Heidenheim / Michael Brendel Heidenheim vor 60 Jahren: Im Januar 1960 wird die Karl-Rau-Halle eingeweiht. Die Begeisterung über das „Meisterwerk aus Stahl, Beton und Glas“ ist groß. Ein Blick ins HZ-Archiv.

60 Stundenkilometer schnell ist der Westwind, der Mitte Januar 1960 in der Heidenheimer Innenstadt um die Ecken pfeift und den Winter zu vertreiben scheint. Bis dieser mit eisiger Keule zurückschlägt: Starker Schneefall und anschließender Regen machen am 21. des Monats aus Straßen und Wegen wahre Rutschbahnen.

Die Straßenmeisterei mobilisiert sofort alle verfügbaren Kräfte. Neben ihrem Streufahrzeug und zwei Lastwagen beordert sie zahlreiche Männer mit dem Auftrag auf die Straßen, dort von Hand Salz und Splitt zu verteilen. Dennoch hängen an den Gefällstrecken lange Fahrzeugkolonnen fest, ehe auch für sie der Weg wieder frei ist. Auf der Albhochfläche bietet sich erstaunlicherweise ein gänzlich anderes Bild: „Kein Regen, kein Eis“, wird von dort gemeldet.

Bauarbeiten gehen weiter

Das Baugewerbe trotzt derweil den kalten Temperaturen, und von witterungsbedingten Entlassungen ist im Kreis auch aufgrund der neuen Schlechtwettergeldregelung im Unterschied zu den vergangenen Jahren nicht die Rede. Während eine gewaltige Felssprengung den symbolischen Startschuss für den Bau des Assuanstaudamms in Ägypten markiert, muss es auf der Schwäbischen Alb freilich eine Nummer kleiner gehen: Der Siemens-Neubau in den Seewiesen wächst dort ebenso in die Höhe wie das Sozial- und Schreinereigebäude der Firma Steiff in Giengen.

Gleichzeitig beginnen die Erdarbeiten für den Verwaltungstrakt der Heidenheimer Stadtwerke an der Meeboldstraße. Anfangs haben die Bagger der Firma Mattern damit zu kämpfen, dass der Boden bis in eine Tiefe von 25 Zentimetern gefroren ist. Binnen einer Woche sind dann aber 2000 Kubikmeter Erdreich ausgehoben. Bis zum Herbst soll der fünfstöckige Rohbau stehen, der es auf eine Gesamthöhe von 21 Metern bringt. Der Kostenvoranschlag von Architekt Adolf Raichle nennt eine Summe von 1,3 Millionen Mark.

Grippe greift um sich

Alles andere als reibungslos läuft es unterdessen bei der Post: 41 von 90 Brief-, Paket- und Eilzustellern im Postamtsbezirk Heidenheim müssen grippekrank das Bett hüten. Dass es gleichwohl bei lediglich geringen zeitlichen Verzögerungen bleibt, ist den anerkennenden Worten der Heidenheimer Zeitung zufolge „den verdoppelten Anstrengungen des gesunden Personals zu verdanken“.

Eine außergewöhnliche Leistung vollbringen auch der Schweizer Jacques Piccard und der Amerikaner Don Walsh. In einer weiß lackierten, zwölf Tonnen schweren Kugel aus Stahl tauchen sie im Mariannengraben Medienangaben zufolge exakt 11 521 Meter hinab. Auf ihrem Weg zum tiefsten bekannten Punkt der Weltmeere, der im westlichen Pazifischen Ozean liegt, schützt sie nur eine zwölf Zentimeter dicke Stahlwand vor dem immensen Wasserdruck.

Morast als Dünger

Weitaus seichtere Gewässer sorgen derweil im Lokalteil der HZ für Schlagzeilen: Nach fast 500 Jahren wird der bis zu fünf Meter tiefe Itzelberger See erstmals ausgebaggert. Rund 80 000 Kubikmeter Morast kommen dabei zusammen und werden als Dünger verkauft.

