Gibt es noch ein echtes Leben neben Instagram, Whatsapp, Tiktok und Co.? Wie Studien zeigen, hat der zunehmende Smartphone-Gebrauch einige negative Folgen für Nutzerinnen und Nutzer. Warum es sich lohnt, weniger Zeit am Bildschirm zu verbringen und mit welchen Maßnahmen es gelingen kann, erklären Prof. Dr. Christian Montag, Leiter der Abteilung Molekulare Psychologie von der Universität Ulm, und die Heidenheimer Medienpädagogin Franziska Danner.

„Stand vor Corona waren zwei Prozent der Deutschen online-süchtig. Durch die Pandemie müssten das aber mittlerweile mehr sein. Etwa zehn Prozent der Deutschen haben eine problematische Nutzung“, sagt Christian Montag. Er forscht international zum Einfluss von Internet, Mobiltelefonen und Computerspielen auf Emotionalität, Persönlichkeit und Gesellschaft.

Smartphone-Bildschirmzeit steigt

Laut dem App-Analyseunternehmen App Annie verbrachten die Deutschen 2019 durchschnittlich noch 2,6 Stunden täglich am Handy, 2021 waren es bereits 3,4 Stunden. Am beliebtesten waren dabei Kommunikations- und Social-Media-Apps, gefolgt von Spiele-Apps, so die Analyse. Bei den 18- bis 29-Jährigen lag die Nutzungsdauer noch höher und betrug im Schnitt ganze vier Stunden am Tag. Sind sie alle smartphonesüchtig?

„Es gibt noch keine repräsentative Studie, aber Annäherungen. Wir haben deutschlandweit seit längerer Zeit belastbare Zahlen zum Thema Internet-Nutzung. Wir wissen etwa, dass zwei Prozent der Deutschen süchtig sind“, so Montag. „Viel Zeit online zu verbringen bedeutet aber nicht automatisch, dass man süchtig ist.“ Eine offizielle Diagnose „Internet-Sucht“ gebe es aktuell noch nicht. „Seit 2019 erkennt die Weltgesundheitsorganisation die ‚Computerspielabhängigkeit‘ an. Mittels ihr können wir andere Bereiche im Online-Kontext, wie soziale Netzwerke, erforschen“, so Montag.

Prof. Dr. Christian Montag forscht international zum Einfluss von Internet, Mobiltelefonen und Computerspielen auf Emotionalität, Persönlichkeit und Gesellschaft. Mit ebendiesen Auswirkungen, aber auch mit Möglichkeiten, den eigenen Medienkonsum zu reduzieren, kennt er sich aus.
Prof. Dr. Christian Montag forscht international zum Einfluss von Internet, Mobiltelefonen und Computerspielen auf Emotionalität, Persönlichkeit und Gesellschaft. Mit ebendiesen Auswirkungen, aber auch mit Möglichkeiten, den eigenen Medienkonsum zu reduzieren, kennt er sich aus.
© Foto: Marcus Braun

Es gibt keine „Smartphone-Sucht“

„Wir in der Wissenschaft sind keine Fans des Begriffs ‚Smartphone-Sucht‘, denn ein Alkoholiker ist auch nicht flaschenabhängig, sondern es kommt auf den Inhalt an“, sagt der Ulmer Professor. Man müsse sich demnach mit den Apps auf den Smartphones beschäftigen und überlegen, welche davon bei einem Nutzer mit einem Problemverhalten einhergehen können, anstatt sich rein auf das Smartphone zu stützen.

Um von Sucht oder einem Problemverhalten sprechen zu können, müssten außerdem verschiedene Symptome gegeben sein und auch ein gewisser Schweregrad sowie Leidensdruck. Da müsse dann zum Beispiel ein Kontrollverlust vorliegen. Dass man eigentlich weniger online sein möchte, das aber nicht gelingt. Oder dass man Beschäftigungen nicht mehr nachkommt, die einem einmal wichtig waren. Mittlerweile arbeite man mit dem Begriff „Internet-Nutzungsstörung“.

Negative Einflüsse auf die Psyche

Dass exzessiver Smartphone-Konsum negative Einflüsse auf die Psyche hat, ist dem Ulmer Forscher zufolge mittlerweile unbestritten. „Wir reden inzwischen eher darüber, ob diese Einflüsse so groß sind, dass sie uns Sorgen machen müssen, oder ob das subtile Effekte sind“, so Montag. Grundsätzlich solle man sich hüten, normale Alltagshandlungen vorschnell zu pathologisieren, sie also als krankhaft zu bewerten.

Aber, sagt der Neuropsychologe: „Wir haben in der Hirnforschung verschiedene Indikatoren, die suggerieren, dass je mehr überbordende Smartphone-Nutzung da ist, desto geringer fällt das Hirnvolumen in bestimmten Hirn-Arealen aus.“

Bei einer Studie in den USA haben Montag und sein Team die objektiven Bildschirmzeit-Daten von studierenden Probanden sowie deren offizielle Studienleistungen aus den Sekretariaten ausgewertet. „Dabei konnten wir sehen, dass eine längere Nutzung mit schlechten Noten einhergeht. Auch metaanalytisch weiß man, dass Smartphones mit schlechteren Lernleistungen assoziiert sind.“

Ursache-Wirkung-Beziehung ist unklar

Das Problem an solchen Studien sei aber, dass sie querschnittlich angelegt sind. Das heißt, wenn man so einen Befund heranzieht, muss man sich fragen, wie er zustande kommt. „Ist es so, dass die längere Nutzung zu schlechteren Noten führt, oder sind diejenigen, die schlechte Noten haben, diejenigen, die sich über das Smartphone ablenken und nicht lernen?“

Der Ulmer Professor und sein Team haben auch herausgefunden, dass die Effekte der Technologien nicht auf alle gleich wirken. Es müssten viele verschiedene Variablen berücksichtigt werden: etwa Alter, Persönlichkeitsstruktur, aber auch, wie die Geräte genutzt werden.

