Heidenheim / Sandra Gallbronner Wenn Menschen, die sich fremd sind, miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam zu Mittag essen, ist wieder Vesperkirche. Ab Sonntag findet sie für dreieinhalb Wochen statt.

Die Verschnaufpause währte nicht lange. Kurz nachdem die Vesperkirche Mitte Februar des Vorjahres zu Ende gegangen war, startete das zehnköpfige Leitungsteam auch schon in die nächste Runde. Musikalische Auftritte müssen organisiert, Mitarbeiter gefunden, Essens- und Dienstpläne erstellt werden. In diesem Jahr findet die Vesperkirche vom 19. Januar bis 12. Februar statt.

Armut und soziale Isolation

„Es gibt Menschen, die sich das ganze Jahr darauf freuen“, sagt Gertrud Schädler vom Leitungsteam. Und das nicht nur, weil sie kostengünstig eine warme Mahlzeit bekommen, sondern weil sie hier Gesellschaft und Gesprächspartner finden. Denn auch Einsamkeit ist ein Teil von Armut. Einsamkeit wiederum entsteht oft dadurch, dass Geld fehlt, etwa um sich mit Bekannten in einem Café zu treffen oder Kulturveranstaltungen zu besuchen, beschreibt Schädler: „Dass Menschen zusammentreffen, die sich sonst nicht begegnen, das ist das Schöne an der Vesperkirche.“

So wollen die Mitarbeitenden der Vesperkirche für einige Wochen dazu beitragen, die Eintönigkeit des Alltags zu durchbrechen und eine Atmosphäre zum Wohlfühlen zu schaffen. Passend dazu weist der Leitgedanke „Hier darfst du sein“ den unterschiedlichsten Menschen den Weg in die Pauluskirche.

Das Essen wird von der Küche des Klinikums gekocht und zum regulären Preis eingekauft. Dabei wird immer auch ein vegetarisches Menü angeboten. 1,50 Euro kostet die Mahlzeit in der Vesperkirche. „Wir brauchen die Wohlhabenderen, die mehr zahlen und so die Schwächeren mitfinanzieren. Das ist auch das Konzept“, sagt Schädler. Viele Einzelpersonen und Unternehmen unterstützen die Institution. Das Geld, das finanziell schlechter Gestellte durch das preiswerte Essen einsparen, können sie wiederum an anderer Stelle einsetzen. Eine Besucherin erzählte Schädler einmal, dass sie sich nun ein Paar Schuhe kaufen könne.

Eröffnet wird die Vesperkirche am Sonntag um 10 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst. An allen anderen Tagen öffnet die Vesperkirche um 11 Uhr. Von 11.30 bis 13.30 Uhr wird das Mittagessen ausgegeben. Zudem gibt es Kaffee und Gebäck. Etwa 260 Sitzplätze stehen zur Verfügung. An den Sonntagen könnten schon mal Warteschlangen entstehen, sagt Schädler. Vergrößern wolle das Leitungsteam aber bewusst nicht. „Die Vesperkirche soll überschaubar bleiben.“

Mit musikalischer Unterhaltung

Täglich um 12 Uhr wird es still in der Pauluskirche. Dann wird für den geistlichen Impuls ein Mittagsgebet gesprochen. Eine Stunde später beginnen Auftritte von Chören, Musikschülern und Schulklassen. Zudem finden vier Benefizkonzerte statt.

Über 150 Mitarbeiter werden in verschiedenen Bereichen tätig sein: im Spülwagen, in der Hauswirtschaft, der Essensabholung und -ausgabe oder der Bereitstellung frischer Wäsche. Für Gespräche sind Seelsorger der verschiedensten Konfessionen anwesend. Zudem werden mehrmals Friseure und Fußpfleger vor Ort sein.

Der Januar ist die Zeit der Vesperkirchen in Giengen und Heidenheim. Wie viele Helfer machen mit? Wie viele Essen werden gekocht und wie wird all das finanziert?

Wie stark ist Armut in Heidenheim verbreitet?

Aktuell beziehen 3613 Heidenheimer, die in 1811 Bedarfsgemeinschaften leben, Arbeitslosengeld II (Hartz IV), so Albert Köble, Geschäftsführer des Jobcenters Heidenheim. Darunter befinden sich 1615 Kinder und Jugendliche unter 25 Jahren.

Im Vorjahresvergleich ist die Anzahl der Hartz-IV-Bezieher in Heidenheim von 3919 auf aktuell 3613 gesunken.

Wie viele Langzeitarbeitslose in Heidenheim leben, darüber würden dem Jobcenter keine Zahlen vorliegen, so Köble: „Im gesamten Landkreis sind es 464 langzeitarbeitslose ALG-II-Empfänger“. Das seien 42 bzw. 8,3 Prozent weniger als vor einem Jahr.

165 Menschen kamen 2018 in die Fachberatungsstelle der Wohnungslosenhilfe in der Nördlinger Straße, womit die Anzahl relativ konstant geblieben ist. (2017: 163, 2016: 170). Der Frauenanteil lag bei 18,8 Prozent. Für 2019 liegen die Zahlen noch nicht vor.

Junge Wohnungslose nehmen dabei einen hohen Anteil ein: 2018 waren es 52 Personen, d. h. 31,5 Prozent, die 18 bis 30 Jahre alt waren.