Heidenheim / Thomas Zeller Heidenheim ist im Fußballrausch. Trotz Corona erleben wir gerade eine Art schwäbisches Sommermärchen, meint Thomas Zeller in seiner Kolumne.

Es ist schon etwas paradox. Trotz einer deutlichen Niederlage in Bielefeld spielt der FC Heidenheim um den Aufstieg in die Bundesliga. Das führte vergangenen Sonntag bei den Fans zu einigen Verunsicherungen. Sollte man jetzt wirklich eine 3:0-Niederlage feiern? Etwas ratlos begleiteten die Passanten in der Innenstadt dann auch einen Autokorso aus drei Autos.

Im Laufe der Woche wuchs aber die Erkenntnis über die historische Bedeutung der Relegationsspiele. Das lässt sich auch gut an der Präsenz überregionaler Medien erkennen, die mittlerweile Heidenheim belagern. Oberbürgermeister Bernhard Ilg darf nun in der FAZ über den Reiz der Provinz schwärmen oder sich bei RTL zum wachsenden Bekanntheitsgrad seiner Stadt äußern. Neidvoll schaut da sein Stuttgarter Kollege Fritz Kuhn auf die Alb herüber. Er mag zwar der größeren Stadt vorstehen und sein Fußball-Team ist schon in die Bundesliga aufgestiegen. Aber ganz ehrlich, das ist doch schon alles Schnee von gestern. Der Präsenzpunkt geht ganz klar an Heidenheim.

Wie schnell das Fußballfieber in den vergangenen Tagen angestiegen ist, lässt sich auch nur ansatzweise an den vielen kleinen Geschichten erahnen, die das Licht der Öffentlichkeit erblickten. So gab es auf einmal ein inoffizielles FCH-Maskottchen – eine Dogge mit Namen Hercule – die vor allem damit punktet, dass sie stets freundlich, entspannt und weltoffen ist. Alles Attribute, mit denen sich die Heidenheimer gut identifizieren können. Da sollte es bis zur Freundschaftsanfrage von Paule, dem offiziellen FCH-Maskottchen, nicht mehr weit sein. Auch ein spezielles Bananenbrot, von einer großen Boulevard-Zeitung glatt Heidenheimer Wunderbrot genannt, dürfte dank des FCH nun vor dem nationalen Durchbruch stehen.

Bei so viel Aufmerksamkeit reift selbst bei bekennenden Fußballmuffeln die Erkenntnis: Wir erleben gerade eine Art schwäbische Sommer-WM im Kleinen, also genauer im ganz Kleinen, zwar mit nur zwei Spielen, aber dafür mit ganz viel Potenzial zu einem echten Alb-Fußballmärchen. Nach den Monaten in Corona-Isolation wirkt es befreiend, endlich wieder gemeinsam für ein Ziel die Daumen drücken zu können. Auch die Gastronomie ist zufrieden, denn die Menschen in der Region entdecken wieder Kneipen und Restaurants zum Fußballschauen. Das geht sogar in Corona-Zeiten im Biergarten und mit genügend Sicherheitsabstand.

Damit das Fußball-Märchen aber zur Realität werden kann, braucht es fast ein Wunder. Immerhin ist der Etat von Bremen rund viermal so hoch wie der der Heidenheimer. In diesem Zusammenhang könnte sich der Club vom Schlossberg zumindest Teile der Werder-Hymne ausleihen. Darin besingt Jan Delay seinen Verein, der keine coolen Stars mit tollen Frisuren habe und nicht an der Börse notiert sei, mit den Worten: „Das alles haben wir nicht. Vor allem keine Knete. Wir haben den Regen im Gesicht. Aber die Sonne in der Seele.“

Auch wenn bei einem direkten wirtschaftlichen Vergleich das Pendel sehr stark zum Club an der Weser ausschlägt, ist im Sport zumindest manchmal Geld nicht alles. Schon in der vergangenen Saison gewann mit Union Berlin der Zweitligist den Kampf um den Aufstieg in das Fußball-Oberhaus. Vielleicht gelingt es dem FC Heidenheim am Montag, auf diesen Spuren seinen eigenen Albtraum umzusetzen und das Fußballfieber im Kreis noch eine ganze Weile steigen zu lassen.