Heidenheim / Hendrik Rupp Lokaltermin statt Klassenzimmer, selbst erleben, statt unterrichtet zu werden: Praktika sind in allen Schularten im Trend. Doch kaum eine Schule fing früher an und geht weiter als die Freie Waldorfschule – teils bis an die Grenzen des Möglichen.

In der 9. Klasse geht es in den Stall. Drei Wochen steht für Waldorfschüler das Landwirtschaftspraktikum an, immer ganz allein und bei einer Bauersfamilie, gerne auch weiter weg, auf Bergbauernhöfen in den Alpen. Dann die Sommerferien, der Wechsel in die 10. Klasse. Doch nach den Herbstferien ist wieder Pause im Klassenzimmer: dann steht das Betriebspraktikum an: Sieben Wochen in einem Betrieb nach Wahl, bis zu den Weihnachtsferien. „Eigentlich kein Wunder, dass Eltern da auch Fragen haben“, sagt Klemens Resch, Lehrer an der Waldorfschule und Betreuer der Betriebspraktika: „Man muss nur mal nachzählen, wie lange die Schüler in diesem Jahr noch in der Schule sind“.

Doch an einer Waldorfschule gehören Praktika seit jeher dazu – und das in einem Maß wie kaum an einer anderen Schule. Ganzheitliches Lernen, individuelle Erfahrung statt normierten Bildungsplänen: Dafür setzte auch die Freie Waldorfschule Heidenheim seit ihrer Gründung 1946 auf weit mehr als Tafel, Schulheft und Klassenzimmer. In einer Waldorfschule wird mit Holz gearbeitet, es wird geschmiedet und gekocht und genäht, es werden Bücher gebunden, Jahresarbeiten hergestellt, in den Klassen 5 bis 9 ist Gartenbau ein eigenes Schulfach. Und schon der Hauptunterricht, in dem einzelne Fächer nicht in Stunden verteilt, sondern in jeweils dreiwöchigen „Epochen“ am Stück vermittelt werden, hat oft einen Charakter, der Projekttagen an staatlichen Schulen ähnelt. „Das Leben in die hand zu nehmen, zeichnet uns aus“, sagt Sportlehrerin Silvia Tampe.

Doch immer wieder reicht auch das nicht, dann stehen Praktika an, und dann wird der übliche Stundenplan ausgesetzt. Los geht das schon bei Grundschülern, wenn in der 3. Klasse die Ackerbau-Epoche ansteht: Über eine ganze Saison wird in Abständen gepflügt, gesät, geerntet, Korn gemahlen und am Ende gebacken. Das dauert, das fordert auch die Geduld der Kleinen. „Aber so durchschaut man den Zusammenhang im Ackerbau unmittelbar“, sagt Sabine Neugebauer, Waldorf-Mutter und Vorstandsmitglied des Trägervereins. „Wenn ein Drittklässler selbst den Pflug zieht, ist das eine physische Erfahrung, die man niemals im Klassenzimmer vermitteln kann“, so Silvia Tampe. Und ihre Kollegin Angelika Traßl ist sich sicher, dass ein Waldorfschüler Getreidesorten nicht nur für die nächste Bio-Arbeit paukt, sondern für sein Leben lernt.

Nach Acker- und Gartenbau bildet das Landwirtschaftspraktikum auf dem Bauernhof dann den krönenden Abschluss. Und hier sind es nicht zuletzt die drei Wochen allein, die die Jugendlichen prägen: „Da passiert einfach etwas, die Kinder kommen gestärkt zurück“, sagt Waldorfschul-Geschäftsführer Tobias Wolman. Lernen, dass man etwas kann, sich in eine neue Arbeit, einen neuen Alltag einfinden kann. Das nimmt dem regulären Unterricht Zeit, fördert ihn aber auch: Tobias Wolman will Lernen nicht an der Stundenzahl festmachen: „Mit der richtigen Einstellung kann man doppelt so viel in der halben Zeit lernen“: Praktika steigerten so zwar nicht die Quantität, wohl aber die Qualität des normalen Unterrichts.

Ausmisten, Futter aufstecken, früh aufstehen – was Kleinkinder begeistert, ist später nicht mehr jeden Schülers Sache: „In der Pubertät ist das natürlich oft nicht mehr cool“, sagt Oberstufenlehrer Dr. Joachim Burkhardt: „Aber da müssen die Schüler durch“.

Burkhardt selbst geht sogar die Chemie praktisch an: Drei Wochen lang wird nur experimentiert, die Schüler haben freie Zeiteinteilung. „das ist enorm erfolgreich, obwohl ich selbst eigentlich gar nichts mache“, lacht Burkhardt. Doch selbst Klassenclowns konzentrieren sich, wenn sie selbst Chemikalien aus dem Lager holen und Versuche aufbauen – und die Schüler erkennen, dass Chemie nicht nur mit Rechnen und Formeln zu tun hat. „Das kann jeder!“, sagt Burkhardt.

Das längste der Waldorf-Praktika ist dann das siebenwöchige Betriebspraktikum im ersten Halbjahr der 10. Klasse. Anders als bei den Berufsorientierungen an Gymnasien oder Realschulen geht es hier weniger darum, dem eigenen Wunschberuf nachzuspüren: „Die Wahl ist frei, aber ich rate immer dazu, einen Betrieb zu wählen, in dem man selbst auch mitarbeiten kann“, sagt Praktikums-Betreuer Klemens Resch. Im Zweifel also lieber Handwerksbetrieb als Ergotherapeut – wobei im Zweifel kaum Grenzen gesetzt sind: Manchen Heidenheimer Waldorfschüler führte sein Betriebspraktikum schon bis nach Kanada oder Neuseeland. Und auch hier bleibt mehr als die Berufserfahrung: Wer bald zwei Monate (wenn der Kalender nicht mitspielt, auch in den Ferien) morgens um 6 Uhr bei einer Baufirma antrat, hat einen neuen Blick auf den Schulbeginn „Die Ernsthaftigkeit und die Eigenverantwortung wächst durch die Praktika ungeheuer“, so Resch.

Bei den Betriebspraktika erreichte die Waldorfschule einst auch Grenzen des Möglichen: Bei der Einführung vor sieben Jahren sollten die Schüler ein halbes Jahr anteilig eine halbe Woche in den Unterricht und eine halbe Woche in den Betrieb. „Doch da waren die Schüler weder richtig im Unterricht noch richtig im Betrieb“, so Resch – man stieg auf ein Blockmodell um.

Mit rund 20 Jahren Tradition weit älter und heute auch in anderen Schulen üblich ist das Sozialpraktikum in der Oberstufe: Drei Wochen lang geht es in Kindergärten, Förderschulen oder andere soziale Einrichtungen. „Viele Einrichtungen warten sehnlich auf die Schüler“, beobachtet Praktikums-Betreuerin Silvia Tampe.