Heidenheim / Michael Brendel Ohne Historie zu verfälschen, erinnert „Der Fall Holdt“ stark an das Verbrechen aus Heidenheim.

Der „Tatort“ ist auch nicht mehr das, was er einmal war: Seit einiger Zeit schon scheint er sich immer stärker zum Experimentierfeld ambitionierter Regisseure zu entwickeln, die reales Geschehen und künstlerische Fiktion abseits des klassischen Doku-Dramas verschmelzen wollen.

Eine Chronologie des Mordfall Bögerl

Dieser Kniff muss nicht schlecht sein. Vor allem am Schauplatz der historischen Vorlage garantiert er gesteigertes Öffentlichkeitsinteresse in Form hoher Einschaltquoten. Welche der jüngste ARD-Sonntagabendkrimi in und um Heidenheim erzielte, ist zwar nicht bekannt, bundesweit lag sie aber bei beachtlichen 28,1 Prozent, was mehr als zehn Millionen Zusehern entspricht.

Aus tatsächlichen Kriminalfällen Inspiration zu saugen, ist per se nichts Verwerfliches – sofern sich Filmemacher nicht dazu verleiten lassen, unter dem beliebig dehnbaren Vorwand künstlerischer Freiheit längst zerpflückte Verschwörungstheorien wieder aufs Tapet zu heben. Den Vorwurf, ohne das nötige Verantwortungsbewusstsein umformerisch Hand an die Geschichte gelegt zu haben, mussten sich beispielsweise die Macher des am 15. Oktober ausgestrahlten „Tatorts“ mit dem Titel „Der rote Schatten“ machen lassen. Dieser spielte anhand authentisch wirkender Super-8-Aufnahmen mit der einst kolportierten Behauptung, ein Spezialkommando habe 1977 die RAF-Terroristen Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin im Stammheimer Gefängnis umgebracht.

Keine Verfälschung

Unterliegt „Der Fall Holdt“ einer ähnlichen Versuchung? Nein. Er folgt der von Produzentin Kerstin Ramcke im Vorfeld der Ausstrahlung formulierten Ankündigung, die Entführung und Ermordung Maria Bögerls habe den Anstoß für den „Tatort“ gegeben.

Der Parallelen gibt es in der Tat viele: In beiden Fällen wird die Gattin eines Bank-Direktors entführt, beträgt die geforderte Lösegeldsumme 300.000 Euro, scheitert die Übergabe der Scheine. Hier wie dort wendet sich die Familie in einem Film an die Öffentlichkeit und bittet um die Freilassung des Opfers, das später ermordet in einem Wald aufgefunden wird. Auch das Ende gleicht sich stark: Beide Ehemänner erhängen sich, beide Fälle bleiben ungelöst.

Zu jedem Zeitpunkt aber lässt der „Tatort“ die Privatsphäre der Familie Bögerl unberührt, der Film ist allen Ähnlichkeiten zum Trotz keine Nacherzählung des Verbrechens. „Der Fall Holdt“ spielt weder an Originalschauplätzen, noch kapriziert er sich auf Besonderheiten wie DNA-Tests oder Kritik der Familie an der polizeilichen Arbeit.

Im Zentrum steht außerdem die Ermittlerin. Und in dem Punkt ist dieser „Tatort“ dann doch, was er immer war.

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