Heidenheim / Karin Fuchs Sabine Popien und Anke Blumenthal erzählen ihre Lebenswege, die eng mit den Ereignissen vom 9. November 1989 verbunden sind. Tragik und Komik liegen oft eng zusammen.

Kein Wunder, dass Anke Blumenthal zu spät dran ist für das Interview. Sie kam ja auch mit einem Trabant über die A 7 nach Heidenheim angetuckert. Nein, Spaß! Blumenthals Trabi ist kein echter, sondern ein Bobby-Car für Kinder. Sie hat ihn mitgebracht passend zum Thema des Podcast-Gesprächs „30 Jahre Mauerfall – ganz persönlich“. In der anderen Hand trägt sie drei Plüschtiere: Pittiplatsch, Schnatterinchen und Moppi, drei Figuren aus dem DDR-Kinderfernsehen.

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Mit im Aufnahmestudio unterm Dach der Heidenheimer Zeitung nimmt als zweite Gesprächspartnerin Sabine Popien Platz. Sie hat Klammern aus Metall dabei, mit denen man gelochte Blätter zusammen heftet. Wie heißen die nochmal? „Aktendulli“, klärt Sabine Popien auf. „Das habt ihr von uns gelernt, da ist ein DDR-Patent drauf“, lacht sie. Und so startet das Gespräch, die Podcast-Aufnahme läuft.

Hatten Sie auch einen Trabi?

Anke Blumenthal: Ja klar, ich hatte auch einen.

Sabine Popien: Ich hatte einen froschgrünen, der ist dann aber in Prag geblieben.

Wir fangen mal mit einem historischen Datum an. 9. November 1989, Tag des Mauerfalls. Ich saß mit Tränen in den Augen vor dem Fernseher und sah, wie all die Menschen über die Mauer kletterten und im Westen empfangen wurden. Wo waren Sie zu dem Zeitpunkt?

Popien: Also ich befand mich mit meiner kleinen Familie, also mit meinem Sohn und Ex-Mann, in einer möblierten Wohnung an der Ploucquetstraße in Heidenheim. Am 31. Oktober 1989 waren wir hier angekommen. Wir verbanden mit dem Mauerfall so kurz nach unserer Flucht ein bisschen Ärger – weil wir alles in Magdeburg gelassen haben und nichts mitnehmen konnten außer einem Koffer.

Sie wussten also nicht, was passieren wird, als Sie flohen. Wie war ihr Fluchtweg?

Popien: Wir sind über die Prager Botschaft hergekommen. Zuvor hatten wir schon einen Fluchtversuch unternommen über Bratislava. Da hat man uns gefasst und Gott sei Dank laufen gelassen. Wir vermuten wegen des kleinen Kindes. Es hätte viel schlimmer kommen können. Als wir im Fernsehen gesehen haben, der Zug geht nach Prag, sagten wir uns, jetzt packen wir es nochmal. Wir haben uns von meiner Schwester verabschiedet, die einen Tag vorher Mama geworden war. Aber groß verabschieden konnten wir uns nicht. Da hätten wir uns verraten. Wir fuhren fast schweigend nach Prag. Ich hatte zur Beruhigung Tabletten genommen. In Prag haben wir unseren froschgrünen Trabant abgestellt und haben uns auf den Weg zur Botschaft gemacht. Den Weg musstest Du nicht kennen, sondern Du musstest nur der Menschenmenge nachlaufen. Als es kälter wurde, durften Frauen und Kinder in die Botschaft, die Männer mussten draußen bleiben.


Im Westen sahen wir diese Bilder von der überfüllten Botschaft und den Jubel, als bekanntgegeben wurde, dass die Menschen ausreisen dürfen. Frau Blumenthal, hat man diese Bilder im Osten auch im Fernsehen gesehen?

Blumenthal: Also ich war entsetzt, als ich das gesehen habe. Diese Menschmassen, all die Kinder. . .

Aber Sie wollten nicht gehen?

Nö.

Wo waren Sie am 9. November?

Ich war bei meiner Schwester, wir haben damals gleich vis-a-vis gewohnt. Abends kam dann mein Neffe nach Hause und sagte, macht mal den Fernseher an. Da haben wir das dann gesehen, als die ersten Menschen über die Grenze gegangen sind. Dann wurde die Rede von Schabowski immer wieder wiederholt – also wir waren erschrocken, wie erstarrt eigentlich.

Sind sie dann auch gleich mal rüber in den Westen?

Nein. Es war Chaos am nächsten Tag, am 10. November. Wir waren zehn Kollegen bei der Arbeit, morgens waren wir nur zu zweit. Die anderen kamen nachmittags. Vorher hatten sie sich ihre 100 Mark geholt und waren einkaufen. Also ich habe erst einmal eineinhalb bis zwei Wochen gebraucht, bis ich da mal rüber bin. Berlin war ja der reinste Ausnahmezustand. Meine Kinder waren in einer Tagesstätte untergebracht. Ich habe fast drei Stunden bis nach Hause gebraucht und bin erst um 19.30 Uhr in der Tagesstätte angekommen. Ich habe mich tausend Mal entschuldigt. Aber die Kindergärtnerinnen waren froh, dass die Kinder überhaupt abgeholt wurden. Ich glaube bei uns in der Tagesstätte wurden zwei nicht abgeholt.

Warum das denn?

Es gab ja auch Leute, die sind geflüchtet und haben ihre Kinder zurückgelassen. Diese Geschichten wurden später ja auch bekannt.

Dachten Sie eigentlich, die Grenzen bleiben offen?

Ich weiß nicht.

Popien: Das war überfällig, die Politiker waren ja überfordert.

Sie haben sich aber geärgert?

Die Flucht über Prag haben wir gewollt, aber das war kein Spaziergang. Die Fahrt im Zug nach Hof hat fast einen Tag lang gedauert. Der Zug war verplombt, es gab keine Heizung.

Die Interviewpartner

Sabine Popien ist Redaktionssekretärin bei der Heidenheimer Zeitung. Sie floh Anfang Oktober 1989 – sechs Wochen vor dem Mauerfall – von Magdeburg mit ihrem damaligen Mann und ihrem dreijährigem Sohn über die Prager Botschaft in den Westen. Kurz später zog die junge Familie nach Heidenheim, weil ihr Mann hier eine Arbeitsstelle als Ingenieur fand.

Anke Blumenthal arbeitet in der Seitenproduktion der Heidenheimer Zeitung. Die gelernte Schriftsetzerin lebte in Berlin-Marzahn, bis auch sie vier Jahre nach dem Mauerfall mit ihrer Familie nach Süddeutschland umzog. Damals war sie 26. Heute wohnt sie im Ostalbkreis und hat dem Mauerfall ihren ganz persönlichen Lebensweg zu verdanken.