Heidenheim / Joelle Schilk Der 24-jährige Thibaud Gross arbeitet als Theaterpädagoge in der Schweiz. Als Kind schon war er im Naturtheater aktiv, nun hat er bei der Inszenierung des diesjährigen Kinderstücks „Herr der Diebe“ geholfen.

Geflügelte, gehörnte, schneckenartige Fabelwesen bevölkern die Naturtheaterbühne. Sie alle scheinen einer Choreografie zu folgen, halten zum Teil Stäbe in der Hand und bewegen sich stets mehr oder weniger im Kreis. Das alles passiert unter den wachsamen Augen von Thibaud Gross – extra für diese eine Probenwoche hat er die knapp 270 Kilometer von Winterthur in der Schweiz bis nach Heidenheim, bis auf den Schlossberg auf sich genommen.

Auskennen tut er sich dort oben. Schließlich hat der gebürtige Stuttgarter einen Großteil seiner Kindheit sozusagen auf dem Schlossberg verbracht, zumindest die Sommermonate: Erst zwei Jahre in der Jungen Oper, dann ab 2008 im Naturtheater. Als damals ein Tom Sawyer gesucht wird, passt er perfekt ins Profil. Seither ist er jedes Jahr dort – als Jugendlicher auf der Bühne, später als Regieassistent bei „Robin Hood“ oder als Spielleiter beim Stück „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, und selbst heute noch, wo der 24-Jährige inzwischen in der Schweiz lebt und arbeitet, findet er stets den Weg zurück nach Heidenheim.

Dieses Jahr sogar besonders oft. Er hat einen nicht unerheblichen Anteil an der Inszenierung des Kinderstücks – die Idee für das „zauberhafte“ Karussell, welches die Kinderbande in „Herr der Diebe“ am Ende auf einer Insel entdeckt, stammt von ihm. „Ingo Schneider hat mich gefragt, ob mir da etwas einfällt. Das war echt knifflig, wie man das darstellen kann, denn wir wollten kein echtes Karussell und auch kein Gerüst; wir wollten irgendwie die mystische Stimmung rüberbringen“, sagt Gross.

Warum sich der Regisseur des diesjährigen Kinderstückes ausgerechnet den 24-Jährigen zur Unterstützung mit ins Boot bzw. auf die Bühne geholt hat? Nun, zum einen, da man sich aus vergangenen Naturtheater-Tagen kennt, und zum anderen, weil Thibaud Gross inzwischen als Theaterpädagoge arbeitet. Nach zwei Jahren beim Schweizer Zirkus „Circolino Pipistrello“ hat er nun, wie er sagt, einen echten Traumjob gefunden: Beim „Fahrwerk Ö“, einer Art rollenden Theaterwerkstatt.

„Da habe ich viel mit Kindern zu tun, wir inszenieren mit den Kids eigene Stücke und führen diese dann auf – eine Mischung aus Ferienlager und Freilufttheater“, sagt er. Und genau diese Fähigkeit von ihm, nämlich Kinder für die Bühne zu begeistern und bei ihnen die Leidenschaft fürs Schauspielern zu wecken, kommt eben auch den Regisseuren Ingo und Susanne Schneider bei „Herr der Diebe“ zugute, wenn sie rund 40 Kinder in die Choreografie des Karussells einbinden müssen – und das alles ohne Technik.

„Letztlich wenden wir dasselbe Prinzip an wie beim Zirkuszelt: Es gibt einen schönen, überraschenden Moment, wenn gemeinsam die Zeltstangen aufgestellt werden; den wird es auch auf der Bühne geben“, verrät Gross, der zwar die Idee zur Umsetzung hatte, zugleich aber betont, dass das ganze Karussell eine Gemeinschaftsleistung sei: „Manuel Meiswinkel hat die Masken der Fabelwesen erstellt, Sabine Sablotny die Kostüme, Andreas Warken ist für die Tontechnik zuständig und Workshopleiterin Christine Frühe-Böhni übernimmt die Proben mit den Kids, wenn ich nicht da sein kann.“ So entstand am Ende ein Karussell, das vielmehr als lebendige Requisite denn als Teil des Bühnenbilds bezeichnet werden kann; ein Karussell, das im Nu auf- und abgebaut ist, in dem alle Platz finden, das flexibel und zudem auf der Freilichtbühne von allen Seiten einsehbar ist.

Die Erfahrung auf und hinter der Bühne ist dem jungen Theaterpädagogen anzumerken. Schon während seiner Zeit in Heidenheim stand für Thibaud Gross früh fest, dass er irgendwann beruflich in diese Richtung gehen würde – „besonders beeindruckt hat mich die Regiearbeit und der pädagogische Ansatz von Bettina Ostermayer und Markus Hirschberger. Und auch an einen Workshop mit Dieter Rathgeber kann ich mich gut erinnern – er hat viele Jugendliche geprägt, und viele, die damals dabei waren, sind wie ich in die professionelle Theaterarbeit gegangen.“

Arbeit hin oder her: Ganz ohne selbst auf der Bühne zu stehen, geht es für Thibaud Gross dann doch nicht. Er müsse spielen, sagt er, sonst verliere er das Gefühl für die Bühne. „Deshalb bin ich froh, dass wir mit unserem fahrenden Theater eine eigene Sommertournee haben“, sagt er. Das Spielen, Improvisieren, Einüben und Ausprobieren gehört für den 24-Jährigen einfach dazu; genau wie der Teamgeist, der innerhalb eines Theaterensembles herrscht: „Die Aufführungen sind für mich wie ein Fußballspiel, das man zusammen durchsteht.“

Thibaud Gross: Stuttgart, Heidenheim, Winterthur

Der 24-jährige Thibaud Gross zieht im Alter von zehn Jahren von Stuttgart nach Heidenheim. 2008 spielt er zum ersten Mal im Naturtheater mit: „Tom Sawyer“.

Es folgt die Regieassistenz bei „Robin Hood“, bevor er mit 16 Jahren für ein Jahr nach Stuttgart geht und im Jungen Ensemble ein Praktikum in der Theaterpädagogik macht. Anschließend kehrt er nach Heidenheim zurück, holt seine Fachhochschulreife nach, gibt selbst einige Workshops am Naturtheater und ist als Spielleiter im Stück „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ tätig.

Danach studiert er drei Semester an der Zürcher Hochschule der Künste Theaterpädagogik, merkt aber schnell, dass ihm die Praxis fehlt und wird schließlich Mitglied im Schweizer „Circolino Pipistrello“. Dort arbeitet er mit Kindern und Jugendlichen. Anschließend wechselt er zur mobilen Theaterbühne „Fahrwerk Ö“. Die Vorstellungen im Heidenheimer Naturtheater besucht er dennoch jedes Jahr.