Heidenheim / Günter Trittner Das Bild von den Zuzüglern hat sich stark verändert. Die EU-Europäer, die nach Arbeit suchen, dominieren mit großem Abstand. Auch sie sollen besser integriert werden.

Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien bestimmten nach 2015 das Bild der Migration im Landkreis. Das hat sich geändert. Heute sind es vor allem junge Schwarzafrikaner, die über ein Asylverfahren in Deutschland bleiben wollen. Doch auch diese bilden im Vergleich eine sehr übersichtliche Gruppe, wenn man auf die Arbeitsmigranten aus Europa und vor allem Osteuropa schaut, die im Landkreis ihr Glück suchen.

Auch diesen gilt der Blick der Landkreisverwaltung und diese sollen sogar in besonderem Maß berücksichtigt werden, wenn der Landkreis sein Integrationskonzept fortschreibt.

Anzeichen auf Abschottung

„Es bilden sich bereits Inseln“, verweist Erster Landesbeamter Peter Polta auf die sich abzeichnende Entwicklung bei den Arbeitsmigranten, sich landsmannschaftlich abzuschotten. Bis zum Sommer will Frank Neubert, der als Bildungskoordinator für zugewanderte Menschen für vier Jahre angestellt ist, die neue Konzeption fertiggestellt haben.

Seit 2011, so kann es Neubert belegen, sind jedes Jahr über 5000 Ausländer in den Landkreis zugezogen, in der jüngsten Vergangenheit mit steigender Tendenz. 19 950 waren Ende vergangenen Jahres gemeldet, 81 Prozent davon sind Europäer.

Während Flüchtlinge und Asylbewerber von Beginn an eng an die staatliche Verwaltung angedockt sind, gelingt der Kontakt zu den Arbeitsmigranten meist erst dann, wenn Kinder in Kindergärten und Schulen angemeldet werden. „Es gibt für diese Personen kaum eine Betreuungstruktur“, weiß Neubert. Polta vermutet auch deswegen: „Wir haben schon viel für die Integration getan, aber die Aufgabe wird uns noch auf Jahre beschäftigen.“

Um zu verdeutlichen, wie sehr die Verwaltung im Bereich der Bürgerkriegsflüchtlinge aus der Phase maximaler Anstrengung wieder zu einem „Normalbetrieb“ gefunden hat, nennt Polta zwei Zahlen. 2015 waren 1239 Flüchtlinge dem Landkreis zugewiesen worden, dieses Jahr waren es 127. „Ein Zehntel.“ Und es gibt für Polta auch keine Anzeichen, dass 2019 die Zahlen signifikant zunehmen. Zur Zeit werden im Schnitt zehn Asylbewerber pro Monat in den noch drei verbliebenen Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises neu aufgenommen. Der höchste Zugang jemals in einem Monat lag bei 289.

Die Hautfarbe des typischen Asylbewerbers ist heute schwarz. Es handelt sich meist um junge Männer, die als Einzelpersonen ins Land gekommen sind. Von den 227 Personen, welche derzeit in einer vorläufigen Unterbringung sind, stammen 149 aus Afrika. Die Nigerianer sind mit 47 Personen am stärksten vertreten.

„Die Schutzquote liegt bei diesen Menschen aus Nigeria bei 14,6 Prozent“, verweist Polta auf Angaben des Bundesamtes für Migration, welche den Anteil derer widerspiegelt, die nach dem Asylverfahren als Flüchtling anerkannt oder geduldet werden. Bei Syrern liegt die Schutzquote zum Vergleich bei 78 Prozent.

19 Abschiebungen in diesem Jahr

Insgesamt leben 2288 Flüchtlinge im Landkreis. Bei 492 läuft noch das Asylverfahren, bei 219 wurde es abgelehnt, 1577 Personen gelten als anerkannt, 19 wurden dieses Jahr abgeschoben. Mit 1134 Personen machen die Syrer rund die Hälfte der Flüchtlinge aus. Es folgen die Iraker (277), die Nigerianer (120) und die Afghanen (85).

Bei aller Entlastung, Polta ist froh, dass das Land den Einsatz von Integrationsmanagern von zwei auf drei Jahre verlängert hat. 17 Stellen sind im Landkreis eingerichtet worden, die in fünf Verbünden direkt in den Kommunen agieren. „Das ist eine gute Sache.“

Integration heißt gesellschaftliche Teilhabe. Und die möchte die Kreisverwaltung allen Migranten ermöglichen. Als Handlungsfelder hat man unter anderem Bildung, Arbeit, Wohnen und Gesundheit definiert und vor allem Sprache. Nach wie vor ist der Spracherwerb für Polta und Neubert die Schlüsselqualifikation, um in der neuen Heimat anzukommen. Aus der Mitte des Kreistags hat Neubert zudem den Wunsch aufgenommen, weibliche Zugewanderte und Migranten über 50 Jahre besonders in den Blick zu nehmen.

Hilfe wird angenommen

Auch bei der Fortschreibung des Integrationskonzepts wird sich das kreisweite Netzwerk Bildung und Integration einbringen, dem über 20 Einrichtungen, Behörden und Träger angehören. Dieses hat auch ein Beteiligungskonzept entwickelt, das es ehren- und hauptamtliche Helfern vereinfacht ihr Wissen einzubringen. Die bisher erfolgten Maßnahmen zur besseren Integration füllen bereits ein ganzes Heft. Generell stellt Neubert bei den Flüchtlingen eine hohe Bereitschaft fest, sich auf die Hilfen einzulassen.

Eine hohe Bereitschaft ist aber auch auf heimischer Seite zu finden. Neubert denkt hier etwa an das an der Heid-Tech gelaufene Bewerbungstraining, wo mittels Videoaufzeichnungen und Rollenspielen acht junge Flüchtlinge auf ein für sie völlig unbekanntes Verfahren bei den Anstellung von Arbeitskräften vorbereitet wurden. Betreuungsintensiv sind auch die Nachhilfen in Kleingruppen, die bald an zwei beruflichen Schulen und einer allgemeinbildenden Schule stattfinden sollen.

„Viele Jugendliche haben niemals Lernen gelernt“, sagt Neubert. Im Frühjahr soll zudem auf der im Landkreis für Flüchtlinge angebotenen mehrsprachigen Integreat-App eine Wohnungsbörse laufen. „Der Wohnungsmarkt ist sehr knapp für diesen Personenkreis.“

Zusätzliche Expertise verspricht sich die Verwaltung von einer Untersuchung der DHBW, die als Kooperationspartner gewonnen werden konnte. Studenten des Fachbereichs Soziale Arbeit werden eine umfangreiche Umfrage starten und auswerten.