Seit Donnerstag ist die Homeoffice-Pflicht in Deutschland Geschichte. Eigentlich war sie ein Notstandsinstrument, um die Wirtschaft auch in der Hochphase der Pandemie am Laufen zu halten. Sie hatte aber auch einen ganz anderen Effekt. Zuletzt erledigten nach einer Studie der DAK-Gesundheit rund 43 Prozent der Beschäftigten in Baden-Württemberg ihre Büroarbeit von daheim. Dabei waren sie nach eigenen Angaben nicht nur zufriedener, sondern auch produktiver.

Daran kann man erkennen, wie tiefgreifend der Wandel in der Arbeitskultur in den vergangenen anderthalb Jahren war. Deshalb tun sich Unternehmen und Behörden mittlerweile auch so schwer ihre Mitarbeiter zurückzuholen. Die vier großen Arbeitgeber in Heidenheim, also Voith, Hartmann, Edelmann und die Stadtverwaltung haben sich nun auf eigene Regelungen geeinigt. Sie stehen stellvertretend für viele andere Unternehmen in der Region. Sie haben diese Entscheidung mit Augenmaß getroffen und versucht betriebliche mit gesundheitlichen Belangen zu kombinieren.

Wie schwierig Vorgaben in diesem Bereich sind, lässt sich daran erkennen, dass in Deutschland Arbeit, die nicht am Arbeitsplatz im Unternehmen geleistet wird, nicht eindeutig reguliert ist. Hier steckt schon das Dilemma, in dem wir uns befinden. Denn während der Gesetzgeber Häuslebauern mittlerweile sogar schon die Bepflanzung ihrer Grünanlagen vorgibt, befinden sich Arbeitgeber in diesem Bereich, der stellenweise fast die Hälfte der Arbeitnehmer betrifft, in einer Grauzone. Das beginnt schon mit der Begrifflichkeit. Homeoffice ist gesetzlich als Arbeit im eigenen Zuhause definiert und bezieht sich auf einen dort fest installierten Arbeitsplatz. Dabei ist der Arbeitgeber verpflichtet, den Beschäftigten neben dem technischen Equipment wie Laptop oder Bildschirm auch eine vollwertige Büroausstattung zur Verfügung zu stellen.

Eine Frage der Definition

Spricht der Arbeitgeber stattdessen aber vom mobilen Arbeiten, entfällt diese Verpflichtung. Noch nicht einmal ein Laptop muss zwingend gestellt werden. Allerdings kann der Arbeitgeber seinen mobil arbeitenden Beschäftigten nicht vorschreiben, wo sie arbeiten sollen. Es zählt nur, dass sie ihre Arbeit vollumfänglich erledigen. Ob im Café an der Ecke oder in einer anderen Stadt ist vollkommen egal.

Es wundert deshalb nicht, dass keiner der vier großen Arbeitgeber in Heidenheim den Begriff des Homeoffice verwendet. Stattdessen ist bei allen vom mobilen Arbeiten die Rede, das in Teilen auch in der Zukunft fortgeführt werden soll. Bei Hartmann bleibt das mobile Arbeiten sogar die bevorzugte Beschäftigungsform für die Angestellten am Standort.

Rückkehr in die Vor-Coronazeit?

Auch wenn es keinen rechtlichen Anspruch darauf gibt, ist es sinnvoll die Uhr nicht vollständig zurückzudrehen und zur kompletten Präsenzkultur der Vor-Coronazeit zurückzukehren. In den vergangenen Monaten haben viele Arbeitnehmer ihren Firmen bewiesen, dass sie auch von daheim produktiv sein können. Gleichzeitig genossen sie die Vorteile, wie eine neue Flexibilität und keine langen Anfahrtswege zum Arbeitsplatz. Das führte zu einer deutlichen Entspannung der Staulage in Nadelöhren wie beispielsweise auf der B 19 in Königsbronn.

Es gab aber auch Nachteile. Vielen Mitarbeitern fehlte der persönliche Austausch mit den Kollegen. Und wer das Pech hatte, während der Pandemie in einem Unternehmen neu zu beginnen, durchlief keine einfache Eingewöhnungszeit.

Es kommt also auf die richtige Mischung an. Die Pandemie hat gezeigt, dass Arbeitgeber mit einem Angebot aus Präsenztagen im Büro und mobilem Arbeiten von daheim bei ihren Beschäftigen und Bewerbern punkten können. Das könnte für Unternehmen im Kreis Heidenheim, die sich in den vergangenen Jahren durch den Fachkräftemangel zunehmend schwertaten offene Stellen zu besetzen, ein echter Wettbewerbsvorteil werden.