Herbrechtingen / Elena Kretschmer Als deren Leiter ist Thomas Jentsch stets offen für neue Ideen und Medien. Er blickt zurück auf 2018 und erzählt, was seine Visionen für 2019 sind.

Sogar „Bücher, von denen man noch gar nicht wusste, dass man sie mal ausleihen möchte“, gibt es in der Stadtbücherei Herbrechtingen. So zumindest betitelt Büchereileiter Thomas Jentsch eine seiner Abteilungen. Er zieht ein zunächst recht unscheinbares Buch mit dem Titel „ABC 3D“ von Marion Bataille aus dem Regal und schlägt es auf. Dabei kommen einem die Buchstaben des Alphabets als Pop-up-Elemente entgegen, die teilweise beim Blättern ineinander übergehen. „Das ist doch mal was ganz Anderes, oder?“, fragt der 46-Jährige. Zweifellos.

Auch sonst ist Jentsch immer offen für Neues, legt großen Wert darauf, „am Puls der Zeit zu bleiben“. So habe man in der ersten Jahreshälfte 2018 beispielsweise die sogenannten Tonieboxen eingeführt – bunt gepolsterte Würfel mit zwei Gummi-Ohren. Stellt man eine Spielfigur, einen sogenannten Tonie, auf die Box, fängt sie an, dessen Geschichte zu erzählen. „Die werden rasend stark nachgefragt. Mittlerweile haben wir vier Verleih-Boxen und um die 50 Figuren“, sagt Jentsch freudig. Bei einem Weihnachtsgewinnspiel hat die Bücherei sogar eine Toniebox verlost.

Ebenfalls im vergangenen Jahr angeschafft hat Jentsch eine Kuti-Konsole. „Das ist ein Projekt von Hamburger Studenten. Da geht es quasi ums Ur-Gaming“, erklärt er. Kuti ist eine robuste, quadratische Spielekonsole, die eine Sammlung schneller, lustiger und einfacher Spiele für zwei bis sechs Mitspieler beinhaltet. „Sie ist ganz einfach mit drei Fingern steuerbar. Die Kinder haben da große Freude dran, die Eltern manchmal nicht so, weil ihre Kinder dann noch weniger wieder gehen wollen“, sagt Jentsch augenzwinkernd.

Abgesehen von Neuanschaffungen war das Jahr 2018 für die Bücherei vor allem von Personalwechseln geprägt. „Unsere Frau Gerstlauer ist in den Ruhestand gegangen. Außerdem hatten wir schon 2017 ein paar personelle Probleme. Da ist unsere 100-Prozent-Stelle weggefallen und wir mussten teilweise samstags schließen, weil es nicht mehr stemmbar war. 2018 sind dafür zwei neue ins Team gekommen.“ Laut Jentsch ein Generationenwechsel, weil beide knapp über 20 Jahre alt sind.

Selbst bei den Medien in der 600-Quadratmeter-Bücherei ist es ein ständiges Kommen und Gehen. Etwa 24 000 Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, CDs, DVDs, Hörbücher, Nintendo- und Brettspiele sind dort untergebracht, aber wenn jedes Jahr etwas neu angeschafft wird, muss eben auch Altes ausgemistet werden. „Wir haben zum Beispiel die gesammelten Werke von Büchner verschenkt. Aber wir sind nunmal kein Archiv, sondern ein Dienstleister für die Menschen in Herbrechtingen. Und wenn Bücher seit vier Jahren nicht mehr ausgeliehen wurden, dann nehmen sie nur Platz im Regal weg“, so der Bibliothekar. Aber das ein oder andere Mal bekomme ein Buch auch nochmal eine Schonfrist.

Definitiv noch eine Weile bleiben dürfen die meistentliehenen Medien des Vorjahres. In der Kategorie Roman liegen gleich sechs Bücher auf Platz eins, fünf auf Platz zwei und 16 auf Platz drei, darunter Joy Fieldings „Solange du atmest“, Sebastian Fitzeks „Passagier 23“ oder Karin Slaughters „Gute Tochter“. Bei der Sachliteratur hatte Cordula Neuhaus mit „Das hyperaktive Kind und seine Probleme“ die Nase vorn, gefolgt von Michael Koflers „Geschmack von Laub und Erde“ sowie Meik Wikings „Hygge“. Die Jugend las auffallend gern die Tom-Gates-Reihe von Liz Pichon, bei den Kindern lag „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler hoch im Kurs. In Sachen Hörbücher war Eckart von Hirschhausens „Ist das ein Witz?“ besonders beliebt, bei den CDs Bravo Hits 98 und 100 sowie zu Jentschs erstaunen auch „13“ von Black Sabbath, bei den DVDs „Girl on the Train“. „Allerdings können Verlängerungen die Statistik immer ein bisschen verzerren“, erklärt er.

Im Hier und Jetzt ist es dem Büchereileiter wichtig, eine Außenrückgabe einzuführen, „sodass die Leute 24/7 ihre Bücher zurückgeben können. Denn oft klingelt es bei uns an der Tür, auch wenn wir geschlossen haben“. Ob dieser Container draußen oder innerhalb des Kulturzentrums aufgestellt wird, müsse man sehen.

Zudem möchte er das Zeitschriften-Angebot etwas „umkrempeln“. In der Not – weil man keinen Lieferanten vor Ort gefunden hatte – habe man Abos abschließen müssen. „Aber manche Titel laufen nicht. Trotzdem ist man dann mindestens ein Jahr gebunden.“ Um künftig flexibler auf solche Trends reagieren zu können, werde man zu einem speziellen Anbieter für Büchereien wechseln: „Das ist jederzeit kündbar.“

Besonders stolz ist Jentsch im alten wie im neuen Jahr auf seine Veranstaltungen für Jung und Alt. Von Lesungen über das Literaturfrühstück bis hin zum Bücherherbst ist einiges geboten. Die lange Büchereinacht, die 2018 zum ersten Mal stattfand, kam sogar so gut an, dass sie heuer wiederholt werden soll: „Mit Band, Fingerfood und Präsentationen.“

Büchereileiter Thomas Jentsch

Der 46-Jährige wurde eher durch Zufall Bibliothekar. Auf dem Arbeitsamt durchforstete er Stellenanzeigen und entdeckte seinen Traumjob. „Bibliothekswesen war mir sehr sympathisch. Dass man das in Stuttgart studieren konnte, traf sich super, weil ich nicht allzu weit von Ellwangen weg wollte“, so Thomas Jentsch. Sein Kurzpraktikum bestätigte ihn schließlich restlos in seiner Entscheidung.

Seit 2002 arbeitet er nun in Herbrechtingen und ist rundum zufrieden: „Ich mag besonders den Kontakt zu Menschen. Vom Säugling bis zum Senior ist alles dabei.“ Der Spaß an der Arbeit gebe ihm ein Glücksgefühl. „Aber es könnte ein paar mehr Männer in diesem Beruf geben“, merkt er an.

Das Angebot seiner Bücherei umfasst außer der Bücherausleihe auch Medienboten, die Menschen die Medien nach Hause bringen, Führungen für Schulklassen und andere interessierte Gruppen, individuell zusammengestellte Medienkisten, Lesenächte und Materialien für den Bereich Leseförderung (Bilderbuchkinos etc.).

Die Gesamtnutzerzahl der Stadtbücherei liegt derzeit bei 5961. Diese Zahl ist allerdings nur bedingt aussagekräftig. Interessanter ist die Zahl der aktiven Benutzer, das heißt Benutzer, die 2018 mindestens einmal etwas ausgeliehen haben. Sie liegt bei 1119.