Wer im Sommer 2019 als Auswärtiger in den Kreis Heidenheim kam, wunderte sich manchmal über das fast überbordende Kulturangebot in der Stadt. Von fulminanten Opern-Premieren bis hin zu Theater- und Musical-Aufführungen wurde viel geboten. Hinzu kamen noch interessante Ausstellungen im Kunstmuseum. Ein Jahr später sieht die Bilanz etwas anders aus. Die Corona-Pandemie hat die hiesige Kulturszene in eine existenzielle Krise gestürzt, bei der am Ende unklar ist, was von diesem Angebot noch übrigbleiben wird.

Dabei gewinnt man gerade beim abendlichen Spaziergang durch die Heidenheimer Innenstadt den Eindruck, es habe so etwas wie das Coronavirus nie gegeben. Die Restaurants und Kneipen sind voll, die Menschen sitzen wieder enger beieinander und wie viele zurzeit die Maskenpflicht überhaupt noch ernstnehmen, wäre im besten Fall ein eigenes Kolumnenthema.

Ganz anders ist die Lage im Naturtheater, im Rittersaal oder in der Egauhalle in Dischingen. Hier herrschen strenge Sitten. Ohne Einhaltung der Abstandsregeln geht gar nichts. Wenn statt 1000 Menschen nur noch knapp 100 zu den Auftritten auf dem Schlossberg kommen dürfen, versteht man, wie verloren sich das Publikum in den Weiten des Zuschauerraums vorkommen mag.

Dennoch sind diese Lockerungen Balsam für eine Branche, die zurzeit schwer zu leiden hat. Die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland hat 2018 fast 170 Milliarden Euro umgesetzt. Da sind die jetzt beschlossenen Förderprogramme von Bund und Ländern, bei denen beispielsweise für corona-bedingte Ausfälle rund 100 Millionen Euro ausgezahlt werden sollen, nur Brotkrumen. Nach Berechnungen des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft stehen dem allein in diesem Jahr Umsatzausfälle von 40 Milliarden Euro gegenüber.

Das führt zwangsläufig zu der wichtigen Frage: Was will und kann man überhaupt in den nächsten Jahren erhalten? Schon jetzt tragen die Kommunen und das Land die Hauptlast der Kultursubventionen. Angesichts des aktuellen Wirtschaftseinbruchs wird es länger dauern, bis in den Haushalten wieder der Einnahmestand aus Vor-Corona-Zeiten erreicht wird. Will beispielsweise die Stadt Heidenheim die Verschuldung nicht deutlich steigern, wird im kommenden Jahr automatisch eine Kostendiskussion starten.

Aus diesem Grund muss die Kultur in der Öffentlichkeit noch präsenter werden. Nur so kann sie dem Vorwurf entgegentreten, ausschließlich eine kleine elitäre Minderheit zu bedienen. Denn genau dieses Bild könnte durch die aktuelle Begrenzung der Zuschauerzahlen entstehen. Es liegt in der Natur der Sache, dass Veranstaltungen mit 100 Besuchern keine Breitenwirkung erzielen und stattdessen sehr exklusiv erscheinen.

Die Opernfestspiele haben diesen Punkt schon früh erkannt. Mit ihren Kinderopern, der Schlossbergtafel, Konzertreihen und in diesem Jahr sogar einer Oper für die Fußgängerzone versucht das Team um Marcus Bosch, dem künstlerischen Leiter der Festspiele, seit geraumer Zeit dem Vorwurf des Elitären zu begegnen. Und genau das ist vermutlich der richtige Weg auch für andere Kulturinstitutionen im Kreis. Es wird auf absehbare Zeit keinen Neuanfang ab da geben, wo wir aufgehört haben. Stattdessen müssen sich die Kulturschaffenden noch sehr viel intensiver um ihr Publikum bemühen. Ansonsten könnten sie im kommenden Jahr zu den ersten Opfern der zu erwartenden Spardebatte werden.