Es werde gerade zum Beispiel mit empirischen Daten diskutiert, ob es einen Unterschied macht, ob man Social Media aktiv oder passiv nutzt. Die interessante Beobachtung: Diejenigen, die nur konsumieren und sich eigentlich nur berieseln lassen, hätten oft mit sozialen Aufwärtsvergleichen und dann mit Neid und depressiven Symptomen zu kämpfen, berichtet Montag. „Wenn ich aber aktiv unterwegs bin, selbst poste und aktiv sozialen Austausch suche, was ja ein Grundbedürfnis ist, dann wird das eher mit positiven Wirkweisen assoziiert.“

Wie also kann man seine Handy-Nutzung reduzieren?

Die Medienpädagogin Franziska Danner vom Heidenheimer Verein G-Recht hält in den Klassen zwei bis acht des Landkreises Heidenheim interaktive Vorträge zum Thema Medienkompetenz.

Mit kreativen Informationseinheiten zum Thema Mediennutzung sensibilisiert die Medienpädagogin Franziska Danner vom Verein G-Recht Schülerinnen und Schüler der Klassen zwei bis acht im Landkreis Heidenheim unter anderem für einen bewussteren Umgang mit den sozialen Medien.
Mit kreativen Informationseinheiten zum Thema Mediennutzung sensibilisiert die Medienpädagogin Franziska Danner vom Verein G-Recht Schülerinnen und Schüler der Klassen zwei bis acht im Landkreis Heidenheim unter anderem für einen bewussteren Umgang mit den sozialen Medien.
© Foto: Rudi Penk
Auch sie beobachtet, wie die sozialen Netzwerke die Kinder und Jugendlichen beeinflussen. „Durch das Vergleichen auf den sozialen Netzwerken mit scheinbar perfekten Körpern haben der Schönheitswahn und Druck bei Schülern in den vergangenen Jahren sehr zugenommen“, sagt sie.

Auf den Elternabenden zum Thema Mediennutzung rege sie Eltern stets dazu an, keine Medien-Verbote aufzustellen, sondern gemeinsam mit ihren Kindern Medienregeln festzulegen, etwa: kein Handy am Tisch. Außerdem sollten Eltern bei ihren Kindern auf die Ausübung von Hobbys achten. „Die Medienpädagogik besagt, dass immer dann, wenn ich alternative attraktive Freizeitangebote habe, ich diese dem Scrollen vorziehe“, so Danner.

Tech-Konzerne sind die eigentlichen Verantwortlichen

Montag schließt sich Letzterem an und ergänzt: „Wir müssen junge Menschen unterstützen und ihnen Vorbilder sein.“ Dass Kinder sich die Verhaltensweisen ihrer Eltern abschauen, sei eine der ältesten Erkenntnisse der Psychologie.

Landkreis Heidenheim

Zwar sieht Montag die Verantwortung für ein gesundes Medien-Nutzungsverhalten eigentlich nicht bei den Nutzern selbst, sondern vielmehr bei den Technologie-Konzernen, die das Nutzungsverhalten gezielt durch Algorithmen und das sogenannte Datengeschäftsmodell steuern.

Tipps für weniger Zeit am Bildschirm

Dennoch gibt es laut ihm einige wissenschaftlich belegte Tipps, mit denen sich die Handy-Nutzung reduzieren lässt: Man könne beispielsweise eine Armbanduhr nutzen anstelle eines Smartphones, um die Uhrzeit zu erfahren. So komme man nicht in Versuchung, erneut die sozialen Netzwerke oder Whatsapp-Chats zu öffnen.

Hilfreich sei es zudem, Push-Benachrichtigungen von Social-Media-Apps sowie Lesebestätigungen beim Messenger-Dienst Whatsapp auszuschalten. Hin und wieder lohne es sich, gewisse Apps komplett vom Smartphone zu verbannen. Und ein simpler, aber effektiver Tipp zum Abschluss: die Farbeinstellungen auf dem Smartphone auf schwarz-weiß stellen, denn das mache die Nutzung weniger attraktiv.

Dieser Artikel ist teil der HZ-Serie zum Thema Gute Vorsätze für 2023.

Mehr Informationen, Literatur und Studien


Wer sich mehr und fundiert zu den Auswirkungen eines überbordenden Smartphone-Nutzungsverhaltens, den Ursachen und speziell zu den Wirkungsweisen der Tech-Industrien und des Datengeschäftsmodells informieren möchte, findet Antworten in Prof. Dr. Christian Montags Sachbuch „Du gehörst uns! Die psychologischen Strategien von Facebook, TikTok, Snapchat & Co. – und wie wir uns vor der großen Manipulation schützen“.