Der 27. Dezember sollte bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie eigentlich ein historischer Tag werden. Denn zu diesem Termin wurde im Beisein von viel Polit-Prominenz der erste Mensch in Baden-Württemberg gegen das Covid-19-Virus geimpft. Ausgewählt dafür wurde mit Christine Helbig berechtigterweise eine junge Frau, die auf einer Stuttgarter Isolierstation seit Monaten Corona-Kranke pflegt.

Es hätte wirklich ein historischer Tag werden können, wenn denn die Impfstrategie des Landes in allen Kliniken fortgesetzt worden wäre. Denn auch in Heidenheim erhielt besonders gefährdetes Klinikpersonal Impftermine. Doch entgegen der ursprünglichen Zusagen des Sozialministeriums kam überraschenderweise kein Vakzin auf dem Schlossberg an. Die Termine für die 220 Ärzte, Pfleger und Schwestern mussten kurzfristig wieder abgesagt werden. Was mit dem für Heidenheim vorgesehenen Impfstoff geschehen ist, blieb zunächst unklar. Das Sozialministerium beantwortete entsprechende Anfragen der Klinik nicht. Das sorgt berechtigterweise für Unmut und so mancher fragt sich, ob bei den zuständigen Behörden in der Großstadt Stuttgart mal wieder der ländliche Raum aus dem Fokus geraten ist. Zumal auch in den Pflegeheimen im Kreis frühestens in der kommenden Woche mit den Schutzimpfungen begonnen wird.

Termine nur schwer zu bekommen

Nicht besser sah es für die über 80-jährigen Kreisbewohner aus, die sich telefonisch für die Impfungen anmelden wollten. Einige HZ-Leser beschwerten sich darüber, dass die Nummer längere Zeit nur schwer zu erreichen gewesen wäre. Das wird inzwischen sogar vom Gesundheitsministerium in Stuttgart eingeräumt. Zum Start des Anmeldeverfahrens seien innerhalb weniger Stunden 35 000 Anrufe eingegangen. Dem standen aber nur 500 Vollzeitstellen im Call Center des Landes gegenüber, die nicht nur die Terminkoordination übernehmen, sondern auch viele Anrufer beraten mussten. Zumindest auf den ersten Blick sieht das nach einer Überforderung der zuständigen Stellen aus.

Eventuell lässt sich das mit der schnellen Zulassung des Impfstoffes vor Weihnachten begründen, die das zuständige Sozialministerium unter Manne Lucha anscheinend überrascht hat. Vielleicht hat aber auch SPD-Fraktionschef Andreas Stoch recht, der das Management der Corona-Krise lieber im Innen- als im Sozialministerium verortet gesehen hätte. Denn während die Behörde von Lucha personell eher schwach aufgestellt sei, gäbe es im Innenministerium bereits ein Lagezentrum. Dort wäre die Einrichtung eines Krisenstabes einfacher und schneller möglich gewesen.

Zufrieden mit der Impfquote?

Wie auch immer, mittlerweile zeigt sich das für die Gesundheit zuständige Sozialministerium mit der erreichten Impfquote zufrieden. Mit Stand vom vergangenen Donnerstag seien rund 43 000 Menschen gegen Covid-19 geimpft worden. Das bedeutet, dass jeden Tag im Schnitt zwischen 3000 und 4000 Baden-Württemberger eine Dosis des Vakzins verabreicht bekommen. Es gibt aber auch noch eine weitere Zahl, die eine andere Bewertung erlaubt. Laut Robert Koch Institut wurden mit Stand vom vergangenen Donnerstag 3,9 Impfungen pro 1000 Einwohner in Baden-Württemberg erfasst. Nur mal im Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern lag dieser Wert bei 13,5.

Das Land muss deshalb bei seiner Impfkampagne dringend gegensteuern. Es ist nicht hinnehmbar, dass zugesagte Lieferungen des Vakzins nach Heidenheim einfach kommentarlos gestrichen werden. Das untergräbt das Vertrauen in die Fähigkeit zu einem effizienten Krisen-Management. Zumal jetzt auch noch der Start des Kreisimpfzentrums auf dem Schlossberg um mindestens eine Woche verschoben werden muss. Nicht etwa, weil es Probleme mit der Vorbereitung seitens des Kreises gegeben hat, sondern weil anscheinend zu wenig Impfstoff nach Baden-Württemberg geliefert wurde. Gleichzeitig sitzt das Land aber vor der Lieferung der nächsten Biontech-Tranche an diesem Wochenende auf rund 80 000 Dosen, die noch nicht verimpft worden waren. Wie passt das denn mit dem schnellen Schutz der Risikogruppen zusammen? Im besten Fall verbirgt sich dahinter nur ein größeres Kommunikationsproblem des Sozialministeriums, im schlimmsten Fall sind das aber Symptome für eine überforderte Behörde.

Heidenheim