Heidenheim / Manuela Wolf Am Muttertag sorgten der Neue Kammerchor Heidenheim und das Landesblasorchester im CC für ein brachiales Musikerlebnis.

Heidenheim. Volles Haus, volles Programm, volle Bühne: Die Ankündigung von Thomas Kammel, dem Leiter des Neuen Kammerchors des Heidenheimer Schiller-Gymnasiums, war nicht übertrieben. Sämtlich Plätze im Congress-Centrum auf dem Schlossberg waren belegt, als das Benefizkonzert des Rotary Clubs Heidenheim-Giengen begann.

Auf der Bühne standen knapp 90 junge Sängerinnen und Sänger, die dem Publikum mit viel Spaß und Talent einen musikalischen Blumenstrauß zum Muttertag überreichten. Volkslied, Spiritual und aktuelle Filmmusik waren mit dabei. Thomas Kammel: „Ich habe mal in den Analen gegraben. Der Neue Kammerchor hat in 14 Jahren 26 Auszeichnungen, Preise, Ehrungen bekommen. Das Erfolgsrezept ist die Vielfalt in musikalischer Hinsicht. Sie macht offen im Kopf und im Denken.“

Mit Musik aus Namibia wurde schließlich die Menschenrechtlerin Waris Dirie eingeladen, auf die Bühne zu kommen. Wer mit einem erschütternden Vortrag über weibliche Genitalverstümmelung gerechnet hatte, dem Spendenthema des Abends, lag falsch. Wie selbstverständlich reihte sie sich ein und sang und tanzte mit dem Chor mit, der barfuß und mit bunten Tüchern für ein paar gefühlvolle Minuten afrikanische Lebensfreude in den Saal brachte.

Überaus gut gelaunt bedankte sich Waris Dirie bei allen Mitwirkenden, beim Publikum und auch beim Rotary Club Heidenheim-Giengen, ohne dessen finanzielle Unterstützung ein Konzert wie dieses nicht möglich gewesen wäre. „Ich wünschte, meine Eltern könnten heute Abend hier sein und sehen, mit welcher Freude und welcher Wertschätzung mir Menschen begegnen. Mein Vater hätte es sich zweimal überlegt, mich zu verkaufen.“

Mit ihrem herzlichen Lachen nahm sie Themen wie Zwangsverheiratung oder brutaler Gewalt gegen Frauen ein ums andere Mal die Schwere. Dirie, die mit ihrer autobiografischen Erzählung „Wüstenblume“ einen Weltbestseller geschrieben und damit die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) ins Bewusstsein der Gesellschaft gerückt hat, erzählte begeistert von den Projekten und Erfolgen der „Desert Flower Foundation“, einer von ihr im Jahr 2002 gegründeten, internationalen Hilfsorganisation.

„Ich habe mir als junge Frau selbst das Versprechen gegeben, dass gegen diesen kriminellen Akt etwas getan werden muss. Ich war clever genug, in meiner Zeit als Top-Model das System für mein Anliegen zu nutzen. Vor 27 Jahren wusste die Welt nichts von FGM. Heute arbeiten wir gemeinsam daran, die Mädchen zu stärken und ihnen Bildung zu ermöglichen. Wissen schützt.“

Die Rotarier hatte dieser Ansatz überzeugt. Auf der Suche nach einem passenden Spendenthema fürs Konzert am diesjährigen Muttertag, bei dem Mütter und Frauen im Mittelpunkt stehen sollten, sei man auf Waris Dirie gestoßen und habe sich dazu entschlossen, für einen ganz bestimmten Zweck Geld zu sammeln: den Bau einer Schule in Somalia. 50 000 Euro sind dafür nötig. Präsident Thomas Beck: „Dieses Ziel haben wir schon zur Hälfte erreicht. Wir bitten in der Pause deshalb um weitere großzügige Spenden.“

Für den zweiten Teil des Abends stand eine deutsche Erstaufführung an. Thomas Kammel leitete mit einem Vergleich über. Wie auch Frodo Beutlin, dem Helden der „Herr der Ringe“-Trilogie, habe auch Waris Dirie eine Aufgabe, von der das Schicksal vieler Menschen abhängig sei: „Bei den Hobbits gibt es ein Happy End. Das, Waris, wünschen wir Ihnen für ihre Arbeit auch.“

Gemeinsam mit den 80 Musikern vom Landesblasorchester Baden-Württemberg hatte der Kammerchor achtstimmig die 5. Herr-der-Ringe-Sinfonie „Return to Middle Earth“ von Johan de Meij vorbereitet. Am Klavier saß Hannes Kalbrecht, Katarzyna Jagiello übernahm mit ihrem kräftigen Sopran die Gänsehaut-Partien, Björn Bus vom Landesblasorchester schließlich dirigierte das Mammut-Werk.

Und was die Zuhörer da auf die Ohren bekamen, man kann es nicht anders sagen, war brachial. Die Symphonie erzählte in der Fantasiesprache Ilrokin fünf Geschichten voller Traurigkeit und Liebe, Zorn und Kampf. Herausragend das Fagott-Solo, das einem winselnden Drachen zur Seite gestellt war, die kleine Jam-Session mit Klangsteinen und stampfenden Füßen, die tösenden Pauken, die zarten Gesangspartien oder auch die Harfenspielerin, deren Finger nur so über die Seiten wirbelten. Dirigent Björn Bus war in Aufruhr. Der Taktstock fegte durch die Luft, überall musste der Mann gleichzeitig sein, knapp 170 Musiker, was für ein Getöse, was für eine Leistung, was für ein Klangerlebnis! Das Publikum applaudierte stehend, minutenlang.

Thomas Kuhn, der Sprecher des Landesblasorchesters, hatte mit seinem Lob im Vorfeld nicht übertrieben. Mit dem Kammerchor sei nicht nur ein musikalischer Partner gefunden worden, sondern genau der richtige Chor für dieses Projekt, hatte er bei seiner Einführung in die Symphonie erklärt: „Wir hatten im Vorfeld nicht nur nach Sängern gesucht, sondern nach Orks, die hässlich rufen und nach Elben, die wunderbar singen. Beides findet man offenbar auf der Schwäbischen Alb.“

Father Conti, der Waris Dirie als geistlicher Beistand nach Heidenheim begleitet hatte, teilte diese Meinung. Die Medien seien voller schlechter Nachrichten, sagte er bei seiner Ansprache. „Lasst uns mit diesem Abend gute Schlagzeilen machen. Es geht um junge Musiker, die Menschen in Not ihre Hände reichen, um die Welt zu verbessern. Darüber lohnt es sich, zu schreiben.“

Projekt „Wüstenblume“

Im Jahr 2002 hat Waris Dirie die „desert flower foundation“ gegründet. Seitdem setzt sich diese internationale Hilfsorganisation weltweit für Bildung, Aufklärung und Ächtung im Zusammenhang mit weiblicher Genitalverstümmelung ein. Insbesondere fördert die Organisation den Aufbau von Schule in den betroffenen Ländern Afrikas. Alle Informationen zum Thema und zu Spendenmöglichkeiten finden sich im Internet unter www.desertflowerfoundation.org.