Herbrechtingen / Günter Trittner In einem Sozial-Curriculum hat die Schule ihre gesamten Präventionsmaßnahmen zusammengefasst und nach Klassenstufen geordnet.

„Wir müssen es machen“, sagt Roland Widmann. Er ist nicht der einzige Rektor einer Gemeinschaftsschule, der die Erfahrung gemacht hat, dass die Schule teilweise die Erziehung der Kinder zu übernehmen hat, weil Eltern diese unterlassen.

Bereits seit dem Schuljahr 2010/11 ist mit Hans-Jürgen Schilk an der Bibrisschule ein Schulsozialarbeiter tätig. „Wir fangen also nicht von Null an“, so Widmann. Aber man fängt es anders an in der Gemeinschaftsschule.

Im Vorgriff auf das kommende Schuljahr haben Schilk und die Präventionslehrerinnen Veronika Brühl und Jana Schiffer den Bestand an Präventionsmaßnahmen an der Schule gesichtet, überprüft, ergänzt und erstmals in ein Sozial-Curriculum überführt. Damit ist Prävention im Lehrplan der Schule verankert und hat verpflichtenden Charakter. „Jeder Schüler und jede Klassenstufe wird angesprochen,“ sagt Widmann, der darauf verweist, dass sowohl Elternvertreter wie das Lehrerkollegium dieses Verfahren einstimmig gutgeheißen hätten.„Wir waren eigentlich überrascht, was wir schon alles tun“, sagen Widmann und Schilk.

Für gezielte Prävention holt sich die Schule auch Hilfe von außen, wobei vor allem die Polizei gefragt ist. Schilk wiederum hat über die Jahre zahlreiche Fortbildungen besucht, so dass er selbst andernorts entwickelte Programme an der Schule anwenden kann.

Werte und Tugenden vermitteln

Das Wort Prävention lässt an Alkohol, Drogen und andere Süchte denken. Das Sozial-Curriculum an der Gemeinschaftsschule greift jedoch weiter aus. „Es geht zuallererst um Werte und Tugenden“, sagt Widmann. „Die Schule kann heute nicht mehr davon ausgehen, dass die Kinder diese mitbringen.“ Die Aufgabe, Regeln zu vermitteln, damit eine Klassengemeinschaft funktionieren kann, stellt sich laut Schilk immer früher. Bislang hat er seine Arbeit in der dritten Klassenstufe begonnen, dieses Schuljahr war er erstmals schon in der zweiten Klassenstufe präsent. Von den Schülern gebe es keine Ablehnung, wenn solche Themen angegangen werden, berichtet Schilk – im Gegenteil, die Programme kämen sehr gut an.

Das Sozial-Curriculum beginnt in der Sekundarstufe ab der Klassenstufe fünf. Im Zentrum steht der Klassenrat, der hier erstmals gebildet wird und einmal die Woche eine Stunde zusammentritt. „Hier können alle Wünsche und alle Probleme des Miteinanders angesprochen werden“, sagt Schilk.

Fest verankert ist hier auch ein Modul des Fortbildungs- und Präventionsprogramms Konflikt-Kultur, das gezielt auf Mobbing, Auseinandersetzungen zwischen Jungen und Mädchen und die Ausgrenzung von Kindern aus anderen Herkunftsländern gemünzt ist. Fürs erste Kennenlernen der Fünfer gibt es die Kennenlerntage.

In der sechsten Klassenstufe wird die Klassenrat fakultativ fortgeführt. Erstmals kommt mit der Polizei ein externer Partner an die Schule: Es geht in drei Unterrichtseinheiten um Gewalt. Zudem wird in dieser Klassenstufe auf die neuen Medien eingegangen. Weiter thematisiert werden Gefühle und Kommunikation nach dem Motto „Cool bleiben“. Eine heiße Situation entschärfen können Streitschlichter. Zu solchen Helfern kann man sich ab der Klassenstufe sechs freiwillig ausbilden lassen.

Drogen und Jugendschutz

Bei den Siebenern geht es ins Schullandheim für eine Woche, und es gibt den Girl’s- und Boy’s-Day. Die Achter speziell befassen sich mit Drogen und Jugendschutz, die Neuner haben drei Unterrichtseinheiten zu Zivilcourage, welche wie bei den Drogen die Polizei übernimmt.

Dass die Präventionsmaßnahmen im Laufe der Zeit weniger werden, ist kein Zufall. „Die Schüler müssen, wenn sie älter werden, auch lernen, mit ihren Problemen selbst umzugehen“, sagt Schilk. Zudem gehöre es zum Charakter von Vorbeugung, möglichst früh anzusetzen. „Wir warten nicht auf Probleme, wir machen Prävention.“

Für Widmann zeigt das Curriculum auch, dass Schule heute nicht nur theoretisches Lernen meint, sondern tatsächlich auf das Leben vorbereitet. Entsprechend habe die Bibrisschule auch ihr Motto gewählt: „Fit und Fair im Leben.“

Fels und Wasser als Arten von Stärke

Gearbeitet wird an der Bibris-Gemeinschaftsschule auch nach dem in den Niederlanden erarbeiteten und mittlerweile weltweit praktizierten Fels und Wasser-Programm. Dieses von Freerk Ykema entwickelte Training soll den Kindern mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein geben. Es soll ihnen helfen, sich wehren zu können, aber in einer breiteren Perspektive als des sich körperlich Durchsetzens.

Fels und Wasser stehen für zwei Stärken: Selbstbehauptung und Solidarität. Zwischen diesen gilt es die richtige Balance zu finden. Zuerst waren die Übungen auf Jungen gemünzt, die in der Jugend eher als „problematisch“ gesehen werden. Es ist aber von Mädchen ebenso gut aufgenommen worden. gt