Kurz vor dem Tag der Arbeit hatte die Hartmann-Gruppe in dieser Woche keine guten Nachrichten für ihre Beschäftigten in Heidenheim. Sie schließt bis spätestens Ende 2023 ihre letzte Produktionsstätte an ihrem Stammsitz. Damit endet eine mehr als 200-jährige Fertigungstradition in Heidenheim, die 1818 mit der Übernahme einer mechanischen Spinnerei durch Ludwig von Hartmann begonnen hatte.

Das rüttelt an den industriellen Wurzeln der Stadt, die seit mehr als einem Jahrhundert von den zwei Schwergewichten Voith und Hartmann geprägt wird. In diesem Zeitraum gab es immer mal wieder die Schließung von Werksteilen, aber noch nie den kompletten Abzug einer Produktion. Voith-Chef Toralf Haag hat im vergangenen Jahr bereits Erfahrungen mit dem Widerstand der Mitarbeiter bei Werksschließungen gemacht. Drei Standorte der Turbo-Sparte wurden damals innerhalb Deutschlands verlagert. Trotz eines Weiterbeschäftigungsangebotes demonstrierten Hunderte in Heidenheim gegen diesen Schritt. Die Stimmung im Konzern war monatelang angespannt.

Billiglohnland Polen?

Bei Hartmann ist die Lage nun sogar deutlich schwieriger. Denn das Unternehmen will die Stellen aus Heidenheim an einen neuen Standort in Polen verlagern und schließt betriebsbedingte Kündigungen nicht aus. Begründet wird dieser Schritt mit den deutlich niedrigeren Kosten. Das stimmt allerdings nur zum Teil. Polen ist schon längst nicht mehr das Land mit den EU-weit niedrigsten Löhnen. In den vergangenen Jahren stiegen die Gehälter auch dort deutlich. Dennoch liegt der durchschnittliche monatliche Brutto-Arbeitslohn von rund 1140 Euro (2019) weit unter Heidenheimer Niveau. Trotzdem wird die Verlagerung erst einmal viel Geld kosten. Genauer gesagt geht es um viele Millionen Euro, die erst einmal investiert werden müssen. Zudem erscheint der geplante Grundstückskauf in Polen im Augenblick überdimensioniert. Es sei denn, Hartmann hat vor, die Produktion hier in den nächsten Jahren noch deutlich zu erweitern.

Für die 120 betroffenen Arbeiter ist die Entscheidung des Konzernvorstands um Britta Fünfstück nur schwer verständlich. Denn für das vergangene Geschäftsjahr konnte Hartmann ein Rekordergebnis vorweisen. Noch 2019 war der Bereich Wund-Management eine der profitabelsten Sparten im Konzern.

Auch wenn der Umsatz und der Gewinn in dem Segment im vergangenen Jahr deutlich eingebrochen ist, kam der Schritt für die meisten überraschend. Der Konzern begründet seine Entscheidung mit einer Prognose, wonach dem Gesundheitsbereich in den kommenden Jahren massive Einsparungen drohen und die eigenen Produkte dann nicht mehr wettbewerbsfähig seien.

Chancen in Herbrechtingen?

Das mindert aber nicht den Frust der Betroffenen, der sich auch durch die Tatsache verstärken dürfte, dass nur wenige Chancen bestehen, einen alternativen Arbeitsplatz im Konzern zu finden. Auch am Produktionsstandort in Herbrechtingen wird es in absehbarer Zeit nicht um Neueinstellungen gehen. Stattdessen ringt man dort gerade um ein neues Schichtmodell, denn die Nachfrage nach Inkontinenz-Produkten kann hier dank der Erneuerung des Maschinenparks mittlerweile in einem Drei- statt bisher Vier-Schicht-System bedient werden.

Die Hoffnungen der Beschäftigten liegen nun auf dem Betriebsrat, der versuchen wird, über seinen Platz im Aufsichtsgremium Einfluss auf diese Entscheidung des Vorstands zu nehmen. Er will nun über einen Gutachter prüfen lassen, ob vor der Werksschließung wirklich alle anderen Optionen ausgeschöpft wurden. Bis diese Phase abgeschlossen ist, stehen Hartmann unruhige Zeiten bevor, die für den Betriebsfrieden eine erhebliche Belastung sein werden.