Entscheidung, nicht für eine vierte Amtszeit zu kandidieren, hat er frei treffen können. Ein ohne die Strapazen des Amtes wieder selbst bestimmter Lebensabschnitt steht vor dem 54-Jährigen. Die 24 Jahre mit ihm haben Herbrechtingen gutgetan.