Heidenheim / Annika Raunecker Peter K. Warndorf ist Psychologe, er spricht im Interview über das Phänomen „Gaffen“ und erklärt, was Menschen dazu antreibt.

Herr Warndorf, Sie sind Psychologe und Professor an der Dualen Hochschule Heidenheim. Können Sie definieren: Was ist Gaffen?

Aus fachlicher Sicht gibt es benachbarte Konzepte, die es jedoch alle nicht wirklich treffen: Gaffen bezieht sich nicht präzise auf „Schaulustige“, deren Verhalten durch die eher allgemeine Neugier geprägt ist. Voyeure beziehen deutlich einen Lustgewinn aus der Situation. „Sensationseeking“ trägt ebensowenig: Dieser Personenkreis sucht nach dem Kick durch eigenes Erleben von hoch adrenalinbelasteten und selbst geschaffenen Abenteuersituationen. Gaffen ist auch keine normale Orientierungsreaktion, wie wir sie als typisches Reaktionsmuster auf neue, ungewohnte Reize alle kennen. Das ist physiologisch angelegt und überlebenswichtig.

Was ist Gaffen dann?

Am Ende bleibt als Definition nur ungutes Benehmen. Gaffen ist kein triebgesteuertes Verhalten. Es ist einfach nur taktlos und ohne Einfühlungsvermögen in die Situation und Befindlichkeit anderer. Es ist übrigens auch nicht das positive Gegenteil von dem, was man „Unkultur des Wegschauens“ nennen könnte - ein Begriff, den ich immer wieder aus Leitungskreisen der Polizei höre.

Aber es ist doch nun kein neues Phänomen, oder?

Natürlich hat es immer Gaffer gegeben, aber die Intensität und die Qualität, diese Unverfrorenheit dabei, ist neu.

Strenggenommen schauen wir doch alle hin: Sind wir also alle Gaffer?

Hier sage ich ganz klar: Nein, sind wir nicht. Was wir alle haben, ist ein Neugierverhalten. Das ist angeboren und das brauchen wir auch, um Situationen einordnen zu können. Das normale Verhalten wäre: Wir reagieren auf einen Reiz, sehen hin, helfen oder gehen weiter, wenn wir sehen, dass geholfen wird. Gaffer aber verhalten sich anders. Sie helfen ja nicht, sie wollen nur schauen, bestenfalls noch Bilder oder Videos machen. Damit ist eine gewisse Sensationslust verbunden.

Was bewegt einen Menschen dazu, Bild- und Videoaufnahmen von Unfällen zu machen? Wichtigmacherei?

Es geht ganz klar um Selbstdarstellung, um Selbstaufwertung. Die Gaffer wollen das Abenteuer haben, sich damit brüsten, was sie erlebt haben. Sie waren quasi mittendrin. Wenn es Tote gibt, umso besser. Da will man sich nicht mit zwei Leichtverletzten begnügen. Ich sage das jetzt so drastisch, aber ich denke, es ist so.

Und hier kommen dann natürlich die Smartphones und die sozialen Medien ins Spiel.

Ja, das Handy und die neuen Medien unterstützen das Ganze, beziehungsweise sie machen es erst in dieser neuen Form möglich. Sie machen alles öffentlicher, sie geben die Möglichkeit, die Inhalte einfach und schnell zu verbreiten. Sie geben die Möglichkeit, sich der ganzen Welt darzustellen - und hier auch Zuspruch und Applaus zu erhalten. Man kann heute mit primitivsten Informationen an eine breite Öffentlichkeit gehen und sich selbst darstellen.

Haben die neuen Medien und Möglichkeiten vielleicht auch die Distanz zum Geschehen verändert?

Ganz klar. Das ist so, wie wenn eine Glasscheibe zwischen mir und der Realität besteht. Das ist wie im Auto auf Safari gehen. Der wichtigste Teil dieser Distanz ist, dass man selbst nicht in Gefahr ist. Dadurch ist man ganz praktisch und dann auch emotional geschützt.

An dieser Stelle kann man sich ganz generell fragen: Was ist los mit den Menschen?

Hier erinnere ich mich an Konrad Lorenz, der schon vor 50 bis 60 Jahren von einem Wärmetod des Gefühls sprach. Dadurch, dass wir hier in Mitteleuropa völlig in Watte gepackt leben, wissen wir gar nichts mehr von großen, existenziellen Problemen. Man könnte also annehmen, dass unserem Emotionshaushalt irgendetwas Dramatisches fehlt. Die einen machen Bungee Jumping, andere suchen die Sensation bei Unfällen. Dadurch, dass die Menschen kaum mehr emotionale Ausschläge haben, wollen sie jetzt vielleicht etwas kompensieren. Wir sind geeicht darauf, große Probleme zu lösen. Hier könnte was zusammenkommen.

So mancher verzichtet bestimmt gerne auf extreme emotionale Ausschläge.

Sicher. Aber bis zu einem gewissen Grad brauchen das die Menschen ganz offensichtlich. Es gibt dazu eine ganz banale, physiologische Erklärung: Das Gehirn muss immer beschäftigt sein, es muss gereizt werden. Wenn unser Gehirn zu wenig gereizt wird, werden wir merkwürdig.

Herr Warndorf: Stumpfen wir ab?

Ja, das ist auch mein Eindruck. Ich nehme auch an, dass Konrad Lorenz das damals gemeint hat mit dem Wärmetod der Gefühle. Wir erleben so viel so unmittelbar. Über die Medien können wir uns die schlimmsten Dinge ansehen, weil ja was dazwischen ist, weil ich nicht unmittelbar betroffen bin. Das wiederum ändert unser individuelles Betroffenheits-Level.

Gaffer müssen mit Geld- oder gar Freiheitsstrafen rechnen. Sinnvoll oder nicht?

Nicht darauf zu reagieren, ist auf jeden Fall sinnlos. Ob jetzt Strafen sehr viel sinnvoller sind, da bin ich mir keineswegs sicher. Durch Strafen kann aber immerhin ein Bewusstsein für Fehlverhalten entstehen - im Sinne der Generalprävention. Und: Die Polizisten sollen in der konkreten Situation ja auch handeln können.