Das neue Schuljahr hält für einige Eltern im Landkreis Heidenheim unangenehme Überraschungen parat. Denn jetzt treffen Lehrermangel und Corona-Krise aufeinander mit teils gravierenden Auswirkungen. An einigen Schulen wurden gleich zum Start Stundenpläne zusammengekürzt. Bei Krankheitsfällen gibt es keine Reserven mehr, um einen weiteren Unterrichtsausfall auszugleichen.

Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fehlten in Baden-Württemberg kurz vor Schuljahresbeginn 3400 Grundschullehrer. Trotz aller Bemühungen konnte das Kultusministerium davon 600 Stellen nicht besetzen. Das zeigt, dass das Land den Lehrermangel nicht in den Griff bekommt. Die Vorzeichen für die nächsten Monate sind alarmierend. Denn zu diesem strukturellen Problem kommt jetzt noch hinzu, dass rund sechs Prozent der Lehrer zu einer Corona-Risikogruppe gehören und damit vom Präsenzunterricht befreit sind. Als Konsequenz gibt es nun auch im Landkreis Grundschulen, an denen ein Klassenlehrer mehrere Klassen führen muss.

Gekürzte Stundenpläne

Diese Lücken, die zwangsläufig zu gekürzten Stundenplänen führen, wirken sich an Grundschulen besonders stark aus, denn hier sollen die Kinder in den ersten vier Schuljahren gut lesen, schreiben und rechnen lernen. Klappt das nicht, schleppen viele – die Pisa-Untersuchungen gehen von einem Fünftel aus – ihre Lücken bis zum Schulabschluss hinter sich her. Außerdem, auch das haben die vergangenen Monate deutlich gezeigt, können die Erst- bis Viertklässler durch digitalen Fernunterricht nur schlecht erreicht werden.

Die Gründe für den Lehrermangel sind vielfältig. Spricht man mit angehenden Grundschullehrern, hört man oft, dass sie im Vergleich zu Pädagogen anderer Schularten die höchste Zahl an Unterrichtsstunden, die geringsten Aufstiegschancen und das niedrigste Gehalt hätten. Das sei in anderen Bundesländern besser. Diese Aussage passt zu der Zahl von 600 Lehrern, die allein Sachsen in den vergangenen Jahren aus Baden-Württemberg abwerben konnte.

Abhilfe ist nicht in Sicht. Denn der Arbeitsmarkt für Lehrer in Deutschland ist leergefegt. Im Gegenteil – es wird in den nächsten Jahren noch schlimmer, räumt sogar eine Analyse der Kultusministerkonferenz ein. Die Politik hat sich bei der Schülerzahl, die durch mehr Geburten und Migration schnell steigt, eklatant verschätzt. Da hilft auch die Forderung nach 1000 zusätzlichen Lehrerstellen, die der frühere SPD-Kultusminister Andreas Stoch aufgestellt hat, nichts. Denn in dieser Größenordnung sind einfach keine Pädagogen verfügbar. Und bis aus einem Lehramtsstudenten ein fertig ausgebildeter Lehrer wird, dauert es im Durchschnitt rund sieben Jahre.

Keine Bewerber

Wie stark die Krise an den Grundschulen ist, zeigt auch eine andere Zahl. Für ein Drittel der ausgeschriebenen Posten ging beim Land keine einzige Bewerbung ein. Das zeigt, dass nicht alle Schulen gleichermaßen von dem Lehrermangel betroffen sind. Bildungseinrichtungen mit einem höheren Anteil an Kindern mit Sprachdefiziten haben es auch im Kreis deutlich schwerer, Pädagogen zu finden. Wie das Problem gelöst werden kann, darauf blieb Kultusministerin Susanne Eisenmann in der vergangenen Woche bei ihrem Besuch in Heidenheim eine Antwort schuldig.

Mittlerweile sind viele Eltern von der Politik enttäuscht. Denn nach den Schulschließungen im Frühjahr fühlen sie sich schon wieder alleingelassen. Lösungen müssen her. Wie wäre es denn damit, Lücken im Grundschulbereich mit Gymnasiallehrern aufzufüllen, wie es beispielsweise die GEW vorschlägt? Aktuell gibt es in Baden-Württemberg mehr Bewerber auf dieses Schulsegment als Stellen. Um Interessenten zu gewinnen, müssten dann aber vermutlich die höheren Gymnasialgehälter gezahlt werden. Billiger käme da der Einsatz von Quereinsteigern mit pädagogischem Hintergrund. Auch wenn das die Kultusministerin mit dem nachvollziehbaren Argument, an Bildungseinrichtungen brauche es Profis und keine Hilfslehrer, bisher ablehnt. Doch ganz so schnell werden Eltern die Politik in dem anstehenden Wahljahr nicht aus der Verantwortung lassen. Es reicht eben nicht, nur zu sagen, was man nicht möchte. Stattdessen braucht es endlich Antworten, wie dem Lehrermangel und Unterrichtsausfall an Grundschulen begegnet werden kann.

Heidenheim