Heidenheim / Sandra Gallbronner Die Pädagogik gibt es seit 100 Jahren. Beim gestrigen ersten Schultag wurde das in der Heidenheimer Einrichtung mit einem Festakt gefeiert.

Eines vorweg: Oberbürgermeister Bernhard Ilg besuchte keine Waldorfschule. Er hatte auch gar nicht die Möglichkeit dazu. In seiner Heimatstadt Geislingen an der Steige gab es eine solche Einrichtung zu seiner Schulzeit nicht. Erst 2008 wurde dort eine Waldorfschule als eine der jüngsten in Baden-Württemberg gegründet. Dennoch sei Ilg mit Werten aufgewachsen, die mit denen der Waldorfpädagogik übereinstimmen. Unter anderem Ziegen und Schweine habe die Familie gehalten. Früh habe Ilg so gelernt, wie Tiere die Grundlage der Versorgung bilden.

Genau das sollen auch die Schüler der Heidenheimer Waldorfschule vermittelt bekommen. Seit knapp einem Jahr gibt es dort sogar Schulziegen, um die sich die Schüler kümmern. „Als Oberbürgermeister bin ich dankbar, dass wir diese besondere Pädagogik und dieses besondere Haus haben“, sagte Ilg bei der gestrigen Schulanfangsfeier – einer besonderen Feier, schließlich gibt es die Waldorfpädagogik bereits seit 100 Jahren und das wurde auch in Heidenheim mit einem Festakt gefeiert.

Der Mensch im Mittelpunkt

Dabei wissen viele Menschen gar nicht, was das Waldorfprinzip ausmacht. „Es ist eine Bewegung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt“, sagte Oberstufenlehrerin Constanze Eppel. So sollen ganzheitlich die intelektuell-kognitiven, künstlerisch-kreativen und handwerklich-praktischen Fähigkeiten der Schüler gefördert werden. Sie sollen zu verantwortungsvollen, selbstbewussten und eigenständigen Menschen heranwachsen. „Die Waldorfpädagogik ist aktueller denn je“, so Guntram Holzwarth, der neue Geschäftsführer der Waldorfschule.

Dennoch: Gehobene Augenbrauen sind keine seltene Reaktion, wenn Menschen erfahren, dass Schüler eine Waldorfschule besuchen. Das weiß auch Johannes Geyer, der die zwölfte Klasse der Einrichtung in Heidenheim besucht. Und Geyer gibt zu, sich durchaus schon gefragt zu haben, ob das Waldorfprinzip das richtige für ihn ist, ob er an einer anderen Schule nicht besser aufgehoben wäre. Er probierte es einfach aus, besuchte in der achten Klasse eine Woche lang ein Gymnasium. Doch das habe ihn nur darin bestätigt, dass er seinen Abschluss an der Waldorfschule machen möchte.

Eigene Persönlichkeit entwickeln

Gründe gibt es für den jungen Mann viele. „Ich darf hier so sein wie ich bin.“ So könne sich jeder Schüler in eine eigene Richtung entwickeln. Unterstützung erhalten sie dabei von den Lehrern: „Man hilft uns, unsere Persönlichkeit zu entwickeln, kreativer, selbstbewusster, selbstständiger und sozial kompetenter zu werden“, sagt Geyer. Zudem sollen die Schüler lernen, eine Meinung zu entwickeln, sie zu vertreten und Dinge zu hinterfragen. Alles Eigenschaften, die im Berufsleben einmal abverlangt werden.

Des Weiteren gefällt Geyer die Klassengemeinschaft. Schließlich gehen die Schüler an der Waldorfschule bis zu 13 Jahre lang in eine Klasse. Den Zusammenhalt findet auch Holzwarth beeindruckend: „Ich kenne keinen Ort, wo man Schulgemeinschaft so spürt.“ Dazu würden auch die Klassenstücke in der 8. und 12. Klasse beitragen, findet Geyer. „Dabei lernen wir auch, uns darzustellen, Rollen einzunehmen und aus uns heraus zu kommen.“

Doch der junge Mann hält auch fest: Die Waldorfschüler seien nicht besser, sondern nur anders. Doch eben dieses Anderssein sei wichtig. „Habt Mut zum Querdenken. Habt Mut, Herausforderungen anzunehmen und an euch zu wachsen“, sagte Geyer und erntete dafür großen Beifall beim Festakt der Waldorfschule.

Anlässlich des Jubiläums stellen acht ehemalige Heidenheimer Waldorfschüler, die künstlerisch tätig sind, bis zum 26. September Werke im gesamten Schulgebäude aus. Vom 4. bis 15. November folgt eine Ausstellung im Rathaus, bei der neben Schülerarbeiten, Informationen zur Waldorfpädagogik und Fotografien aus dem Schulleben ausgestellt werden. Am 23. November findet ein Jubiläumskonzert im Saal der Waldorfschule statt.

Wie sich die Freie Waldorfschule in Heidenheim entwickelte

Am 4.Mai 1946 wurde die Freie Waldorfschule Heidenheim im „Eisenhof“ auf dem Voith-Werksgelände gegründet. Im selben Gebäude wohnten mit Hanns und Lore Voith zwei Initiatoren der Heidenheimer Einrichtung. Beide waren von den Lehren Rudolf Steiners, der die Anthroposophie begründete, angetan. In diesem Zuge entstand auch ein Waldorfkindergarten. „Bildung hatte einen ganz großen Wert für Hanns Voith“, sagt Manfred Schad, Vorsitzender der Hanns-Voith-Stiftung, die die Heidenheimer Einrichtung finanziell mit unterstützt.

In den 1950ern entstanden nach und nach Schulgebäude auf dem Firmengelände. Dennoch reichte der Platz nicht aus. So wurde Ende der 60er ein eigener Schulstandort gesucht.

1972 begannen die Baurbeiten Im Trabersteinbruch. 1974 war die Schule fertiggestellt und hat ihren Platz seither in der Ziegelstraße 50 gefunden.

2005 wurde ein Hortgebäude gebaut, das ein Jahr später in Betrieb ging.

330 Schüler besuchen die Waldorfschule Heidenheim derzeit. Diese können den Hauptschulabschluss (9. bis 12.Klasse), die Mittlere Reife (Ende der 12. Klasse) und das Abitur (im 13. Schuljahr) erwerben. sga