Die mitten durch den See fließende Brenz soll nach der Verabschiedung des neuen Wassergesetzes als Landesgewässer eingestuft werden. Für den Wasserverband Wedel-Brenz hat das zur Folge, dass er sich dann nicht mehr federführend um die Regulierung des Flusses kümmern muss. Für anhaltende Diskussionen sorgt auch das üppig wuchernde Wasserkraut, das das Profil des Flussbetts erheblich verengt.

Halle wird eingeweiht

Probleme ganz anderer Art bewegen die Dischinger. Bei einer Bürgerversammlung im „Ochsen“ fordern sie den Bau einer Turn- und Festhalle. Einen großen Schritt weiter ist man da in Heidenheim: Am 16. Januar werden die Karl-Rau-Halle und die benachbarte Westschule offiziell ihrer Bestimmung übergeben. In Letzterer lernen freilich schon seit November 1958 rund 600 Jungen und Mädchen.

Rund fünf Millionen Mark fließen in die beiden Großprojekte, allein 3,3 Millionen kostet die Halle. Gefeiert wird sie als „architektonischer Kontrapunkt“ sowie als „Meisterwerk aus Stahl, Beton und Glas“ im Westen der Stadt.

Flaute am Kapitalmarkt

Die Vorgeschichte beginnt bereits 1955 mit einem Architektenwettbewerb für eine Sporthalle, eine Schule und eine Kirche. Unter zahlreichen Konkurrenten setzt sich der Architekt Hans Weik durch. Weil auf dem Kapitalmarkt Flaute herrscht, dauert es jedoch noch einige Zeit bis zum Baubeginn.

Erst nach dem Tod von Oberbürgermeister Karl Rau am 7. September 1956 kommt wieder Bewegung in die Sache: Raus Nachfolger Elmar Doch bringt dank Gewerbesteuernachzahlungen einen Rekordhaushalt auf den Weg, der auch einen Millionenbetrag für die Halle vorsieht. Am 12. August 1957 laufen die Arbeiten an.

Buntes Sportprogramm

Zweieinhalb Jahre später bekommen die Besucher bei der Einweihung ein dreistündiges Eröffnungsprogramm geboten. Boxer, Handballer, Turner, Fechter, Tänzer und Badminton-Spieler zeigen ihr Können.

Mit besonderer Spannung erwartet wird das Fußballspiel zwischen den Alten Herren des VfL Heidenheim und des VfB Stuttgart. Dass die Gastgeber ein respektables 1:1 erkämpfen, lässt die Heidenheimer Prominenz selbstbewusst zum anschließenden Schau-Siebenmeterschießen schreiten.

Im direkten Duell mit Otto Schmid um eine Flasche Sekt bekommen die Schützen allerdings reihenweise wackelige Knie. Kein einziges Mal muss der Keeper hinter sich greifen, der 1950 mit dem VfB deutscher Meister geworden ist. Und dem Publikum ist rasch klar, weshalb er den Spitznamen Gummi-Schmid trägt: So beweglich wie er sind nur wenige.

Während sich 1959 die Unfälle häufen und Heidenheims Straßen unter dem wachsenden Verkehr ächzen, tut sich ein Sohn der Stadt als Automobilkonstrukteur hervor.

Zurückgeblättert Totalschaden am Waldrand

Nur ein Haufen Schrott bleibt im Oktober 1959 übrig, nachdem Autodiebe aus einer Kurve getragen wurden. Im HZ-Archiv findet sich ein Bericht über das Glück der Insassen.

Warum ausgerechnet 60 Jahre zurück?

Im Dezember 2008 war der Lokschuppen Schauplatz eines Festabends, bei dem eine damals seit 60 Jahren bestehende freie und unabhängige Presse in Heidenheim im Mittelpunkt stand. Damals mischten sich Aus- und Rückblicke. Unter anderem wurde die Idee geboren, regelmäßig in Erinnerung zu rufen, worüber die HZ jeweils 60 Jahre zuvor berichtet hatte. Die Serie startete mit der Rückschau auf 1949. Mittlerweile gilt das Augenmerk dem Jahr 1960. bren