Kennen Sie das? Sie warten auf einen Brief, aber ihr Briefkasten bleibt tagelang leer. Auch wenn die Deutsche Post immer wieder das Gegenteil behauptet, haben viele Kunden im Kreis Heidenheim schon länger das Gefühl, dass sich das Unternehmen zumindest teilweise aus der werktäglichen Zustellung verabschiedet hat. Bestätigt wird dieses Gefühl mit Geschichten wie aus der Herbrechtinger Postpartnerfiliale in dieser Woche. Denn dort bleiben selbst Expressbriefe und Pakete, die von Kunden abgegeben werden, zunächst einmal ein paar Tage liegen. Erst dann erfolgt der Transport in ein Verteil- oder Briefzentrum.

Verspätete Zustellung, verärgerte Kunden Womit die Herbrechtinger Postfiliale gerade zu kämpfen hat

Herbrechtingen

Leider ist das kein Einzelfall. Das lässt sich auch an einer parlamentarischen Anfrage der FDP-Fraktion an das Bundeswirtschaftsministerium erkennen. Demnach brauchen Briefe der Deutschen Post immer länger bis zur Zustellung. Nur noch 85,4 Prozent der Sendungen waren wirklich am nächsten Werktag beim Adressaten. Das sind 2,3 Prozentpunkte weniger als 2019.

In Herbrechtingen soll das Briefproblem vor allem daran liegen, dass der Konzern keinen zuverlässigen Subunternehmer mehr findet, der die Post nach Ulm in das Briefzentrum fährt. Etwas irritierend wirken in diesem Zusammenhang aber Vorstöße, die das Unternehmen immer wieder unternimmt, um aus seiner Pflicht zu einer flächendeckenden täglichen Zustellung entlassen zu werden.

Zuverlässige Briefzustellung bleibt Standortvorteil

Denn es gibt viele Gründe diesem Wunsch nicht zu entsprechen. Das Briefgeschäft darf nicht nur unter Effizienzgesichtspunkten gesehen werden. Eine funktionierende Brief-Infrastruktur ist ein großer Standortvorteil. Jährlich werden in Deutschland immer noch rund 14 Milliarden Briefsendungen per Post zugestellt. Zudem gehört der tägliche Besuch des Zustellers für viele Menschen in Deutschland nach wie vor zur Grundversorgung. Nicht zu vergessen gibt es noch immer viele Schreiben, die zugestellt werden müssen, damit sie rechtlich verbindlich sind. Deutschland ist beim E-Government, also bei Online-Dienstleistungen der Behörden, ins Hintertreffen geraten. Viele Verwaltungsakte sind darum online nicht möglich.

Weniger Service, bei immer höheren Kostem

Deshalb ist es gut, dass die Deutsche Post verpflichtet ist, sechs Tage pro Woche zu liefern und ein flächendeckendes Netz von Zustellern, Filialen und Briefkästen zu unterhalten. Dafür genießt der ehemalige Staatskonzern im Unterschied zu Wettbewerbern, wie beispielsweise der Südwest Mail, auch etliche Privilegien - auf bestimmte Dienstleistungen muss zum Beispiel keine Mehrwertsteuer gezahlt werden. Umso bedenklicher ist es, dass der Konzern seinen Service zuletzt immer weiter eingeschränkt hat. Zustellbezirke wurden vergrößert, Briefkästen abmontiert, Filialen, wie zuletzt in Herbrechtingen geschlossen oder die Öffnungszeiten deutlich reduziert wie in Heidenheim. In der Konsequenz steigt die Zahl der Kundenbeschwerden. Und wie reagiert die Bonner Konzernzentrale? Sie erhöht das Porto immer weiter. Ab Januar wird ein normaler Brief 85 Cent kosten.

Deutsche Post Höheres Briefporto

Bonn

Eine Abschaffung der werktäglichen Zustellpflicht bedeutet eben nicht, wie von der Post gern immer mal wieder behauptet, mehr Service für uns Kunden, sondern eher weniger Leistung zu höheren Preisen. Gerade in unserer ländlichen Region würde der Konzern seine Dienstleistungen noch einmal deutlich ausdünnen. Unter diesen Bedingungen müsste man den früheren Konzern-Slogan „Schreib mal wieder“ fast ein wenig modifizieren und im eingangs erwähnten Herbrechtinger Beispiel ergänzen, aber schick den Brief möglichst nicht mit der Deutschen Post.