In ihrer eigenen Wohnung auf dem Zanger Berg wurde eine 78-jährige Heidenheimerin das Opfer von Trickbetrügern. Noch heute ärgert sich die Rentnerin über sich selbst, weil sie an einem Donnerstagabend im Juli gegen 18 Uhr einen Mann in ihre Wohnung ließ. „Eigentlich bin ich ja vorsichtig“, sagt die Frau. Der Mann hatte sich als Mitarbeiter der Stadtwerke ausgegeben und die Frau überrumpelt, indem er von einem Rohrbruch im Keller des Mehrfamilienhauses sprach. Weil dabei auch Schmutzwasser ausgetreten sei, müsse er die Anschlüsse in den Wohnungen überprüfen, gab der Mann an. Dies sei mit der Hausverwaltung abgesprochen, sie könne gerne dort anrufen, erklärte er der verdutzen Seniorin.

Weil sein Anliegen dringend erschien, ließ sie den Mann in die Wohnung, der auf alle möglichen Nachfragen eine Antwort wusste. So gab er an, sein Chef sei auch im Haus unterwegs, mit diesem verständigte er sich über einen Earbud (Ohrstöpsel). Als die 78-Jährige nach dem Auto der angeblichen Stadtwerke-Mitarbeiter fragte, auch mit dem Hintergedanken, darauf den Schriftzug erkennen zu können, gab der Mann an, sie hätten um die Ecke geparkt, um nicht die Anwohnerparkplätze direkt am Haus zu versperren.

Vom Täter im Bad beschäftigt

Der Mann, den die Frau als ungefähr 1,80 Meter groß, sonnengebräunt und auffällig blauäugig beschreibt, ging mit ihr ins Badezimmer, wo er angeblich ihre Hilfe benötigte. Dort drehte er alle Wasserhähne auf, so dass auch eine gewisse Geräuschkulisse entstand. „Er hat sich ans Waschbecken gestellt und mich gebeten, das Wasser aus dem Duschkopf zu überprüfen“, so die Frau. Dadurch sei ihr auch der Weg zur Tür des Badezimmers versperrt gewesen. Der Mann habe sie abgelenkt und permanent beschäftigt, erinnert sich die Betroffene. Als ihr die Situation komisch vorkam, habe der Mann dies mit der dreisten Bemerkung abgetan: „Ja glauben Sie denn, wir stehlen Ihren Fernseher?“

Wie sich im Nachhinein herausstellte, muss während der Zeit, die der erste Täter mit der Frau im Bad verbrachte, ein zweiter Täter durch die offene Wohnungstür hereingekommen sein. Er durchsuchte die Wohnung der Frau und nahm aus der Schmuckschatulle wertvolle Stücke mit. Der erste Täter verabschiedete sich abrupt, als sein Komplize die Wohnung verlassen hatte und rief der Frau noch zu, er werde am nächsten Tag nochmal kommen, um die Leitungen zu überprüfen.

Als die 78-Jährige festgestellt hatte, dass ihr Schmuckkästchen ausgeleert war und sie bestohlen wurde, meldete sie sich bei der Polizei. „Tragisch ist nicht nur der finanzielle Verlust, sondern es waren auch Erinnerungsstücke, die mir gestohlen wurden“, so die Frau. Außerdem hat die Tat auch eine emotionale Komponente: Die 78-Jährige befürchtet seither, noch einmal Opfer von Verbrechern zu werden. Zusammen mit ihrer Tochter hat sie die Wohnungstüre stärker gesichert und ist nun noch misstrauischer gegenüber Fremden.

Dass sehr oft Seniorinnen und Senioren die Opfer von Trickbetrügern werden, hat laut Wolfgang Jürgens, Leiter der Polizei-Pressestelle in Ulm, auch Gründe: „Ältere Menschen sind oft so sozialisiert worden, dass man immer freundlich und nicht abweisend sein soll“, erklärt er. Außerdem seien ältere Menschen eher tagsüber zu Hause und hätten gerade dann, wenn sie nicht viele Sozialkontakte haben, auch Hemmungen, jemand abzuweisen, der ja auch ein potenzieller Sozialkontakt sein könnte.

Wie soll man sich verhalten?

Wolfgang Jürgens rät dazu, nie sofort die Haustüre zu öffnen, wenn Fremde klingeln. „Man sollte immer erst über die Sprechanlage, übers Fenster oder mit vorgelegter Sicherheitskette mit den Menschen sprechen und sich erklären lassen, wer sie schickt und was sie wollen“, sagt er. Wenn potentielle Trickbetrüger dann behaupten, sie kämen von den Stadtwerken, seien Handwerker oder Polizisten, sollte man sich die Zeit nehmen, bei der entsprechenden Stelle anzurufen, um dies zu überprüfen. „Dabei sollte man sich aber immer selbst die Nummer heraussuchen und keine Nummer anrufen, die die Person an der Tür angibt“, so der Polizeibeamte. Eine andere Möglichkeit sei es auch, einen Nachbarn zur Hilfe zu rufen. „Eine gute Nachbarschaft, die sich gegenseitig unterstützt, ist sehr viel wert“, so Jürgens. Meistens daure es den Tätern schon zu lange, wenn man die Tür nicht sofort öffne und sie würden dann verschwinden.

Zeugen sind wichtig

Ermittlungsansätze für die Polizei gebe es nur, wenn Zeugen etwas beobachtet haben, erläutert Jürgens. Deshalb würde die Polizei in so einem Fall auch immer die Nachbarschaft befragen. Eine Zunahme von Trickbetrügereien an der Haustür könne er nicht feststellen, so der Polizeipressesprecher. Eher würde sich sogenannte Schockanrufe häufen, bei denen die Täter sich am Telefon als Angehörige, die einen Unfall hatten, oder als Microsoft-Mitarbeiter ausgeben. „Das ist für die Kriminellen relativ gefahrlos, weil sie aus dem Ausland anrufen und genau wissen, dass die deutsche Polizei keinen Zugriff auf sie hat“, so Jürgens.

Viele wertvolle Tipps, wie man sich in solchen Situationen verhalten soll, gibt es auf der Präventionsseite der Polizei

[Link auf https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/betrug/haustuerbetrug/]

Stadtwerke-Mitarbeiter können sich ausweisen

Echte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Heidenheimer Stadtwerke haben immer einen Mitarbeiterausweis bei sich, erklärt Stadtwerke-Sprecherin Viktoria Liske. Sie rät dazu, sich diesen auch immer zur Sicherheit zeigen zu lassen. „Ansonsten raten wir – wie die Polizei – zu einem gesunden Misstrauen, wenn Fremde an der Haustür klingeln“, so die Stadtwerke-Sprecherin. Die Stadtwerke würden einen Besuch in der Regel rechtzeitig ankündigen. „Selbstverständlich agiert unser Team bei Bedarf auch zeitnah, kann sich aber jederzeit ausweisen“, so Viktoria Liske.