So mancher stand in den vergangenen Monaten etwas ratlos vor dem Café Schwanen in Herbrechtingen. Obwohl man zur üblichen Öffnungszeit in der Anhauser Straße aufschlug, war die Ladentür verschlossen und die Rollläden auf Halbmast. Enttäuscht ob der ruinierten Aussicht auf Kuchen oder Torte, musste man wieder gehen. Je länger der Corona-Lockdown zurücklag, umso irritierter war man beim nächsten gescheiterten Versuch. Bis auf ein kleines Schild, auf dem „geschlossen“ steht, gibt es keinen Hinweis im Schaufenster, der verrät, ob und wann es die süßen Köstlichkeiten in der Konditorei wieder zu kaufen gibt. Umso überraschender ist die Antwort des Inhabers Wolfgang Schlumberger: „Das Café bleibt zu.“

Inhaber im Ruhestand

Die Schließung habe jedoch nichts mit Corona zu tun, so der Konditormeister. Zum letzten Mal geöffnet hatte er bereits zwei Wochen vor der Pandemie. Was ist dann der Grund für das Ende der traditionsreichen Herbrechtinger Gastronomie mit ihrem unverwechselbaren Retro-Charme? „Ich habe mich altershalber zurückgezogen“, erklärt der 64-Jährige, der die Konditorei 34 Jahre lang geführt hat.

Vorübergehend oder für immer? Das kleine "Geschlossen"-Schild im Schaufenster des Café Schwanen lässt Kunden im Dunkeln.
Vorübergehend oder für immer? Das kleine „Geschlossen“-Schild im Schaufenster des Café Schwanen lässt Kunden im Dunkeln.
© Foto: Rudi Penk

Viele seiner Kunden seien enttäuscht darüber, nie wieder die Auswahl selbstgemachter Kreationen in der Auslage und die nostalgische Inneneinrichtung begutachten zu können, würden aber auch Verständnis für seinen Entschluss zeigen. „Irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen.“ Schlumberger hat keine Kinder, die das Café Schwanen hätten fortführen können. Selbst wenn, Kinder seien keine Garantie für den Fortbestand eines Geschäfts, so der Herbrechtinger. Er kenne einige Kollegen, bei denen der Nachwuchs eine Konditorlehre absolviert, den Familienbetrieb aber doch nicht übernommen habe.

Zukunft des Areals offen

Was nun mit dem markanten orangefarbenen Haus passiert, das sich bereits seit 110 Jahren im Besitz der Familie befindet, ist noch offen. „Es gibt viele Optionen, aber über ungelegte Eier spricht man bekanntlich nicht.“

Der Herbrechtinger machte zwar kein großes Aufheben um seinen Ruhestand, dennoch ist ihm die Entscheidung nicht leichtgefallen, mit dem Café aufzuhören. „Es hängt viel Herzblut dran. Wenn man selbstständig ist, verbringt man sehr viel Zeit bei der Arbeit.“

Torten und Kuchen auf Bestellung

Doch es gibt eine gute Nachricht für Stammkunden, die es ohne Schwarzwälder Kirschtorte nach altem Rezept der Familie Schlumberger nicht lange aushalten: Der 64-Jährige hat Rührschüssel, Teigroller und Co. nicht endgültig zur Seite gelegt. „Auf Bestellung backe ich nach wie vor.“

Das Café war früher ein Gasthaus


Die Großeltern von Wolfgang Schlumberger kauften das Haus in der Anhauser Straße im Jahr 1910 und eröffneten darin das „Gasthaus zum Schwanen“. Als deren Sohn, Karl Schlumberger, aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, übernahm der gelernte Konditor 1950 das Geschäft. Anfangs wurde es in gewisser Weise noch als Gasthaus geführt, mit Stamm- und Mittagstisch. Im Laufe der Zeit wurde es mehr als Café betrieben. Schon früh begann Wolfgang Schlumberger bei seinen Eltern zu arbeiten, im Alter von 30 Jahren übernahm er dann das Ruder.