Heidenheim / Manfred F. Kubiak Wem bei dem markanten Familiennamen Feuerstein zuerst Fred einfällt und dann erst Herbert, muss sich deshalb noch lange nicht unter die Banausen einreihen. Denn beide, der Fred aus Steintal und der Herbert aus Zell am See, haben einiges gemeinsam.

Beide sind sie im Fernsehen groß rausgekommen. Fred unter anderem als immer etwas aufgeblasener Nachbar eines gewissen Barney Geröllheimer – und Herbert als unverzichtbarer Stichwortgeber, also gewissermaßen als Barney Geröllheimer eines gewissen Harald Schmidt. Ein großer Unterschied zwischen Fred und Herbert besteht allerdings in der seit Samstag unumstößlichen Tatsache, dass Fred, obzwar er in maßloser Hochstimmung schon mal was von Donizetti singt, noch niemals die Heidenheimer Opernfestspiele eröffnet hat.

Herbert schon. „Liebe Bildungsbürgerinnen und Bildungsbürger“ ruft er zur Begrüßung ins Publikum. Da weiß man doch auf beiden Seiten gleich, mit wem man es zu tun hat. Aber jetzt mal der Reihe nach und zum Mitlesen. Wenn einer Feuerstein heißt, bedeutet das, dass er am nächstgelegenen Fettnapf nicht unbedingt vorbeikommt. Das gilt für den Fred ebenso wie für den Herbert. Doch während der Zeichentrickheld in seiner raumgreifenden Selbstüberschätzung wahllos in alles rennt, was so herumsteht, tritt Herbert, obwohl er diesen Anschein tunlichst zu vermeiden sucht, ausschließlich in Fettnäpfchen, die er selber für sich aufgestellt hat. Denn Herbert Feuerstein kommt nicht mit der Keule, seine wahre Größe baut er auf dem Umstand auf, dass er sich gerne unterschätzen lässt. Und wenn man schon gar nicht mehr mit ihm rechnet, dann sticht der Florettmeister des hintersinnigen Humors gnadenlos zu. Und immer ins Ziel, das dann erreicht ist, wenn er die Leute zum Lachen gebracht hat. Gerne auch über ihn, denn aus dieser von ihm selber eingefädelten Defensive kommt der nächste Treffer wieder umso nonchalanter.

Das alles wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem selbst der Humor kaum noch von Hysterie zu unterscheiden ist und in dem, und damit verabschieden wir uns von Fred Feuerstein, sogar dessen Blödsinn geradezu wie ein philosophisches Seminar anmutet. Auf der anderen Seite kann man sich aber auch keinen Besseren vorstellen als eben Herbert Feuerstein, um die verschiedenen Disziplinen einer Offenbachiade zu moderieren.

Offenbach, Jacques Offenbach aus Köln, der in Paris die Operette erfand, kommt einem heute ja ebenso wie völlig aus der Zeit gefallen vor. Ein Mann, der mit den Mitteln der Musik und auf der Grundlage der griechischen Mythologie Gesellschaftssatire auf allerhöchstem Niveau zelebrierte. Das macht ihm inzwischen keiner mehr nach. Denn die Gesellschaft verspottet mittlerweile bekanntlich lieber das Individuum – und für Mythologie interessiert sich auch keiner mehr. Höchstens für Fußball, der aber wiederum derart ernstgenommen wird, dass er als Folie für Satire ohnehin tabu ist. Lacht man halt über einparkende Frauen und dergleichen. Strengt auch nicht so an.

Im Congress-Centrum musste man am Samstagabend allerdings schon auch aufpassen, damit einem nichts vom dem wie großer Champagner ebenso trocken wie spritzig servierten Witz des Herbert Feuerstein durch die Lappen ging. Und wer noch besser aufpasste, dem erschloss sich womöglich, warum Offenbach heute so wenig auf dem Spielplan der Opernhäuser zu finden ist. Nicht nur, weil man vielleicht Angst davor hat, ihn mit der in seinen Werken vorausgesetzten Anarchie auf die Bühne zu bringen und damit das Operettenseligkeit erwartende Publikum zu verstören. Sondern auch, weil man ohne ein Orchester, das sich mit überschäumender Spielfreude in diese Musik stürzt, von vornherein schon verloren hätte.

Die „Cappella Aquileia“ unter Festspieldirektor Marcus Bosch ließ sich jedenfalls nicht lumpen und bot, an allen Pulten, eine regelrechte Galavorstellung. In der Lage zu sein, ein solch inspiriertes Orchester als Kulturbotschafter ins Rennen schicken zu können, dessen können sich nicht viele Städte rühmen. Und erst recht keine Stadt der Größenordnung Heidenheims. Dafür darf man sich hier ruhig mal selber auf die Schulter klopfen. Und es ist nach wie vor immer wieder verblüffend, mit welch ansteckender Begeisterung in diesem Ensemble musiziert wird. Selbst der Dirigent wirkt mitunter baff und gibt dann die ganz lange Leine, um selber genießend dem Geschehen hinterherzulauschen. Offenbachs Musik – man hörte Ausschnitte aus „Die Großherzogin von Gerolstein“, „Die schöne Helena“, „La Périchole“, selbstverständlich „Orpheus in der Unterwelt“, „Pomme d'Api“ und „Hoffmanns Erzählungen“ – klingt an diesem Abend so frisch, als sei sie erst am selben Tag erfunden worden.

Man ist beeindruckt. Und dabei ward vom Allerbesten noch nicht einmal die Rede. Denn nun kann man in Heidenheim viel erleben, wenn der Tag lang ist. Einem amtierenden Weltstar allerdings begegnet man hier höchst selten. Einem prächtig aufgelegten noch dazu: Vesselina Kasarova, von Herbert Feuerstein schlicht „die Vessi“ genannt.

Vesselina Kasarova ist Mezzosopranistin. Was das bedeutet, davon kann man sich gemeinhin auch in Heidenheim eine Vorstellung machen. Auf das abgrundtiefe Brustregister aber beispielsweise, das Vesselina Kasarova bei voller, ungetrübter Resonanz führt, dürften die wenigstens im Publikum vorbereitet gewesen sein. So klingt Weltklasse. Und das nicht nur in der Tiefe, bei der „schönen Helena“, sondern in allen Lagen der schier unglaublich weit gespannten Gefühlsskala, auf der die Bulgarin mit traumwandlerischer Sicherheit nicht nur auftrumpfend, sondern auch bis in die allerkleinsten Details hinein spielt. Hier glaubt man jedes Wort, das gesungen wird. Dass Vesselina Kasarova dies auch im Konzert noch darstellerisch, auch als große Komödiantin über die Rampe zu bringen imstande ist, darf da schon als Zugabe betrachtet werden, reiner Luxus, den eine wahre De-Luxe-Interpretin halt mal eben auch noch so mitbringt. Am Ende, zur Zugabe, hat die Unmittelbarkeit der zudem sympathischen Aura dieser Ausnahmesängerin vollends alles andere um sie herum geradezu verschluckt.

Beeindruckend. Wer dabei war, wird's nicht wieder vergessen. Er wird sich bei Gelegenheit aber auch daran erinnern. So legen die Opernfestspiele sukzessive die Latte halt auch immer noch ein wenig höher. Yappadappadu!