Heidenheim / Thomas Zeller In dieser Woche hat Voith angekündigt zwei Standorte zu schließen und hunderte Stellen abzubauen. Doch nicht nur bei der Antriebstechnik-Sparte Turbo gibt es Probleme, meint HZ-Redaktionsleiter Thomas Zeller in seiner Kolumne.

Noch vor vier Jahren verdienten rund 43 000 Menschen ihr Brot beim Maschinenbauer Voith. Mittlerweile sind es nur noch 19 000 und wie seit dieser Woche bekannt ist, werden bis Ende nächsten Jahres wieder ein paar Hundert Mitarbeiter das Unternehmen verlassen haben. Konzernchef Toralf Haag ist seit seiner Amtsübernahme im vergangenen Jahr wahrlich nicht zu beneiden. Sein Unternehmen gleicht einer Großbaustelle, die nicht fertig werden will. Je nach Lesart kann er sich in einer Größenordnung zwischen Stuttgart 21 und dem Berliner Flughafen entscheiden.

Anlass zur Sorge bietet der gerade vom Stellenabbau betroffene Konzernbereich Antriebstechnik (Turbo). Aktuell sind hier noch 5600 Mitarbeiter weltweit beschäftigt, davon etwa 1000 in Heidenheim. Nach etlichen Sparrunden sollen nun die Werksschließungen in Sonthofen und Zschopau das Ergebnis in den nächsten Jahren retten. Gerechnet wird mit Einsparungen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich.

Doch dieser schmerzhafte Schritt ist nur eine kurzfristige Lösung. Darüber ist sich auch das Management bewusst. Mitarbeiter kritisieren unterdessen, dass das Hauptproblem im Schwerpunkt der bestehenden Produktpalette liege. Turbo setze noch viel zu stark auf Lösungen, die auf Verbrauchsstoffen wie Öl und Gas basieren und das obwohl bereits heute abzusehen ist, dass es in einigen Jahren vermutlich keine allzu große Nachfrage mehr nach diesen Produkten geben wird. Ein Problem, das die Sparte bereits länger kennt. So floppten beispielsweise die mit hohen Investitionen eingeführten Dieselloks Maxima und Gravita. Voith zog 2014 die Notbremse und mehr als hundert Beschäftigte verloren ihre Arbeitsplätze.

Richtig besser geworden ist die Lage seither nicht. Im Gegenteil: Intern wird in der Heidenheimer Konzernzentrale bereits eingeräumt, dass eine strategische Neuausrichtung dringend notwendig ist. In Zukunftsszenarien wird damit gerechnet, dass beispielsweise die Nachfrage nach Dieselprodukten innerhalb der nächsten 15 Jahre dramatisch einbrechen könnte.

Auch der große Hoffnungsträger Digital Ventures mit mittlerweile 2000 Mitarbeitern läuft zumindest inoffiziell nicht nach Plan. Im vergangenen Jahr hatte Spartenchef Roland Münch noch ehrgeizige Ziele verkündet, wollte den Umsatz in diesem Geschäftsjahr auf rund 100 Millionen Euro mehr als verdoppeln. Doch selbst wenn die offizielle Voith-Bilanz erst im Dezember vorgelegt wird, lässt sich schon jetzt feststellen, dass dieses Ziel vermutlich weit verfehlt wurde. Zukäufe oder Neugründungen, wie die Altpapierplattform Merqbiz, laufen deutlich schlechter als prognostiziert. In der Folge dankte der mächtige Gesellschafterausschuss Münch in der vergangenen Woche für die loyale Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren und wünschte dem Manager viel Erfolg bei seinen neuen Aufgaben, die ab November außerhalb von Voith liegen werden.

Bei der Wasserkraftsparte Hydro stehen die Zeichen trotz intensiver Sanierungsbemühungen nicht auf Entspannung. Noch leidet der Bereich unter dem Abbau Hunderter Arbeitsplätze in den vergangenen Monaten, darunter immerhin 30 in Heidenheim. Auch wenn Hydro zuletzt wieder besser ins Geschäft gekommen ist, erwartet hier angesichts eines weitgehend gesättigten Marktes niemand mehr große Umsatzsprünge. Damit bleibt als letzter Hoffnungsträger nur noch der Papierbereich (Paper), der im vergangenen Geschäftsjahr mit Rekordzahlen das Gesamtergebnis gerettet hatte. Doch auch hier rechnet niemand damit, dass sich diese Entwicklung fortsetzen wird.

Angesichts dieser Situation haben viele Mitarbeiter bei der Betriebsversammlung in dieser Woche natürlich genau zugehört, als Konzernchef Haag sagte, den Standortsicherungsvertrag in Heidenheim gebe es nicht umsonst. Denn bei den laufenden Verhandlungen zur Verlängerung des Vertrags liegen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite noch weit auseinander.

Seit Jahren kämpft Voith mit steigenden Kosten bei stagnierenden Umsätzen. Ein Rezept damit umzugehen war in der vergangenen Dekade ein von vielen Mitarbeitern stark kritisiertes Kostenmanagement. Denn nur mit dem Senken von Ausgaben wird sich diese Abwärtsspirale nicht durchbrechen lassen, will man nicht weiterhin Personal abbauen. Stattdessen braucht es neue Ideen und einen langfristigen Plan, wie Voith mit der Energiewende und dem digitalen Wandel umgehen will.

600 Mitarbeiter betroffen Voith Turbo schließt drei Standorte

Bei einer Mitarbeiterversammlung wurde die Belegschaft von Voith Turbo am Montagmorgen darüber informiert, dass das Unternehmen drei Produktionsstandorte in Deutschland schließen wird. Dabei werden 230 Stellen abgebaut