Heidenheim / Silja Kummer Der 27-jährige Syrer Fadi Alseid hat bei einem Raketenangriff seine rechte Hand verloren. Im Café Samocca kann er wieder ins Arbeitsleben einsteigen.

Wenn man nach einem harten Schicksalsschlag wieder zurück in den Alltag finden muss, ist es gut, wenn man Unterstützung dafür findet. Der 27-jährige Syrer Fadi Alseid bekommt diese von verschiedenen Seiten: Im von der Samariterstiftung getragenen Café Samocca in der Stadtbibliothek hat er einen Anstellungsvertrag bekommen, um wieder ins Arbeitsleben zu finden. Und Sarra Sahan, Geschäftsführerin der Fokus-Sprachschule in Mergelstetten, ermöglicht ihm ein kostenloses Sprachtraining, um ihn fit zu machen für eine Ausbildung in Deutschland. „Die deutsche Sprache ist noch schwierig für mich, besonders das Schwäbische“, sagt Alseid.

Der junge Mann kam vor drei Jahren als Kriegsflüchtling in Gerstetten an. Er stammt aus der schwer umkämpften Stadt Idlib, die 50 Kilometer südwestlich von Aleppo liegt. Wenn er von dem Raketenangriff erzählt, durch den er seine rechte Hand verlor, ringt Fadi Alseid um Worte – und dies liegt nicht nur an fehlenden deutschen Sprachkenntnissen, sondern vor allem an dem traumatischen Erlebnis. Als die Rakete das Haus traf, seien er und sein Bruder zu Hause gewesen, berichtet Alseid. Der 30-jährige Bruder kam ums Leben, Fadi Alseid überlebte schwer verletzt und wurde in einem syrischen Krankenhaus operiert. Vier Monate später entschloss er sich zur Flucht aus seiner Heimat.

Aufgrund seiner körperlichen Einschränkung wurde er in die Werkstatt des Samariterstifts aufgenommen. Im Café Samocca war er sowohl in der Küche als auch im Service und an der Theke tätig. Seit April ist er Teil einer Arbeitsgruppe, die für das Café die Speisen vorbereitet und Kuchen bäckt. „Fadi arbeitet gerne und ist überall zu gebrauchen“, lobt ihn die Café-Leiterin Margit Hoffmann. Sie sieht seine Beschäftigung über die Ostalb-Werkstätten der Samariterstiftung als berufsvorbereitend an. „Sobald er noch besser Deutsch spricht, kann Fadi sicherlich eine normale Ausbildung machen“, meint sie. Mit der Einschränkung durch die fehlende Hand habe er mittlerweile gelernt, umzugehen.

„Ich habe in Syrien als Autohändler gearbeitet und bin Taxi gefahren“, erzählt Fadi Alseid. Aber auch die Arbeit in der Küche mache ihm Spaß. „Ich will unbedingt arbeiten“, sagt er – was, das wird dabei fast zur Nebensache.

Diese Einstellung hat auch Sarra Sahan beeindruckt. Die Münchnerin mit tunesischen Wurzeln lernte Fadi Alseid im Café kennen, als sie dort mit anderen Sprachschülern zu Gast war. „Seine Geschichte hat mich sehr bewegt“, sagt die junge Frau, die sich mit Alseid auf Arabisch verständigen kann und auch beim Interview für diesen Artikel teilweise gedolmetscht hat. Seit zwei Monaten bekommt der 27-Jährige nun einmal pro Woche kostenlosen Einzelunterricht in Sarra Sahans Sprachschule. „Ich weiß aufgrund der Erfahrungen meiner Eltern, wie schwer es ist, wenn man aus dem Ausland kommt und in einem Land neu anfängt“, berichtet sie. Als Kind musste sie den Eltern in sprachlicher Hinsicht oft helfen. „Da ist mir bewusst geworden, wie wichtig Sprache ist“, sagt Sarra Sahan. Das versucht sie nun auch Fadi Alseid zu vermitteln, damit dieser trotz seines Handicaps Fuß fassen kann in einem fremden Land.

Arbeit für Menschen mit Einschränkungen

Die Samariterstiftung ist ein großer christlicher Träger der Diakonie mit Sitz in Nürtingen. Mehr als 2600 Mitarbeiter kümmern sich in über 60 Häusern um alte Menschen, Menschen mit Behinderungen und psychisch Kranke.

Die Samocca-Cafés sind Projekte der Ostalb-Werkstätten, die von der Samariterstiftung getragen werden. Mittlerweile gibt es 16 solche Cafés, in denen Menschen mit psychischen und geistigen Behinderungen arbeiten. Unter dem Aspekt „Fordern und fördern“ sollen die Mitarbeiter in den verschiedenen Arbeitsfeldern des Cafébetriebs so selbstständig wie möglich arbeiten. In Heidenheim wurde das Café 2017 zusammen mit der neuen Stadtbibliothek eröffnet.