Kreis Heidenheim / Klaus Dammann Eiszeithöhlen im Überblick: Der gerade verliehene Unesco-Titel gilt gemeinsam für sechs Höhlen der Schwäbischen Alb. Hier werden sie vorgestellt.

Der Erfolg hat bekanntermaßen viele Väter. Im Fall der gelungenen Aufnahme von sechs Eiszeithöhlen der Schwäbischen Alb auf die Unesco-Liste des Welterbes trifft das tatsächlich zu: von den zuständigen Archäologen der Universität Tübingen mit Prof. Nicholas J. Conard an der Spitze bis zu Kommunalpolitikern und engagierten Unterstützern aus der Region wie dem Förderverein Eiszeitkunst im Lonetal, von Förderern aus der Wirtschaft bis zum Landesdenkmalamt, vom Land Baden-Württemberg bis zur Kultusministerkonferenz der Bundesrepublik Deutschland.

Sie und viele mehr haben ihren Anteil, dass der gut vorbereitete deutsche Antrag „Höhlen und Eiszeitkunst im Schwäbischen Jura“ am Sonntagmittag bei der Sitzung des Welterbekomitees in Krakau problemlos durchging. Nach dem Kloster Maulbronn, dem Obergermanisch-Rätischen Limes, der Klosterinsel Reichenau, den Pfahlbauten am Bodensee und in Oberschwaben sowie den beiden Wohnhäusern des französischen Architekten Le Corbusier in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung sind die Eiszeithöhlen nun die sechste Weltkulturerbestätte in Baden-Württemberg.

Vogelherdhöhle

Die Vogelherdhöhle, der Hohlenstein und die Bocksteinhöhle im Lonetal, der Hohle Fels, das Geißenklösterle und die Sirgensteinhöhle im Achtal haben den begehrten Titel gemeinsam bekommen – aufgrund ihrer immensen Bedeutung für die Geschichte und Entwicklung des steinzeitlichen Menschen. Vor 40.000 Jahren – in der sogenannten Aurignacien-Epoche der jüngeren Altsteinzeit - nutzten die Eiszeitmenschen diese teils kleinen Höhlen als Aufenthaltsorte. Sie hinterließen die bei archäologischen Ausgrabungen über viele Jahrzehnte hinweg entdeckten und berühmt gewordenen Fundstücke: die bislang älteste skulpturale Kunst der Menschheit. Das sind kleinformatige, aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Figuren, der größere Löwenmensch und Flöten als früheste Musikinstrumente.Der Unesco-Welterbetitel ist im Übrigen nicht mit irgendwelchen Preisen oder Geldern dotiert. Vielmehr bedeutet er neben dem erreichten Prestige eine Verpflichtung, die als besonders bedeutend erkannten Orte zu erhalten und zu schützen. Einen steigenden Zuspruch in Sachen Tourismus kann man nach dem Erfolg freilich auch erwarten.

Die Vogelherdhöhle ist die einzige der sechs Höhlen, die auf Markung des Landkreises Heidenheim liegt. Sie befindet sich nordwestlich von Niederstotzingen im Lonetal, nahe dem Teilort Stetten ob Lontal. Vor ein paar Jahren wurde hier auch der Archäopark errichtet, in dem unter anderem die 3,7 Zentimeter kleine, 2006 hier entdeckte Mammutfigur zu sehen ist. Große Ausgrabungen gab es hier bereits 1931. Damals fand Ausgräber Gustav Riek die berühmte Figur des Wildpferdchens. Viele weitere Funde folgten.

Hohlenstein

Weiter nach Westen liegt an der Lone das Felsmassiv Hohlenstein (Markung Asselfingen und wie alle weiteren Höhlen im Alb-Donau-Kreis), zu dem zwei größere Höhlen gehören. Bemerkenswerte Funde gab es vor allem in der Stadel-Höhle. Hier ragt die elfenbeinerne Tier-Mensch-Figur des Löwenmenschen heraus, deren Teile in mehreren Rekonstruktionsphasen zusammengesetzt werden konnten und die eine Höhe von 31 Zentimetern hat. Das Originalfundstück wird im Ulmer Museum ausgestellt.

Bocksteinhöhle

Auf Markung Rammingen, noch etwas weiter westlich im Lonetal, findet sich am Hang das Massiv Bockstein. Dieser mehrteilige Fundplatz hat seine Bedeutung für die mittlere Steinzeit (Zeit des Neanderthalers) im Bereich Bocksteinschmiede und Bocksteinloch wie für das Aurignacien und andere Phasen im Bereich Bocksteinhöhle und Bockstein-Törle. Zu den Funden gehören unter anderem Schmuckstücke.

Geißenklösterle

Nähert man sich im Achtal von Osten, so erreicht man hier als erste der dortigen Höhlen das Geißenklösterle auf Markung Blaubeuren. Die Höhle befindet sich südlich der Stadt, etwa 60 Meter über der heutigen Talsohle. Hier wurden bei Grabungen Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts Besiedlungsspuren aus der jüngeren Altsteinzeit gefunden. Auch hier fand man Tierfiguren, daneben ragen vor allem aber Teile von drei Flöten aus Vogelknochen und Mammutelfenbein heraus.

Sirgensteinhöhle

Ebenfalls auf Baubeurener Markung liegt wiederum etwas westlicher am Hang auf der linken Seite des Achtals die Sirgensteinhöhle. Sie gilt als einer der bedeutendsten Fundplätze Südwestdeutschlands aufgrund ihrer Schichtenabfolge von der mittleren Altsteinzeit bis ins Mittelalter. Gefunden wurden Steinartefakte und -werkzeuge von Neanderthaler wie modernem Menschen sowie eine doppelt durchlochte Perle als einziges Schmuckobjekt.

Hohler Fels

Der Hohle Fels befindet sich auf der rechten Seite der Ach auf Markung Schelklingen. Auf einen Vorplatz folgt ein etwa 30 Meter langer Gang und dahinter die Höhlenhalle von etwa 25 mal 25 Meter Größe und teils 30 Meter Höhe. Hier sind aktuell immer noch Ausgrabungen im Gange. Der reichhaltige Fundplatz, der die Neanderthalerzeit und die ganze mitteleuropäische jüngere Altsteinzeit umfasst, brachte 2008 die bislang älteste figürliche Menschendarstellung – die sogenannte Venus – hervor. Weitere Funde stellen Tiere dar und auch Flötenfragmente wurden im Hohle Fels ausgegraben.

Unesco-Welterbe

Unesco bedeutet United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization. Diese internationale Organisation von Staaten gehört zu den Vereinten Nationen und hat ihren Sitz in Paris. Zu ihren Aufgaben gehört die Förderung von Erziehung, Wissenschaft und Kultur, Kommunikation und Information. Die Unesco verleiht den Titel Welterbe (Weltkulturerbe und Weltnaturerbe) an vorgeschlagene Orte, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität weltbedeutend sind und daher erhalten werden müssen. Diese Stätten werden auf der Welterbeliste geführt, die Stand 2016 insgesamt 1052 Orte in 165 Ländern umfasste.

Die Museen

Die Originalfunde sehen zu können, erfordert Mobilität, denn sie sind auf eine ganze Reihe von musealen Standorten verteilt. Dies sind neben dem Archäopark Vogelherd und dem Ulmer Museum vor allem das Museum der Universität Tübingen im Schloss Hohentübingen und das Urgeschichtliche Museum in Blaubeuren. Hinzu kommt das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart.