Die Bauingenieurin steht mit einer Tasse Tee am Fenster ihrer Wohnung im vierten Stock in der Ostukraine, als die russische Rakete mit schrillem Pfeifen am Fenster vorbei zischt und kurze Zeit später in einer militärischen Anlage mit lautem Knall detoniert. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nataliya Strashynska gibt dem längeren Drängen von Tochter Maryna und Schwiegersohn Norbert Illenberger nach und packt die wichtigsten Habseligkeiten und Dokumente zusammen. Als die 67-Jährige mit lediglich einem Trolley das Türschloss hinter sich zuzieht, weiß sie nicht, wann und ob sie überhaupt noch einmal zurückkommen wird. „Aber Putin braucht doch keine Ruinen“, macht sie sich Hoffnung.

Russische Grenze sehr nah

Auf der Stadtverwaltung in Kramatorsk hatte sie 40 Jahre im Bauamt gearbeitet. Kaum 20 Kilometer entfernt liegt die Grenze, wo russlandfreundliche Militärs die jetzt von Putin anerkannten selbstständigen Regionen geschaffen hatten. Die Stadt Kramatorsk, etwa 600 Kilometer von Kiew entfernt, war einst ein Zentrum der Maschinen- und Schmuckindustrie, erlebte aber einen Niedergang, sodass heute nur noch 160.000 Menschen – statt einst 300.000 – hier wohnen. Seit acht Jahren gab und gibt es kriegerische Handlungen der Aufständischen im Oblast Donezk ganz im Osten. Die meisten wollen bleiben, ausharren, ja sogar kämpfen. Der Schrecken des Krieges schreckt sie längst nicht mehr.

Busse fahren nicht mehr. Zu Fuß erreicht Nataliya Strashynska den nächsten Bahnhof, von dem aus Züge Richtung Kiew und dann weiter nach Westen, Richtung polnische Grenze rollen. Sie kam ohne Fahrkarte in den übervollen Zug. „Alles lief sehr geordnet und ohne Chaos ab“, erzählt sie am Donnerstag in gutem Deutsch im neuen, großzügigen Haus ihrer Gastgeber in der Heidenheimer Weststadt.

Auch russische Wurzeln

„Wir hatten ihr angeboten, dass sie auch eine Freundin mitbringen könnte, aber die Ukrainer sind doch echte Patrioten“, sagt Steinmetzmeister Norbert Illenberger. Die Mutter seiner Schwiegermutter stammte aus St. Petersburg, der Vater aus der Ukraine – was nie ein Problem war. Schlimm ist für Strashynska allerdings, dass ihre Schwester in St. Petersburg heute Putins Handeln unterstützt, ja sogar gut heißt.

Tochter drängte zur Flucht

Maryna Illenberger, die in leitender Funktion in einer Bank in der Ukraine tätig war, bevor sie ihren Mann kennenlernte und vor elf Jahren nach Steinweiler kam, arbeitet im hiesigen Klinikum. „Ich hatte meine Mutter täglich angerufen, sie hätte nie geglaubt, dass es wirklich zum offenen Krieg kommt. Ich betete und drängte sie, dass sie endlich zu uns kommt“, so die 48-Jährige.

Die Einwohner von Kramatorsk waren angewiesen, wegen des Raketenbeschusses weit weg von Fenstern wegen des splitternden Glases zu schlafen. „Die meisten schliefen in der Badewanne“, erzählt Strashynska.

Von Einheimischen versorgt

Sie wirkt nach der fünftägigen Zugfahrt mit wenig Essen und kaum Schlaf gefasst, aber auch verbittert. Die Evakuierungszüge waren vor allem für Frauen und Kinder und hatten überwiegend Ziele im Westen der Ukraine und in Polen. Auf der über 3000 Kilometer langen Zugfahrt in mehreren Zügen, teils mit Fahrkarte, teils von den Stewards durchgewunken, wurden sie an Haltestellen von Einheimischen mit kleinen Mahlzeiten versorgt. Aber sie erlebte auch, wie eine in Tränen aufgelöste junge Frau an der ukrainisch-polnischen Grenze von ihrem Freund getrennt wurde: Er musste zurück, das Vaterland verteidigen.

Hilfe eines Weißrussen

Meist befanden sich zwölf statt vier Personen in einem Abteil, selbst in den Gängen harrten Flüchtlinge aus. „Die wollen aber alle ganz schnell wieder zurück, sobald das irgendwie möglich ist“, sagt Strashynska. Es gab natürlich kein Telefon, die Akkus waren längst leer. Überglücklich war sie, als ihr bei einem der zahlreichen Stopps ein Weißrusse in Polen ein Ladekabel kaufte. Sie hatte ihres in der Aufregung daheim vergessen.

Der 59-Jährige Norbert Illenberger zieht ein trauriges Fazit: „Es herrscht dort seit acht Jahren Krieg. Jetzt rächt es sich, dass weder Europa noch die Uno das ernst genommen haben. Jetzt kapiert die Welt, dass es keinen größeren Kriegsverbrecher als Putin gibt.“ Und seine Frau Maryna ergänzt: „Wir müssen das russische Volk aufrütteln.“

Wie lange Nataliya Strashynska zu Gast sein wird, ist nicht abzusehen. Eine Prognose, wie ihr Heimatland in 20 Jahren aussehen könnte, wagt sie nicht abzugeben: „Es ist so schlimm: Krieg ist für Putin wie Sport.“