In diesen trüben Novemberzeiten ist es besser, eine Kolumne mit einem positiven Aspekt zu beginnen. So sei an dieser Stelle an die Aussage von Andreas Gassen, dem Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), verwiesen, der davon ausgeht, dass die Corona-Pandemie im späten Frühjahr 2022 überwunden sein wird. Das ist doch ein echter Mutmacher in Zeiten, in denen die Inzidenz im Kreis Heidenheim so hoch ist wie noch nie. Da möchte man Gassen nur zu gerne glauben. Allerdings ist der Mediziner kein Epidemiologe, Virologe oder Immunologe, sondern Orthopäde und lag mit seinen Vorhersagen zuletzt auch öfters falsch.

Die vierte Corona-Welle überrollt gerade den Kreis Heidenheim. Gefühlt, aber auch in realen Infektionszahlen, war es noch nie so schlimm wie im Augenblick. Nur scheint das gerade niemanden auf Landes- und Bundesebene zu interessieren. Fast sieht es so aus, als erleben wir gerade in Teilen die Kapitulation des Staates vor dem Virus. Mitten auf dem Höhepunkt der vierten Welle lässt der Bund die pandemische Notlage auslaufen.  Eine Inzidenz von fast 800 in der Altersgruppe der 5- 14-Jährigen im Kreis und das Stuttgarter Kultusministerium bleibt trotzdem bei der Aufhebung der Maskenpflicht im Klassenzimmer. Mehr als 1000 Corona-Infizierte in der Region – und das Gesundheitsministerium hebt die Nachverfolgungspflicht für das Gesundheitsamt auf. Kleiner statistischer Nebeneffekt dieser Veränderung ist, dass damit künftig auch nicht mehr die Zahl der aktiven Corona-Fälle im Kreis ausgewiesen werden kann. Warum haben wir uns in den vergangenen anderthalb Jahren durch Lockdowns und Einschränkungen gequält, wenn das alles aktuell gar nichts mehr zählt?

Streit ums Geld mit dem Land

Zumindest auf unserer lokalen Ebene scheinen die politischen Entscheidungsprozesse aber noch zu funktionieren. Aus diesem Grund hat sich der Kreistag in dieser Woche entschieden, die lokale Impfkampagne von Landrat Peter Polta mit 400.000 Euro zu finanzieren. Damit sollen mobile Impfteams bezahlt werden. Doch selbst bei diesem Thema gibt es Ärger mit dem Land, das zur Unterstützung zwar eines seiner Teams aus Ulm schickt, sich aber bisher nicht zu einer möglichen Kostenübernahme äußert.

Dabei hatte zuvor schon der Vorsitzende der Kreisärzteschaft, Jörg Sandfort, um Unterstützung für seine Kollegen bei den Booster-Impfungen gebeten. Bis zu 30.000 Kreisbewohner über 60 müssten in den nächsten Wochen eigentlich eine Auffrischungsimpfung erhalten. Bei einigen Hausärzten sind aber frühestens im Januar wieder Termine verfügbar.

Damit steigen bei der nach wie vor schwachen Impfquote im Kreis Heidenheim auch noch die Risiken bei den vom Virus besonders angreifbaren Altersgruppen. Kein Wunder also, dass sich immer mehr Lokalpolitiker für die Wiedereröffnung eines Impfzentrums stark machen.

In diesem Zusammenhang wirkt die Aussage von KBV-Chef Gassen zum Ende der Pandemie schon fast etwas zynisch. Vielleicht ist hier auch nur der Wunsch zum Kostensparen der Vater des Gedankens. Denn während Landrat Polta gerade Container für eine neue Corona-Ambulanz auf dem Parkplatz des Klinikums bestellt, hat Gassens zugeordnete Kassenärztliche Vereinigung noch nicht einmal die Aufwände für die erste Corona-Ambulanz bezahlt, die bereits im Sommer wieder geschlossen wurde.

Auf Landesebene passiert zu wenig

An dem Engagement der Lokalpolitik sollte sich die Landesregierung ein Beispiel nehmen. Und nein. Es braucht jetzt keine bundesweiten Regeln. Anstatt auf die schwierige Regierungsbildung in Berlin zu verweisen, müssen sich die zuständigen Stuttgarter Ministerien darum kümmern, dass endlich etwas passiert. Die Inzidenz ist bei uns so hoch, weil die Impfquote im Kreis besonders niedrig ist. Es muss also viel mehr getan werden, um die Menschen von der Sinnhaftigkeit der Impfung zu überzeugen. Warum das Land und der Bund in den vergangenen Monaten viele Millionen Euro in Werbekampagnen für die Impfung gesteckt haben, um dann im Angesicht der vierten Welle die Impfzentren zu schließen, bleibt in diesem Zusammenhang schleierhaft. Themen wie die Boosterimpfung oder eine steigende Bereitschaft sich gegen das Coronavirus immunisieren zu lassen, kamen für viele politische Entscheider anscheinend komplett überraschend. Wenn dahinter keine Kapitulation des Staates steht, dann ist zumindest das, was die Landes- und Bundespolitik aus fast zwei Jahren Pandemie gelernt haben, erschreckend wenig.