Eigentlich wollte ich mal Lehrer werden, aber nach meinem Studium ging es zuerst einmal raus in die weite Welt, um mir etwas Luft zu schaffen. In Neuseeland (wo auch sonst) hat Amors Pfeil den Wunsch nach der Rückkehr in die Heimat und das zweite Staatsexamen gerade noch rechtzeitig verhindert. Jetzt aber hatte mich das Reisefieber gepackt und sechs Jahre später waren wir in Spanien, wo wir uns ein paar Hektar Land und ein altes Haus in den Bergen in der Nähe von Sevilla kauften.

Wiederum 25 Jahre später kamen wir auf die Idee, noch einmal etwas ganz Anderes zu probieren und verkauften das nunmehr renovierte Haus mit angepflanztem Garten, Wald und allen Tieren. Wir packten also alles, was in unseren alten R4 passte und machten uns auf den Weg ins Heimatland meiner Frau. Nach so vielen Jahren des Landlebens auf einem Ökobauernhof mit Selbstversorger-Trip musste es natürlich etwas ganz Besonderes sein. Wir erinnerten uns an die schöne Zeit auf Schwiegervaters Kanalboot – und sehr schnell war auch das passende Objekt gefunden.

Peter Ott lebt auf einem Kanalboot in England.
Peter Ott lebt auf einem Kanalboot in England.
© Foto: Ott/privat

Seit über einem Jahr auf den Kanälen Englands unterwegs

Wir sind jetzt seit über einem Jahr auf den Kanälen Englands unterwegs und ich bin jeden Tag aufs Neue von der Schönheit der Natur, der Freundlichkeit und dem Interesse der Leute und der Hilfsbereitschaft der anderen Kanalschiffer überrascht. Die Langsamkeit der Fortbewegung (die Fußgänger auf dem Leinpfad sind deutlich schneller), nur unterbrochen von Schleusen und Drehbrücken, anhalten, wo man will und weiterfahren, wenn‘s nicht passt, das macht das Ganze sehr stressfrei und genießenswert. Man hat viel Zeit zum Lesen und um Radio zu hören. Auf dem Boot gibt es immer etwas zu reparieren, instandsetzen oder renovieren. Oder man macht Ausflüge mit dem Fahrrad ins Hinterland. Kein Tag gleicht dem anderen.

So ist das Boot ausgestattet

Unser Kanalboot ist traditionell ausgelegt. Ein Maschinenraum, der auch als Werkstatt funktioniert, mit einem Dieselmotor. Die Zeiten sind vorbei, als die Boote noch von Pferden gezogen wurden und statt des Motors eine siebenköpfige Familie dort hauste. Der Rest war Ladefläche für Kohle, Wolle und was sonst noch die industrielle Revolution am Laufen hielt.

Dafür haben wir Platz für ein Schlafzimmer, Bad, Küche, Esstisch, eine Wohnecke mit Sofa und Holzofen und eine kleine Veranda. Die Umgewöhnung von 15.000 auf 35 Quadratmeter fällt leichter als man denkt.

Peter Ott lebt auf einem Kanalboot in England.
Peter Ott lebt auf einem Kanalboot in England.
© Foto: Ott/privat

Es bleiben noch 3000 Kilometer Kanalnetz zu erkunden – ganz zu schweigen von den bezaubernden Pubs entlang des Kanals mit ihren hervorragenden Biersorten. Obwohl mir der Leberkäse und Laugenwecken sehr fehlen, hat die englische Küche regional sehr viel kulinarisch Erstklassiges anzubieten. Von der internationalen Bandbreite mal ganz abgesehen. Sogar der Kaffee ist mittlerweile überraschend gut und die Bäckereien werden immer besser.

Fehlt das Leben in Spanien?

Viele Leute fragen, ob wir das Wetter in Spanien nicht vermissen? Nach 25 Jahren Sonne genieße ich den Regen. Und sonst wäre der Kanal ja auch nicht so voll und die Landschaft nicht so grün. Wir hatten einen klasse Sommer, haben im Fluss gebadet, waren am Strand, genossen die herrlichen Herbstfarben und freuen uns auf einen zugefrorenen Kanal – mit Schnee bedeckt.

Vielleicht bleibt dann noch ein größeres Boot, um von Antwerpen ans Schwarze Meer zu schippern. Aber zuerst freue ich mich auf Morgen. Denn dann füllen wir nach einem gemütlichen Frühstück unseren Wassertank auf, gehen durch eine Doppelschleuse, fahren fünf Kilometer weit durch Wald und Wiesen und dann ist es auch schon Zeit, wieder anzulegen. Denn dort befindet sich dann laut unseren derzeitigen Bootsnachbarn eine Kneipe aus dem 16. Jahrhundert mit einer großen Auswahl an „real ales“.

Liebe Grüße an die Heimat,

Peter Ott

Mehr über Menschen aus dem Landkreis Heidenheim, die im Ausland leben, gibt es bei Brücken in alle Welt zu lesen.