Kreis Heidenheim / Jens Eber Die Heidenheimerin Susanne Büttner ist die dienstälteste Gefängnispfarrerin in Baden-Württemberg - und hat ihre Berufung gefunden.

Als Susanne Büttner gerade ihre Kirche verlässt, ruft eine junge Frau ihr quer über den Hof zu: „Frau Büttner, Sie sehen heute schön aus!“. Die Angesprochene lacht und gibt das Kompliment sofort zurück: „Sie aber auch!“ Die 56-Jährige hätte es als Pfarrerin wohl schlechter treffen können. Eine nicht sehr große, aber reizvolle Kirche aus dem 13. Jahrhundert inmitten einer einstigen Klosteranlage, dazu Gemeindemitglieder, die sie als Seelsorgerin so sehr schätzen, dass sie ihr spontane Freundlichkeiten zuwerfen. Dass Susanne Büttner jede Tür, durch die sie tritt, gewissenhaft auf- und gleich wieder abschließt, könnte ein ahnungsloser Beobachter als schrullig werten. Die ritualartig wiederholte Handlung ist aber den Eigenheiten ihrer Gemeinde geschuldet.

Seit 2001 in Gotteszell

Seit 2001 ist die gebürtige Heidenheimerin Susanne Büttner Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd, weithin bekannt als Gotteszell, wie auch das frühere Dominikanerinnenkloster hieß, in dem die Haftanstalt untergebracht ist. Rund 330 Frauen verbüßen dort eine Freiheitsstrafe. Als dienstälteste Gefängnisseelsorgerin in Baden-Württemberg ist sie seit Anfang Dezember 2018 auch Dekanin der 18 hauptamtlichen und zehn nebenamtlichen Seelsorger in den JVAs im Land. 50 Prozent ihrer Stelle verwendet sie nun darauf, eine weitere hauptamtliche Kollegin ergänzt ihre Arbeit in Gotteszell.

Die Dienstvorgesetzten der Gefängnispfarrer sind zwar in der Regel die jeweiligen Anstaltsleiter, Susanne Büttner ist aber nun landesweit die Fachvorgesetzte ihrer Kolleginnen und Kollegen. Sie betont im Gespräch, dass sie die inhaltliche Linie in der Gefängnisseelsorge gewissermaßen als Team weiterentwickeln wollen. Ziel der nächsten Jahre sei, den „guten Standard in der Gefängnisseelsorge zu erhalten“, denn der steht im Moment unter Druck, weil die Haftanstalten im Land voll sind.

Arme und Kranke im Gefängnis

Für besorgniserregend halten es Susanne Büttner und ihre Kollegen, dass nur rund zwölf Prozent der Inhaftierten wegen schwerer Straften im Gefängnis sind. Dagegen verbüßen rund zehn Prozent eine so genannte Ersatzfreiheitsstrafe, die Hälfte der Gefangenen ist drogenabhängig. Oder anders gesagt: arme und kranke Menschen machen im Land das Gros der Inhaftierten aus. Im Gegenzug komme der Resozialisierungsbedarf der wegen schwerer Taten Eingesperrten oft zu kurz.

Dennoch lässt Susanne Büttner keine Zweifel daran, dass sie in dieser besonderen Gemeinde in Gotteszell ihre Berufung gefunden hat. Die Tatsache, dass sie nach langer Suche ausgerechnet hier ihre Heimat als Seelsorgerin gefunden hat, findet ihre Wurzeln wohl auch in ihrer evangelischen Sozialisierung in Heidenheim.

Sie habe am Max-Planck-Gymnasium, wo auch ihre Eltern unterrichteten, etwa mit dem Schnaitheimer Pfarrer Gottfried Berger einen Lehrer gehabt, der sie geistig forderte; der Hauskreis im Haus des späteren württembergischen Synodalpräsidenten und Schuldekan Horst Neugart löste in ihr, erinnert sich Büttner, „produktive Fragen aus“. Einer dieser intellektuellen Impulse sei der vermeintliche Zwiespalt zwischen einem sich politisch einmischenden Glauben und einem „herzensfrommen“ Pietismus gewesen.

In ihrer Arbeit scheinen sich die beiden Welten zu vereinen: Büttner schätzt die Kraft religiöser Rituale und des Gebets ebenso wie die Chance, sich als Pfarrerin in einem Gefängnis gesellschaftlicher Fehlentwicklungen anzunehmen.

„Wir können als Gefängnisseelsorger täglich das Evangelium leben“, glaubt die Dekanin. Sie begegne den Gefangenen auf Augenhöhe, führe Einzelgespräche, leite Gesprächsgruppen, auch Meditation, einen Chor und eine Tanzgruppe gibt es für die Frauen in Gotteszell. In mehr als 30 Sprachen hält sie Bibeln bereit, dennoch gehören Sprachbarrieren zu den täglichen Erfahrungen. Alle Weltreligionen und ihre Strömungen treffen in so einem Gefängnis aufeinander. Dennoch ist die Konfession für die Arbeit der Gefängnisseelsorgerin nebensächlich. „Wir sprechen mit allen, die es wünschen, das hätte Jesus auch so getan.“

Stationen in El Salvador und als Asylpfarrerin

Nach dem Abitur studierte Susanne Büttner Theologie und Politikwissenschaften in Tübingen und Berlin und fragte sich lange, ob sie „fromm genug fürs Pfarreramt“ sei. Aber sie wagte es, absolvierte ein Vikariat in einer Landgemeinde, wurde für ein Jahr Jugendpfarrerin in El Salvador, danach Asylpfarrerin in Reutlingen.
Trotz dieses auch politisch geprägten Weges zweifelte Susanne Büttner erneut, als 2001 die Stelle der Gefängnispfarrerin in Schwäbisch Gmünd ausgeschrieben war. Der Oberkirchenrat ermunterte sie: „Auch das Gefängnis ist eine Gemeinde.“ Das überzeugte sie.