Wenn Leser der Redaktion Fotos schicken, dann zeigen diese meist auf reizvolle Szenerien oder den Müll darin. Der wilde Müll scheint eine Endlosschleife in unserer Zivilisation zu sein. In den gegenwärtigen Zeiten, in denen die pandemiemüden Menschen sich wieder vermehrt in der Natur bewegen, um frei durchatmen zu können, türmt sich der Abfall noch höher auf. Der wilde Müll ist die Hinterlassenschaft einer Gemeinschaft, die sich selbst den Namen Wegwerfgesellschaft gegeben hat.

Vor 30 Jahren startete bereits die Kampagne Müllbewusstsein

30 Jahre ist es her, da hat der Landkreis Heidenheim die groß angelegte Kampagne „Müllbewusstsein“ gestartet. Die Abfallmenge wurde im Landkreis deutlich reduziert. Als Gemeinschaft verstehen wir uns auf den Umweltschutz, aber wir versagen weiter als Individuum. Ein Wegwerfverbot für Kippen kann man einführen. Man kann es auch lassen. Der Effekt wird derselbe sein. Warum nur sind wir beim Abfall so großherzig und bereit vieles zu übersehen? Nun, weil wir selbst Müllsünder sind.

An Ausreden ist kein Mangel

Es ist ja wahr, Jeder lässt einmal etwas fallen und ist zu bequem sich zu bücken. Die Flasche, die am Grillplatz zurückblieb? Ja, man hat sie übersehen. Und dass die ausgediente gläserne Kaffeekanne beim Altglascontainer liegt? Dafür gab es doch sicher auch einen trifftigen Grund, Oder? Die Geschichte des wilden Mülls ist auch eine Geschichte der Ausreden und Selbstentschuldigungen: „Ich kann nichts dafür, ich habe es nicht absichtlich gemacht.“

Die übergroße Mehrheit der Müllsünder weiß, wenn sie einen Fehler begeht, wenn das Müllbewusstsein fehlt. Aber mit unserer Leichtfertigkeit tragen wir genauso dazu bei, dass die kommunale Müllentsorgung mit dem Auflesen des weit verstreuten Abfalls überfordert ist. Heidenheims Oberbürgermeister Bernhard Ilg hatte Ende 2018 im Kreistag auf Kreisebene die Einsetzung einer Arbeitsgruppe beantragt, die sich mit der Sauberhaltung des öffentlichen Raums befassen sollte. Aber dieser Antrag ist, wenn man so will, wie ein Stück wilder Müll in der Kommunalpolitik liegen geblieben.

Menschen, die nicht wegsehen

Wenn wir heute noch Natur, Parks und Wege ohne Abfälle vorfinden, dann haben wird das vielfach Menschen zu danken, die sich nicht mit der menschengemachten Verschmutzung abfinden wollen. In Giengen gab es die Gruppe Dreck weg Donnerstag, die prägend gewirkt und die in der Nachbarstadt Herbrechtingen mit den Müllionären verdiente Nachfolger gefunden hat. Dieses Engagement war beispielgebend für andere Mitbürger, ihre Augen nicht weiter zu verschließen und beim sehr bequemen Satz – „Das geht mich nichts an, das war ich nicht“ – bewenden zu lassen.

Weithin ohne öffentliche Wertschätzung oder sogar in gesuchter Anonymität tun sie, was alle tun sollten, wenn die saubere Natur nicht nur eine Reihe von Buchstaben auf einem Wunschzettel sein soll: Sie lesen den Müll auf und entsorgen ihn korrekt. Nicht vergessen in dieser Reihe soll die jährliche Kreisputzete sein, an der viele Schulen mitwirken. Auch sie war eine Frucht der Kampagne Müllbewusstsein.

Gefühl der Scham

Dass sich aber wegen unseres Abfalls Kinder und Erwachsene bücken und den Rücken krumm machen müssen, sollte eigentlich bei uns ein Gefühl der Scham auslösen. Oder gehen wir auch darüber locker hinweg? Es gibt Menschen, die bewusst die Umwelt verschmutzen. Diese müssen bestraft werden. Wir aber könnten vor unserer Haustür kehren. Und noch einen Meter weier.

Herbrechtingen