Heidenheim / Günter Trittner Die Arbeit des Jugendamts geschieht unter schwierigen Umständen. Unter allen 35 Landkreisen hat der Heidenheimer die schlechteste Sozialstruktur: höchste Arbeitslosenquote, höchste Quote von Hartz-IV-Empfängern, die meisten Jugendlichen in Armut. Dennoch: das Jugendamt schlägt sich mehr als wacker.

Zu diesem Urteil kommt Dr. Ulrich Bürger. Der diplomierte Pädagoge ist für den Kommunalverband Jugend und Soziales Baden-Württemberg tätig und erstellt für diesen seit vielen Jahren Berichte zu den Entwicklungen und den Rahmenbedingungen für die Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen. Was er beim Vergleich der Heidenheimer Daten mit denen auf Landes- und Bundesebene bemerkt hat, hat ihn selbst überrascht. Trotz des prekären Umfelds und weiter steigender Fallzahlen ist das Jugendamt ein Musterkind bei den Ausgaben. Man muss hier für die Hilfen zur Erziehung deutlich weniger Geld aufwenden als die Landkreise im Schnitt.

Wie Bürger vor den gemeinsam tagenden Jugendhilfeausschuss und Bildungs- und Sozialausschuss darlegte, sind die niedrigen Ausgaben vor allem auf eine Wende in der Politik des Jugendamtes zurückzuführen. Um vollstationäre Aufnahmen in Heimen zu vermeiden, wurde innerhalb von wenigen Jahren im Landkreis die Vollzeitpflege in Familien erheblich ausgebaut. Zwischen 2006 und 2013 wurde eine Steigerung von 58 Prozent erreicht. „Das ist ausgesprochen gut gelungen“, lobte der Experte.

Die Frage für Bürger aber bleibt, ob sich damit auch auf Dauer die Ausgaben drosseln lassen. Denn die schwierigen Rahmenbedingungen bestehen fort und drohen sich noch zu verschärfen. Armut, brüchige Familienverhältnisse, Migrationshintergrund und zunehmend psychische Erkrankungen bei Eltern werden nach Einschätzung von Burger weiter zu dem Paradox beitragen, dass trotz einer sinkenden Zahl von Kindern in mehr Fällen eine Hilfe durch das Jugendamt erforderlich sein wird.

Vor allem Armut fordert den Einsatz des Jugendamts. Berechnet auf Basis des Landes benötigt eins von 18 Kindern aus Hartz-IV-Haushalten bis zu seinem 18. Lebensjahr Hilfe zur Erziehung, bei Nicht-Hartz-IV-Familien nur eines von 406 Kindern. „Hochbedeutsam“ ist auch die Herkunftsfamilie. Bei einer Familien mit leiblichen Eltern wird eins von 690 Kindern Hilfe zur Erziehung benötigen, bei Alleinerziehenden liegt der statistische Wert bei einem von 38 Kinder und noch schlechter bestellt ist es bei einer Stieflelternkonstellation. Eins von 13 Kindern hat rechnerische einen Hilfebedarf. Für Bürger ist es meist nicht persönliches Versagen von Erziehungsberechtigten, welches das Jugendamt auf den Plan bringt. Vielmehr erzeuge in diesen Familien eine Gemengelage von Problemen eine „Überforderungsdynamik“.

Bald überfordert könnte für Bürger auch der Allgemeine Soziale Dienst, „das Herzstück des Jugendamts“ sein. Bei der hohen Belastung der Mitarbeiter sei die personelle Ausstattung an einem „kritischen Wert“ angelangt.

Bereits im September vergangenen Jahres hatte Bürger seinen Strukturbericht dem Jugendhilfeausschuss vorgestellt – damals war aus zeitlichen Gründen keine Aussprache möglich gewesen.

Am Montag taten sich die Kreisräte und beratenden Mitgliedern aus anderen Gründen schwer, das zu tun, was die CDU-Vertreter Dr. Stephan Bauer und Horst Neugart wie auch der SPD-Mann Hans-Dieter Diebold am liebsten gesehen hätten: ein stringentes Handeln aus diesen Befunden abzuleiten, damit die Fallzahlen zumindest nicht weiter steigen. Denn die sozialen Rahmenbedingungen, so die allgemeine Einschätzung, lassen sich von Heidenheim allein aus nicht ändern. „Wir reagieren nur, das was wir machen ist nur ein Reflex auf eine gegebene Situation“, konstatierte SPD-Kreisrat Rainer Domberg. Allenfalls in der Wirtschaftsförderung sah der Heidenheimer Bürgermeister einen Ansatz. „Mehr Firmen, das heißt weniger Arbeitslose“.

Wenn es nur so wäre. Norbert Bach, der Leiter des Jobcenters sprach von einer sich weiter öffnenden Schere zwischen den Erwartungen der Industrie und dem, was seine Kundschaft zu leisten im Stande sei. Nicht nur, dass immer mehr Jugendliche in einer Hartz-IV-Laufbahn einmündeten, es wachse bei ihnen auch eine generelle Leistungsverweigerung zu, welcher mit Sanktionen nicht beikommen zu sei. Bach führte weiter aus, dass im Sinn eines von Domberg angesprochenen „großen Bündnisses“ bereits Arbeitsagentur, Jobcenter und Jugendamt eng zusammenarbeiteten. Mit den Hilfen dürfe aber nicht erst bei der Schnittstelle Schule-Beruf ansetzen, „wir müssen früher in die Familien gehen.“ „Warum gibt es hier so viele Hartz-IV-Bezieher“, insistierte Bauer. „Wir müssen uns auch trauen, unangenehme Dinge anzusprechen.“

Anton Dauser plädierte dafür, die Jugendhilfe in den Familien weiter zu entwickeln. Hier habe diese eine originäre Zuständigkeit und hier habe man auch Möglichkeit Einfluss zu nehmen. Den Kreistag bat Dauser um Unterstützung, das Jugendamt hier auf neuen Wegen zu begleiten, auch wenn deren Erfolg noch nicht zu hundert Prozent programmiert sei. „Wir wollen kreativ und mutig sein und nicht nur reagieren.“

Bereits nach der Sommerpause wird der Kreistag mit der personellen Situation des Jugendamts befasst sein. Bis dahin ist laut Landrat Thomas Reinhardt ist die in Auftrag gegebene Personalbedarfsbemessungsanalyse abgeschlossen. Mit der Einrichtung der Stelle eines Kreisjugendreferenten für die offene und verbandliche Jugendarbeit sei der Kreistag bereits einer Empfehlung von Dr. Bürger nachgekommen.