Heidenheim / Karin Fuchs Gerade einmal zwölf Flüchtlinge sind durchschnittlich pro Monat im ersten Halbjahr im Landkreis neu angekommen. Warum es das Integrationszentrum Haintal trotzdem braucht.

Das Integrationszentrum (IGZ) im Haintal ist weiterhin die wichtigste Anlaufstelle für Flüchtlinge im Kreisgebiet. Sie bleibt bestehen, auch wenn der Flüchtlingsstrom längst versiegt ist. Denn hier werden mehr als 1200 anerkannte Flüchtlinge betreut.

„Bei der Summe an Flüchtlingen, die hier bei uns leben und integriert werden wollen, denken wir nicht daran, das Gebäude aufzugeben“, sagt Oberbürgermeister Bernhard Ilg und ist darin mit allen anderen wichtigen Beteiligten vom Landratsamt, der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter einig.

Keine Kehrtwende

Oberbürgermeister Ilg macht es an Zahlen deutlich: Die Zahl der Flüchtlinge allein in Heidenheim ist von 1074 im Jahr 2016 auf 1364 im vorigen Jahr gestiegen. Eine Kehrtwende gibt es nicht: Aktuell leben in der Stadt mehr als 1600 Flüchtlinge, deren Verfahren abgeschlossen ist und die anerkannt sind. Mehr als die Hälfte davon kommt aus Syrien. Als Grund für den Anstieg nennt Ilg den Familiennachzug.

Neue Flüchtlinge kommen so gut wie keine hinzu: So viele wie neu kommen, so viele gehen auch wieder. In der vorläufigen Unterbringung leben derzeit laut Auskunft von Vize-Landrat Peter Polta 226 Flüchtlinge. Das sind diejenigen, deren Verfahren noch läuft. 114 davon wohnen direkt im Haintal, 68 im Heim in der Walther-Wolf-Straße und 44 im Ziegelhof in Steinheim. Der Großteil der Neuen komme aus Afrika, die Aussicht auf Bleiberecht sei recht unterschiedlich: Während laut Polta zum Beispiel Personen aus Eritrea eine hohe Bleibeperspektive hätten, liegt sie bei denen aus Gambia bei unter fünf Prozent.

Zwei Millionen Euro

Die Stadt hatte die ehemalige Voith-Ausbildungsstätte in Zeiten der Flüchtlingskrise für mehr als zwei Millionen Euro gekauft und umgebaut. Unter der Regie der Landkreisverwaltung wurde im Jahr 2016 eine modellhafte Einrichtung geschaffen, die im Haintal nicht nur Wohnraum für Flüchtlinge bietet, sondern alle Behörden und Institutionen versammelt, die bei der Flüchtlingsbetreuung eine tragende Rolle spielen.

Das Besondere am IGZ ist, dass die Flüchtlinge hier alle Hilfen an einem Ort erhalten und sie nicht von einer Behörde zur nächsten marschieren müssen. „Wir unterstützen vorwiegend die Menschen mit Bleibeperspektive“, sagt Irena Hybl, seit 2017 in der Flüchtlingsarbeit tätig und seit Mai Integrationsbeauftragte der Stadt Heidenheim.

Zuerst Sprachförderung

Überwiegend suchen Hybl und ihr Team Familien auf und erstellen einen Integrationsplan. Das heißt: Zuallererst geht es um Integrationskurse und Sprachförderung, danach wird die Berufstätigkeit geplant und die Kinder an Kindergarten und Schule vermittelt. „Wir erklären aber auch die Strukturen hier, denn das Leben in Deutschland ist mit viel Post verbunden.“ Doch der Aufwand lohnt sich. Oberbürgermeister Bernhard Ilg betont: „Der Integrationswille bei diesen Menschen, die jetzt hier sind, ist sehr ausgeprägt.“ Auch Irena Hybl kann das bestätigen: „Die Menschen sehnen sich nach Selbstständigkeit, sie wollen ihre Zukunft hier aufbauen.“

Doch was heißt das konkret? „Eine Hilfstätigkeit für ein Vierteljahr macht keinen Sinn“, sagt Elmar Zillert, Chef der Agentur für Arbeit Aalen, und plädiert für eine nachhaltige Integration. Doch das kann langwierig werden angesichts der Tatsache, dass 46,5 Prozent der Flüchtlinge in Deutschland ohne Schulbildung ankommen, 71 Prozent keinen beruflichen Ausbildungsabschluss haben. Angesichts der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels könnten die Flüchtlinge nicht die Lösung des Problems sein, aber ein Mosaikstein dazu.

Ausbildung in Modulen

Mit der Ausbildung von Flüchtlingen sei man zunächst gescheitert, sagt Zillert. Deshalb habe man das Modell der Teilqualifizierung geschaffen. Das ermögliche den Flüchtlingen, bei einer Firma zu arbeiten und dabei die Ausbildung in Modulen zu absolvieren.

Für den Großteil der Geflüchteten, rund 1500, ist das Jobcenter Anlaufstelle für die Arbeitsvermittlung. Dessen Geschäftsführer Albert Köble verweist auf eine gute Entwicklung. Im Jahr 2017 seien 177 der Geflüchteten in Arbeit gekommen, im vorigen Jahr waren es 233 und in diesem Jahr bislang 66. Ziel sei dieses Jahr, dass 250 eine Arbeit beginnen. Köble ist optimistisch. Mehr als 300 machten noch einen Sprachkurs, rund 150 befänden sich in Qualifizierungsmaßnahmen.

Tatsache ist aber auch: Nicht alle Flüchtlinge, die eine Arbeit haben, können vom Lohn auch leben. Deshalb erhalten sie weiterhin vom Jobcenter finanzielle Ergänzungen. Betroffen sind 180 Flüchtlinge, 100, weil sie lediglich einen Minijob haben, 80, weil ihr Verdienst nicht ausreichend für den Lebensunterhalt ist. Viele wollten und könnten auch nicht arbeiten wegen der Betreuung von unterdreijährigen Kindern, so Köble.

Paten für Flüchtlinge gesucht

Auf dem Gipfel der Flüchtlingskrise standen im Jahr 2016 laut Vize-Landrat Peter Polta bis zu 1000 Ehrenamtliche bereit, um Flüchtlingen vor allem bei ganz praktischen Dingen zu helfen. Geblieben sind Asylfreundeskreise und engagierte Menschen, die die Flüchtlingshilfe sehr professionell angehen.

Dennoch fehlen laut der Integrationsbeauftragten Irena Hybl Menschen, die den Flüchtlingen die Teilhabe in unserer Gesellschaft ermöglichen. Das reicht vom Vorlesen eines Buches bis hin zum Ausflug auf einen Spielplatz oder einem Besuch im Naturtheater. „Wir kümmern uns um die Anträge, die Ehrenamtlichen um ganz alltägliche Dinge.“

Neue Paten für Flüchtlinge, auch zeitlich begrenzt, können sich melden  unter
irena.hybl@heidenheim.de oder Tel. 3154557 oder bei Verena Weiler, Sozialpädagogische Betreuerin, v.weiler@landkreis-heidenheim.de, Tel. 3154557. kf