Immer wenn Sabrina Kiefner mal wieder in den Landkreis Heidenheim zurückkehrt, befällt sie eine gewisse Wehmut. „Auch nach einem halben Leben im Ausland verspüre ich diese Nostalgie des Heimkehrers, der spürt, wie er mit dieser schroffen, aber herrlichen Gegend und ihren Menschen verwachsen ist“, beschreibt Kiefner ihre Empfindungen, die sie vor allem mit ihrer Heimatstadt Herbrechtingen verbindet. „Und es sind die vielen glücklichen Kindheitserinnerungen, die ich hier gar nicht alle aufzählen könnte“, ergänzt sie.

Herbrechtingen war für viele Jahre ihr Lebensmittelpunkt, aufgewachsen ist Sabrina Kiefner hier im Kreise ihrer sechsköpfigen Familie. Ihr Vater Peter war 24 Jahre Bürgermeister in der Buigenstadt, Sabrina Kiefner erinnert sich noch gut an diese Zeit: „Er las uns Kindern manchmal seine frisch verfassten Reden vor, bevor er diese in der Öffentlichkeit hielt.“ Auch sonst sei vieles hängengeblieben, für gewöhnlich komme sie ein- bis zweimal im Jahr in Herbrechtingen zu Besuch, um ihre Eltern und Geschwister, aber auch weitere Freunde und Bekannte zu besuchen. „Leider ist in diesem seltsamen Jahr nichts wie sonst und manches Wiedersehen musste aus den allgegenwärtigen Gründen abgesagt werden“, bedauert sie. „Hoffen wir auf Besserung im neuen Jahr.“

Leben im Bahnwärterhäuschen

Trotz der engen Verbundenheit mit der alten Heimat genießt Sabrina Kiefner ihr Leben in Frankreich in vollen Zügen. Und das, obwohl ihr einst ihr erster Französischlehrer am Gymnasium prophezeit hatte, sie würde die Sprache niemals richtig lernen. Sicherlich sei sie dem französischen Charme verfallen, dem Flair des Küstenstädtchens La Rochelle und der lockeren Lebensart der Franzosen, dem berühmten laissez-faire. Vor allem aber fasziniere sie die Vielseitigkeit des Landes, von den Alpengipfeln im Südosten bis zu den Klippen der Normandie im Nordwesten. „Die Atlantikküste hat es mir besonders angetan. Und da mein Portugiesisch fast so miserabel war wie meine Spanischkenntnisse, kam eben nur Frankreich in Frage“, sagt sie lachend.

Mit ihrem Mann lebt die 52-Jährige seit einigen Jahren in Sainte Radégonde unweit der Atlantikküste, auf halber Wegstrecke zwischen den beiden Großstädten Nantes und Rochefort. Ursprünglich nach Frankreich ausgewandert ist Sabrina Kiefner aber bereits 1992, also zu einer Zeit, als ihr Vater noch in Herbrechtinger Bürgermeisterehren war. Der erste Schritt ihres neuen Lebens führte sie nach Lothringen, dort entdeckte sie auf einer Wochenendreise zufällig ein restaurationsbedürftiges, traumhaft gelegenes Bahnwärterhäuschen.

Und fasste den Entschluss, diese glückliche Fügung zu nutzen und auszuwandern. „Man wandert ja immer mit großen Erwartungen und einem gewissen Positivismus aus. Nicht aber mit dem festen Vorsatz, sein ganzes Leben im Ausland zu verbringen“, sagt sie. Es kam dann eben doch, wie so oft im Leben, anders als man denkt.

Zunächst im Immobiliengeschäft tätig

In ihren ersten Jahren in Lothringen war Sabrina Kiefner dann auch erst mal im Immobiliengeschäft tätig, die einst gegründete Immobilienfirma gibt es noch heute, diese hat sich auf die Vermietung von Ferienwohnungen spezialisiert. Als Fremdsprachenkorrespondentin lehrte sie an öffentlichen und privaten Hochschulen, arbeitet mittlerweile hauptberuflich als Übersetzerin – und verwirklichte sich ihren Kindheitstraum: Reitlehrerin werden. Nicht nur gibt die passionierte Reiterin in Reitkursen ihr Wissen weiter. Als Mitglied des französischen Damensattelvereins schreibt sie auch regelmäßig für die Vereinszeitschrift Artikel über die Geschichte des Reitens – und entdeckte so ihre Liebe zum Schreiben. „Ich glaube ja, dass das Leben die besten Geschichten schreibt“, sagt sie.

