Herbrechtingen / Günter Trittner Totholz, die Wortbedeutung führt in die Irre. Es geht um Lebensräume und es geht um ein Konzept, wie man diese schützt und unterhält. Der Gemeinderat von Herbrechtingen hat entschieden, das auf Landesebene entwickelte Alt- und Totholzkonzept auf den 745 Hektar Stadtwald umzusetzen.

Rund fünf Prozent des Waldes, so die Zielsetzung des Alt- und Totoholzkonzepts, sollen sich selbst überlassen werden. Im Laufe der Zeit entstehen so im Forst„kleine Urwälder“, wie Revierleiter Martin Müller erläutert. In Frage kommen für solch eine Umwandlung die 180 Hektar Altholzbestand im Herbrechtinger Stadtwald, im denen die Bäume älter als 120 Jahre sind. Um hier die ökologisch sinnvollsten Stellen zu finden, die sich im Sinne des Naturschutzes zu einem Habitat oder gar einem Refugiumerweitern lassen, werden derzeit Großhorst- und Höhlenbäume kartiert. Die Gemeinde hat damit Luis Sikora beauftragt, einen diplomierten Landespfleger und anerkannten Spezialisten, der mit seinem geschulten Auge diese Bestände auf Schwarzspechthöhlen untersucht.

„Der Schwarzspecht ist ein wichtiger Weiser auf interessante Strukturen“, sagt Sikora, der im Auftrag das staatlichen Forsts bereitsüber 100 000 Hektar Wald auf Bäume mit Spechthöhlen durchforscht hat. Bis 60 verschiedene Tierarten können die vom Specht vorzugsweise in Rotbuchen geschlagenen Höhlen nutzen. Der Schwarzspecht gilt deswegen auch als Pionier des Waldes.

30 bis 40 Hektar Wald kann Sikora am Tag inspizieren. Jeder gefundene Höhlenbaum wird mit einem Reißer markiert, mit blauer witterungsbeständiger Farbe wird das in die Rinde eingeschnittene Zeichen in Form eines Hirschgeweihs nachgezogen. Zudem werden die GPS-Daten des Baumes festgestellt und sein Standort in einer Excel-Tabelle festgehalten, die wiederum auf die Forstkarten übertragen werden kann.

Höhlenbäume sind selten, mit zwei rund zwei Bäumen je Quadratkilometer sei in einem Wald zu rechnen, der forstwirtschaftlich genutzt werde, sagt Sikora.„Wenn wir 15 finden, sind wir gut.“

Specht und Waldwirtschaft haben unterschiedliche Ziele, erläutert Sikora, warum Spechtbäume inzwischen Raritäten sind. Wenn eine Buche eine Stärke von 50 Zentimeter und ein Alter von 100 Jahren erreicht hat, sei sie für den Forstwirt schlagreif, für den Specht aber erst baureif. Früher sei hier zumeist zugunsten des wirtschaftlichen Gewinns entschieden worden, heute sei auch die Forstwirtschaft um den Naturschutz bemüht.

„Ich mache mich nach dem Gesetz strafbar, wenn ich einen Höhlenbaum fällen lasse“, weiß Revierleiter Martin Müller. Auch dazu, damit dies im begründeten Einzelfall dennoch möglich ist, braucht man das Alt- und Totholzkonzept.„So können wir den Nachweis führen, dass in unserem Bereich genügend Lebensraum geschützt bleibt.“

An die 40 Hektar Stadtwald sollen von einer weiteren Nutzung ausgeschlossen werden, 32 Hektar hat Müller bereits umrissen.„Wir kommen noch nicht ganz hin.“

Im Scheiterhau, weniger hundert Meteröstlich der Waldarbeitshütten, findet sich nur wenige Meter entfernt eine Buche mit mehreren Höhlenlöchern. Den Schwarzspecht, den einzigen Großholzbauer, vermutet Sikora nicht mehr hier, aber vielleicht hat eine Hohltaube ihr Quartier genommen. Auch Marder schätzen diese beschützenden Unterkünfte. Fledermäuse ziehen ins Obergeschoss, der bis zu einem Meter tiefen Höhlen ein, Rosenkäfer mögen die Feuchte in deren„Keller“. Von„Hochhäusern des Waldes“ spricht Sikora anerkennend.

Der Baum wird registriert, doch eine Erweiterung zu einem Habitat, einer der Bewirtschaftung entzogenen Baumgruppe, kann hier nicht erfolgen. Zu nah ist der Waldweg, zu hoch das Risiko, dass fallende Bäume diesen versperren.„Wir haben auch eine Verkehrssicherungspflicht“ sagt Müller.

Anders sieht es am Hinteren Gemeindeberg aus, einer Hanglage, die deswegen auch betriebswirtschaftlich nicht so interessant ist. Hier gäbe es für Müller sogar die Chance, ein Refugium freizustellen, das eine Mindestgröße von einem Hektar haben muss. Idealerweise säumt hier die Spechtbäume ein Gürtel von Douglasien. Die Spechte nisten zwar in Buchen, suchen ihre Nahrung aber in Nadelbäumen. Und die Gegend ist abgelegen.„Hier kommt niemand her“, vermutet Müller, um dann doch im Gras eine weggeworfene Kakaotüte aufzustöbern. Sikora, der bereits für einige Gemeinden im Landkreis die Großhorst- und Höhlenbäume kartiert hat, geht davon aus, dass eine sich selbst überlassene Waldfläche sogar zu einem Anziehungspunkt für Naturinteressierte werdenkönnte.