Heidenheim / Marita Kasischke Das Landestheater sorgte für Spannung mit Patricia Highsmiths „Der talentierte Mr. Ripley“.

Ein junger Mann in den frühen Morgenstunden ganz allein am Strand von Positano – dieser Anblick genügte Patricia Highsmith, um ein ganzes Mordgeschehen erst in ihrer Fantasie, dann in einem Roman entstehen zu lassen. Der junge Mann wurde so zu Tom Ripley, der Roman zu einem Bestseller bis heute und zu zwei ganz unterschiedlich angelegten Filmen. Grit Lukas und Lars Helmer vom Landestheater Tübingen haben aus „Der talentierte Mr. Ripley“ eine Theaterfassung gemacht, die am Donnerstagabend in der Waldorfschule gezeigt wurde.

Spannung zog sich durch die gesamten eineinhalb Stunden, die ohne Pause von lediglich vier Personen auf der Bühne bestritten wurden. Jens Lamprecht hatte dabei als Einziger nur eine Rolle zu verkörpern, die Titelrolle nämlich, wobei er in dieser freilich auch gelegentlich als Mordopfer Dickie Greenleaf zu agieren hatte. Die Geschichte bringt ja die vermeintlichen alten Freunde Tom und Dickie wieder zusammen: Tom soll im Auftrag von Dickies Eltern den dem Jetset verfallenen Dickie aus Italien wieder nach New York holen. Dickie wird allerdings nirgendwo mehr hinfahren, denn Tom, der sich sowohl in Dickie als auch in das süße Leben verliebt, allerdings zurückgewiesen wird, tötet den reichen Erben und konstruiert talentiert einen Plan, der ihm, anstatt des Mordes überführt zu werden, das süße Leben sichert.

Wenn die Dämonen kommen

Bis dahin allerdings schlägt ihm – auch für den Zuschauer sichtbar – immer wieder das Gewissen: Wie die Dämonen der Tat und ihrer Folgen ihm auflauern, das gehört zu den stärksten Momenten der Inszenierung, für die ebenfalls Autorin Grit Lukas verantwortlich ist. Damit macht sie erlebbar, was in Ripleys Kopf herumspukt, womit er außer den Verdächtigungen von Dickies Freunden und den Ermittlern zu kämpfen hat.

Dickies Freunde, das sind Marge Sherwood, die wunderbar natürlich von Florenze Schüssler gespielt wird. Sie schlüpft auch in die Rolle von Toms Freundin Cleo und in die der Varietédame, unter deren Zauber Tom und Dickie einander näherkommen – auch das eine sehr starke Szene. Nicolai Günther spielt Freddie Miles, den Freund, der Tom auf die Schliche kommt, sodass er leider von diesem beseitigt werden muss. Und Günther spielt den italienischen Inspektor sowie den amerikanischen Detektiv, wobei das Klischee nicht nur in Trench und Hawaiihemd hochgehalten wird.

Die beiden Ermittler geben fast schon komische Figuren in dem Treiben ab. Lässig und wunderbar überheblich dagegen gerät Rinaldo Stellers Dickie, der sich nimmt, was er will und schon bald davon gelangweilt ist. Das macht er großartig, in der Rolle von Dickies Vater bleibt ihm kaum anderes als die Übertreibung übrig, wogegen sein Peter Smith-Kingsley, der Nachfolger Dickies in Toms Leben, fast schon zum Abziehbild Dickies wird. Das passt hervorragend zur Geschichte, die ansonsten ganz und gar vom Spiel Lamprechts beherrscht wird, der von unschuldiger Heiterkeit über nervöse Getriebenheit bis zur notgedrungenen Kaltblütigkeit eine große Bandbreite zeigt und dabei immer authentisch wirkt. Sehr eindringlich wirken auch die Mordszenen, die gänzlich in Zeitlupe gespielt werden.

Wechselndes Bühnenbild

Die Geschichte lebt von vielen Ortswechseln, und das ist nicht einfach auf die Bühne zu bringen. Verschiedene Bühnenbildelemente werden hierfür effektvoll als Boot, Club, Strand und Wohnung eingesetzt. Die dadurch notwendige ständige Kulissenschieberei ist allerdings anstrengend anzusehen und schmälert die Effekte etwas. Die Handlung wurde in den 1950er-Jahren belassen, das geht auch schlecht anders, weil sonst Fax, Geldautomaten, DNA oder Internet in die Quere kommen würden, und es hätte der Inszenierung gutgetan, wenn auch die Musik dazu die Zeit widergespiegelt hätte. Und es wäre förderlich gewesen, die Motivation für den Mord an Dickie klarer herauszuarbeiten – war das nun Affekt oder Kalkül? Die recht verhuschte Szene ließ hier zu wünschen übrig.

Dennoch: Der talentierte Mr. Ripley, der nun doch schon einige Jahre auf dem Buckel hat, unterhielt hier mit seinem Treiben zwischen Gut und Böse auf das Beste. Wobei Gut und Böse ja, will man der Ansicht Patricia Highsmith folgen, lediglich Vorurteile sind. Das letzte Wort an diesem Abend gehörte allerdings nicht Tom Ripley, sondern den Schauspielern: Ihr eindringlicher Wahlaufruf warb vor allem dafür, sich durch Wählen aktiv an Demokratie zu beteiligen.