Mittlerweile ist Sabrina Kiefner auch Autorin von Historienromanen. Die beiden Bände ihres Erstlingswerks „Celeste“ sind erst in französischer Sprache erschienen und lösten so viele positive Reaktionen aus, dass sich die 52-Jährige entschloss, den ersten Band in ihrer Muttersprache herauszubringen. So hätten auch die Menschen in der alten Heimat die Möglichkeit, die „dramatische und authentische Lebensgeschichte einer Amazone zur Zeit der französischen Revolution“ kennenzulernen.“

Authentisch oder Legende?

Das verworrene Schicksal ihrer Romanheldin habe sie dazu inspiriert, sich noch tiefer in die Materie einzuarbeiten. Nachdem sie in einer Ausstellung einen Kupferstich von dieser Dame gesehen habe, habe sie erfahren wollen, ob die Kampfszene authentisch ist oder ob es sich bei dieser Kriegerin im Damensattel um eine Legende handelt.

Bei anfänglichen Recherchen im Internet sei sie dann auf gegensätzliche Auskünfte gestoßen, etwa unterschiedliche Geburtsdaten. Als Kiefner dann herausfand, dass Céleste de Bulkeley bei mehreren Schlachten mitgewirkt hatte, begann sie, in den regionalen Archiven nachzuforschen. „Eine Manuskriptsammlung aus dem Jahre 1793, die auf mysteriöse Weise mehrere Revolutionen und Kriege überdauert hat, gab letztendlich für mich den Ausschlag dazu, Celestes Geschichte vor der Vergessenheit bewahren zu wollen“, so Kiefner. „Gott und der König“, der erste Teil des aus zwei Bänden bestehenden Historienbands, erschien in Frankreich im Oktober 2019, Band zwei, „Das Manuskript der Amazone“, folgte im April dieses Jahres.

Portrait einer von Stauffenberg

Und damit nicht genug: Die positive Resonanz auf „Celeste“ veranlasste Sabrina Kiefner dazu, in diesem Jahr einen weiteren Historienroman zu verfassen. Für „Sturzflug“ nahm sie sich Melitta Gräfin von Stauffenberg vor, die sich zum Ende des Dritten Reiches einen Namen als Flugpionierin gemacht hatte. Melitta von Stauffenberg war unter anderem die erste Frau im damaligen Deutschen Reich, die den Segelflugschein erwerben und sich im Bereich des Kunstflugs einen Namen machen konnte. So absolvierte sie, die als einziges Mitglied des weitverzweigten Stauffenberg-Clans wegen ihrer wissenschaftlichen, als kriegswichtig eingestuften Forschungsarbeiten von der Sippenhaft verschont wurde, allein 2500 Sturzflüge zu Testzwecken. „Diese vergessenen Frauen wie Melitta von Stauffenberg und auch Celeste sind es, denen ich Aufmerksamkeit schenken möchte“, so Kiefner. Dieses Mal schrieb sie den Roman erst in ihrer Muttersprache Deutsch, dieser soll aber im nächsten Jahr auch in der französischen Übersetzung veröffentlicht werden. „Mein deutsch-französischer Lebenslauf hat sicherlich zur Entstehung dieses Romans beigetragen.“ Und es dürfte nicht der letzte gewesen sein.

Die Zeitung baut wieder Brücken in alle Welt


Seit fast zwei Jahrzehnten berichten immer zum Weihnachtsfest Auswanderer aus der Region Heidenheim von ihrem Leben fernab der Heimat – auch in diesem Jahr.

In der heutigen Heiligabend-Ausgabe baut die Heidenheimer Zeitung wieder Brücken in alle Welt – zu finden sind die Beiträge der insgesamt 22 Teilnehmer ab Seite ...

In diesem Jahr gehört auch Sabrina Kiefner zu den Teilnehmern bei Brücken in alle Welt. Die Herbrechtingerin lebt seit 28 Jahren in Frankreich, seit einigen Jahren unweit der Atlantikküste.