Herbrechtingen / Günter Trittner Übernachtet wird auf dem Festplatz beim Jurawell sowieso bereits. Die Stadt möchte das wilde Campen jetzt in eine legale Form bringen. Kritiker im Gemeinderat vermissen ein touristisches Konzept.

Eine große Lösung auf dem Festplatz war im September vergangenen Jahres an der Mehrheit des Gemeinderats gescheitert. Die jetzt dem Gremium vorgestellte kleine Lösung für einen Wohnmobilstellplatz für gerade vier Fahrzeuge war zwar immer noch umstritten, fand am Ende aber eine sehr klare Mehrheit. Nur einen Haken gibt es noch. Die Stadtverwaltung will die vorgesehenen 40 000 Euro für Markierungen, Begrünung und Strom- und Wasseranschlüsse nur ausgeben, wenn sie Mittel aus dem EU-Förderprogramm Leader erhält. Die Antragsfrist setzt rasches Handeln voraus. Sie endet am 10. Juni.

Große Lösung war bereits im September 2019 gescheitert

Im Herbst waren es private Investoren gewesen, denen mit 30 Stellplätzen und sechs Ferienbungalows im Eingang zum Eselsburger Tal eine ganze touristische Destination im Umfeld des Jurawell vorgeschwebt hatte. Nun ist es die Stadtverwaltung, die mit vier ausgewiesenen Stellplätzen gleich neben der Toilettenanlage im Grunde nur das bisher schon übliche Parken von Wohnmobilen auf dem Festplatz in eine geordnete Form bringen möchte. „Wir wollen es so einfach wie möglich halten“, so Bürgermeister Daniel Vogt. „Wir machen hier keinen kommunalen Campingplatz.“

33 potenzielle Standorte wurden überprüft

Große Mühe hatten sich im Vorfeld die Mitglieder des Ausschusses für Umwelt, Bauwesen und Verkehrsangelegenheiten gegeben, um unter 33 von der Stadtverwaltung ins Spiel gebrachten möglichen Standorten den am besten geeigneten zu finden. In ihre engere Wahl kamen der Festplatz beim Jurawell, die Tennisanlage in Bolheim, das Hausener Tal bei Bissingen und der Wanderparkplatz oberhalb von Eselsburg.

Festplatz gilt als hervorragend geeignet

Favorit blieb der Festplatz. „Diese Fläche ist hervorragend geeignet“, fand auch Bürgermeister Vogt nun in der Sitzung des Gemeinderats. Sie besteche durch die Nähe zur Stadt und zugleich durch die Nähe zum Naherholungsbereich Eselsbruger Tal.

Für Vogt steht auch fest, dass es einen Bedarf für eine solche Einrichtung gibt in Herbrechtingen. Auch ohne die Einschränkungen durch die Corona-Bestimmungen würden immer mehr Menschen im näheren Umfeld Urlaub machen wollen.

SPD kritisiert und fordert mehr

Widerstand und Fragen kamen im besonderen aus den Reihen der SPD. Stadtrat Thilo Eckermann hätte den Plan am liebsten komplett abgelehnt. Ihm fehlte im Großen das touristische Konzept und im Kleinen die Regelungen für den Betrieb der Anlage: Wie steht es um den Brandschutz, die Sicherheit bei Nacht, die Meldepflicht bei längeren Aufenthalten und die Ver- und Entsorgung? Selbst Rangierhilfen schienen Eckermann angebracht. Sein Eindruck. „Wir wollen den billigen Jakob machen und sonst nichts.“

Tourismus als Einnahmequelle

Als richtiger sah es Eckermann an, basierend auf einem großen Konzept den Tourismus zu einer Einnahmequelle für Handel und Gewerbe in der Stadt zu machen. So generiere man durch eine Aufenthaltsgebühr maximal 11 000 Euro pro Jahr.

„Wir müssen touristisch weiter denken, damit auch wir in Herbrechtingen etwas davon haben“, meinte auch Stadträtin Susanne Walter (SPD), deren Ehemann einer der Initiatoren der im September 2019 gescheiterten „großen Lösung“ ist.

Wirtschaftlichkeit steht nicht im Fokus

Bürgermeister Daniel Vogt hielt deutlich dagegen. Bei der jetzt anstehenden Entscheidung gehe es nur darum, „ob hier vier Camper legal stehen können.“ Wirtschaftlichkeitsüberlegungen stünden nicht im Fokus. „Wir werden dort nicht groß Geld verdienen, das ist aber auch nicht das Ziel“, assistierte Dieter Frank, der Fachbereichsleiter Bau. Orientiert habe man sich beim Planen und Ausgestalten an der Gemeinde Hürben, die bei der Charlottenhöhle auch einen einfachen Wohnmobilplatz eingerichtet habe und unterhalte.

Erweiterung ist denkbar, aber eher an anderen Stellen

Planerisch hat die Stadtverwaltung eine Erweiterung am Festplatz überprüft. Auf der Schotterfläche, so Dieter Frank, seien noch zwölf Plätze möglich. „Aber“, so Vogt, „das ist hier nicht unsere Intention.“ Eher würde man an einem der weiteren drei vorgeschlagenen Standorte Plätze schaffen.

Der Plan, vier Plätze auf dem Festplatz einzurichten, wurde vom Gemeinderat mit einer Gegenstimme angenommen.

Drei Qualitäten

Bei Wohnmobilstellplätzen unterscheidet man drei Qualitäten. Als Basic ist ein einfacher Platz für eine Nacht definiert, der in der Nähe einer Fernstraße liegt. Der Standard-Platz, für den sich der Gemeinderat entschieden hat, verfügt über Strom, Wasser und eine Müllentsorgung. Der Premium-Platz liegt in der Nähe einer touristischen Attraktion und bietet Duschmöglichkeiten, WC, Waschmaschine und W-Lan.

Jährlich mehr Reisemobile unterwegs

Die Zulassungszahlen für Reisemobile und Caravans kennen seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. Selbst die Corona-Krise wird nach Einschätzung des Caravaning Industrie Verbands nur eine kleine Delle im Absatz dieser Freizeitmobile bewirken.

Die Zahl der neu zugelassenen Reisemobile stieg in Deutschland in den Jahren 2017 bis 2019 von 15 082 über 18 925 auf 21 733. Damit wurde 2019 eine Rekordmarke gesetzt. In diesen Jahren wurden zudem 8350, 9088 und schließlich im Jahr 2019 10 111 Caravans neu angemeldet.