Heidenheim / Michael Brendel Die Einzelhandelskette Real will bis Ende 2020 Plastikbeutel komplett aus ihren Obst- und Gemüseabteilungen verbannen. Der Schnaitheimer Markt arbeitet bereits daran.

Die schiere Menge klingt gigantisch: 70 Millionen Plastiktüten will Real pro Jahr einsparen. Das entspricht nach Angaben der Unternehmenszentrale in Düsseldorf 140 Tonnen Kunststoff. 200 000 Tüten könnten es in der Schnaitheimer Real-Filiale sein, schätzt Geschäftsleiter Frank Rebmann.

Bis zum selbstgesteckten Stichtag 31. Dezember 2020 sollen zwar weiterhin Plastikbeutel in der Obst- und Gemüseabteilung hängen, gleichzeitig aber Tüten aus Recyclingpapier sowie waschbare Mehrwegnetze aus Polyester, die die Kunden kaufen können. Der Schnaitheimer Markt hält sie seit zwei Wochen vor, und die Reaktion ist laut Rebmann durchweg positiv: „Das Angebot kommt gut an, und wir haben bisher nur lobende Worte gehört.“

Rebmann sieht sich durch den eingeschlagenen Weg in seiner persönlichen Lebenseinstellung bestätigt, so weit als möglich auf regional und nachhaltig hergestellte Produkte zurückzugreifen und Müll zu vermeiden. Er setzt deshalb darauf, dass möglichst viele Akteure des Lebensmitteleinzelhandels vergleichbare Anstrengungen unternehmen, „denn wir wissen doch alle, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher“.

Kampf gegen Müllberge

In der Tat sind im Kampf gegen wachsende Plastikmüllberge auch andere Anbieter bestrebt, Kunststoffartikel aus dem Sortiment zu nehmen – begleitet von Werbekampagnen unterschiedlichen Ausmaßes. So stellt beispielsweise Edeka Holzbesteck neben die Salattheke. Netto, Aldi und Lidl haben angekündigt, dass zumindest nach und nach Geschirr, Trinkhalme, Einwegbecher und dergleichen aus den Regalen verschwinden sollen.

Was die wiederverwendbaren Beutel angeht, lief bei Rewe in Heidenheim schon vor Monaten eine Versuchsphase. Offenkundig so erfolgreich, dass das Angebot nach der Auswertung beibehalten wurde.

Rewe wählte im Januar die „Internationale Grüne Woche“ in Berlin, die weltgrößte Fachmesse für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau, als Bühne für die Ankündigung, in Zukunft bei Bio-Gurken auf Plastikumhüllungen zu verzichten. Stattdessen sollen Klebeetiketten oder -banderolen verwendet werden. Im Gespräch ist auch „Natural Branding“, also die Kennzeichnung von Obst oder Gemüse per Laserstrahl.

Real hat ebenfalls auf den immer wieder bemängelten Widerspruch zwischen Bio-Produkt und Plastikhülle reagiert. Begründet worden war die Verpackung stets damit, dass die Gurken zum Zeitpunkt der Ernte noch über eine aktive Zellatmung verfügen und deshalb ohne Folie schnell Wasser verlieren und schrumpelig werden. Rebmann zufolge ist es gelungen, andere Materialien einzusetzen und die Transportwege zu verkürzen.

Vorbehalte bei Kunden

Rückt also der Tag näher, an dem es in großen Einkaufsmärkten keinerlei umverpacktes Obst und Gemüse mehr geben wird? Rebmann ist skeptisch. Das Bekenntnis zum Umweltschutz sei das eine, das tatsächliche Kundenverhalten das andere. Und viele wollten bei ihrem Einkauf eben nicht hinnehmen, dass zuvor andere die Produkte prüfend in die Hand genommen haben: „Eine kompletter Verzicht auf Verpackungen wäre deshalb wegen der Vorbehalte in diesem Bereich wohl nur möglich bei Bedienung durch Marktpersonal.“

Sabine Stachorski, Rewe-Pressesprecherin Region Südwest, weist auf Nachfrage außerdem darauf hin, dass Plastikverpackungen vor allem zum Erhalt der Frische und Qualität beitrügen. Bei einem Großversuch zur umweltfreundlicheren Kennzeichnung und Verpackung, der im April in 630 Rewe- und Nahkauf-Märkten beginne, würden deshalb besonders empfindliche Beerenfrüchte und frische Blattsalate weiterhin verpackt angeboten. Auch bei Produkten, die nicht einzeln mit einem Klebeetikett ausgezeichnet werden könnten, etwa Karotten, könne auf Kunststoff nicht verzichtet werden.

Grundsätzlich gilt laut Stachorski das Ziel, mittelfristig bei Obst und Gemüse auf Plastikverpackungen zu verzichten. Wo das nicht möglich sei, solle der Kunststoffanteil zumindest reduziert werden.

Mehrweg an der Frischtheke

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, beim Einkauf selbst in großen Märkten Müll zu vermeiden. Beispiel: Bei Real in Schnaitheim können Fleisch, Wurst und Fisch in mitgebrachte Mehrwegbehältnisse gegeben werden.

Die Hygiene spielt die entscheidende Rolle. So war laut Geschäftsleiter Frank Rebmann für diesen Service eine Zustimmung der Lebensmittelüberwachung erforderlich.

So geht's: Der Kunde stellt sein Behältnis auf ein Tablett. Die Mitarbeiter an der Frischtheke tarieren das Gewicht, legen die Bestellung in die Form und reichen das Tablett zurück. Es kommt zu keinem Kontakt von Box und Theke.