Heidenheim / Manfred Kubiak Am 14. Februar kommt Reinhold Messner mit seinem Vortrag „Weltberge – die 4. Dimension“ nach Heidenheim ins Congress Centrum.

Er ist der berühmteste Bergsteiger und Abenteurer unserer Zeit. Er bezwang als erster Mensch den Mount Everest ohne Sauerstoffmaske. Er hat alle vierzehn Achttausender dieser Erde bestiegen. Er stand auf über 3500 verschiedenen Berggipfeln. Er durchquerte zu Fuß die Antarktis und die Wüste Gobi. Er hat Naturgewalten herausgefordert wie kaum ein anderer. Er ist vor einem Vierteljahr 74 geworden.

Und er kommt wieder nach Heidenheim: Am Donnerstag, 14. Februar, wird Reinhold Messner ab 20 Uhr im Congress-Centrum mit seinem neuesten Vortrag „Weltberge – die 4. Dimension“ zu Gast sein, in dem er sein Publikum auf der Grundlage von Satellitenbildern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt dreizehn ausgewählte Berge hautnah erleben lassen will.

Sie haben sinngemäß geäußert, Herr Messner, dass das Bergsteigen, so wie Sie es verstehen, eigentlich erledigt sei. Hätten Sie das – auch in der Art und Weise – jemals für möglich gehalten?

Nein, ich hätte nie gedacht, dass das so schnell anders werden würde. Es gibt ja noch ein paar junge Bergsteiger, die allesamt besser sind als wir Altvorderen das jemals waren, die Alpinistik stirbt also nicht aus, aber sie wird zu einer Randerscheinung. 90 Prozent der Kletterer tummeln sich nurmehr in der Halle, das ist ein großartiger Sport, aber er hat nichts mit Alpinismus zu tun, also mit dem Klettern als Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur. Damit ebenso nichts zu tun hat übrigens das, mit was sich Leute wichtig machen, die auf den Montblanc oder auf den Everest gehen, aber dies nur tun, wenn dort zuvor dafür eine Piste vorbereitet wird. Das ist bloßer Tourismus, ein Produkt für Klienten, und hat, wie gesagt, nichts zu tun mit Alpinismus. Denn der bedingt, dass geklettert wird, wo nichts ist, keine Infrastruktur. Das ist gefährlich und deshalb vielleicht nicht unbedingt vernünftig, aber Alpinismus.

Sie gelten als größter Abenteurer unserer Zeit. Sie selber haben sich einmal als den Eroberer des Nutzlosen bezeichnet.

Und das bin ich immer noch (lacht), ein Eroberer des Nutzlosen, denn ein Abenteurer muss ja nicht unbedingt etwas Nützliches tun. Was ich tue und getan habe, kann man die Fortschreibung einer Dekadenzerscheinung nennen, die vor 250 Jahren mit der Aufklärung und mit der Französischen Revolution ihren Lauf nahm, denn noch früher hatten die Leute andere Sorgen, als auf die Berge zu steigen. Heute nun gibt es, wenn man so will, keine Berge mehr für die weitere Fortschreibung dieser Geschichte. Aber die Jungen müssen sich messen, müssen sich zeigen, also gehen sie in die Halle, und das wird jetzt dann sogar olympisch.

Wenn Sie jung in der heutigen Zeit wären, welche Art Abenteuer würden Sie wohl suchen?

Ich würde machen, worin ich die einzige Chance sehe: mit immer weniger Hilfsmitteln immer weiter weggehen. Das Bergsteigen lebt vom Versuch, dass jede neue Generation das Unmögliche der älteren Generation möglich machen will. Und hierbei nähern wir uns nun dem Ende des Spiels. Aber auf der anderen Seite soll der Alpinismus ja vielleicht eine Randerscheinung bleiben, eine gefährliche. Wobei ich damit niemanden dazu aufrufen will, denn wie könnte ich das einer Mutter gegenüber vertreten, wenn der Bub umkommt. Auch darum wird es übrigens in meinem neuen Vortrag gehen, das ist keine Heldenerzählung, sondern vielmehr eine durchaus selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Thema.

Gehen wir in den Bergen mal ein paar Etagen tiefer als in die Gipfelregionen: Was halten Sie eigentlich von Mountain-Bikern oder gar E-Mountain-Bike-Fahrern, die in den Bergen unterwegs sind.

Das gehört ebenfalls zum Pisten-Alpinismus. Am Ende trägt man das Rad zwar über einen Steig, aber auch das ist eine Piste. Und der E-Biker schaltet die Batterie zu, was ja für ältere Menschen ganz vernünftig ist, aber gleichzeitig ein richtiges Hilfsmittel. Wir haben es also mit einer Spielart des heutigen Pisten-Alpinismus zu tun, der im Gegensatz zum Eroberungsalpinismus steht, der wiederum auch ein Verzichtsalpinismus ist. Der Verzicht übrigens, der Nicht-Konsum, das ist eine Lebenseinstellung, die sehr viel Spaß machen kann und dem Menschen inzwischen eigentlich auch sehr zu raten ist, weil er ansonsten Gefahr läuft, im Konsum zu ersticken. Darauf sind unsere Weltmeere voller Plastik nur ein Hinweis von vielen.

Das, wenn man so will, Basislager meiner Bergtouren ist ein kleines Dorf in Südtirol, dessen enge Gassen sich einmal Fußgänger, Autofahrer und Kühe geteilt haben. Irgendwann mussten die Kühe dann im Stall bleiben – und mittlerweile ist aus beinahe jedem Kuhstall eine Tiefgarage geworden. Wie zweischneidig ist der Bergtourismus in Ihrer Heimat, auch vor dem Hintergrund, dass inzwischen stählerne Aussichtsplattformen oder durchsichtige Brücken Schluchten überspannen?

Auch der Bergtourismus, das vorweg, hat generell nichts mit Alpinismus zu tun. Und dann ist es so, dass die Menschen heute, die Touristen, mittlerweile mehr und mehr nach einer inszenierten Landschaft verlangen und deshalb am Ende das Gegenteil von dem bekommen, was sie eigentlich suchen, nämlich Ruhe und unverbrauchte Natur. Und weil sich gleichzeitig immer mehr an dieser Suche beteiligen, zerstören sie sogar das, was sie suchen. Man müsste, Ortschaft für Ortschaft, prüfen, wie man das kanalisieren und den Tourismus aufs ganze Jahr verteilen könnte. Dieser ist momentan ja mehr oder weniger auf drei Monate im Sommer und drei Monate im Winter beschränkt, mit allen negativen Folgen wie etwa prekären Arbeitsplätzen im gesamten Spektrum des Tourismus und dergleichen. Man müsste einiges anders angehen, aber da reden wir jetzt von einem Politikum. Was mich anbelangt, so bin ich insofern auch als Touristiker involviert, indem ich Geld in die Hand genommen habe, um meine sechs Museen in Südtirol zu bauen, eine, wenn man so will, didaktische Unterfütterung der Berg-Thematik und ein Beitrag, den Tourismus hier auch in andere Bahnen zu lenken.

Bei Ihrem letzten Besuch in Heidenheim haben Sie erzählt, dass Sie Nichtschwimmer sind . . .

. . . Das bin ich immer noch (lacht).

. . . was mich mehr überrascht hat, als wenn Sie, sagen wir mal, offenbart hätten, einen bislang unbekannten Achttausender entdeckt zu haben.

Wie ich aufgewachsen bin als Bub nach dem Krieg, davon könnten sich die meisten heute nicht einmal mehr eine Vorstellung machen. Bei uns im Tal gab es selbstverständlich auch keinen Fußballplatz und kein Schwimmbad. Das war in den 50er-Jahren, und Südtirol war eine der ärmsten Gegenden in Italien und in ganz Europa. Heute hingegen sind wir die reichste Region in Italien und in Europa unter den ersten zehn. Nur ich kann immer noch nicht schwimmen (lacht). Aber sieht man davon einmal ab, kann man festhalten, dass sich die Verhältnisse seit den Tagen meiner Kindheit eklatant verändert haben, nicht zuletzt auch deshalb, weil wir Südtiroler schon immer Europäer gewesen sind. Es geht den Leuten gut – und wir sind, wenn ich das jetzt noch hinzufügen darf, dankbar für jeden Schwaben, der zu uns kommt (lacht).

Info: Eintrittskarten für den Vortrag von Reinhold Messner am 14. Februar 2019 im CC in Heidenheim sind im Ticketshop des Pressehauses und in allen HZ-Geschäftsstellen erhältlich.