Dem Rennfahrer Niki Lauda wird die Aussage zugeschrieben, dass der einzige Rausch, den die Neuzeit gebracht habe, der Geschwindigkeitsrausch sei. Mag auch heute der Verbrauch nach Litern und Kilowattstunden sowie der CO2-Ausstoß von den Automobilherstellern ganz nach vorn in ihren Verkaufsprospekten gestellt werden, Emotion erweckt beim rasanten Fahrer erst die Info, dass nicht vor 250 km/h der Beschleunigung ein künstliches Ende gesetzt werde.

Elektromobilität entschleunigt

Doch um solches Rasen soll es gar nicht gehen. Der derzeit allseits angeratene Umstieg auf Elektromobilität wird mehr Tempo von den Autobahnen nehmen, als es ein Tempolimit von 130 km/h vermögen könnte. Wenn Batterien eines nicht mögen, dann, wenn mit Bleifuß gefahren wird. Wer nicht an jeder zweiten Autobahntankstelle Elektrizität nachladen möchte, wird es mit seinem E-Auto sowie langsam angehen lassen.

Vermintes Gelände

Ähnlich wie die Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h auf Autobahnen ist auch Tempo 30 innerorts ein vermintes Gelände, das die Politik gerne weitläufig umgeht. Das gilt nicht nur für die ganz oben, sondern auch für die Bürgermeister und Gemeinderäte in den Kommunen. Bislang verhindert noch die Straßenverkehrsordnung, dass auf Durchgangsstraßen (des Bundes, Landes und des Kreises) grundsätzlich Tempo 30 von den örtlich zuständigen Straßenverkehrsbehörden angeordnet werden kann. Nicht genauer definierte Gefahrenmomente müssen gegeben sein. Oder eine Schule, eine Kita oder ein Altenheim.

Effekte bei Lärm, Abgas und Sicherheit?

Umstritten ist ob es Umweltvorteile bei Lärm und Abgasen und Sicherheit überhaupt gibt, wenn langsamer gefahren werden muss. Zumindest zweifelt der ADAC dies an. Die Beigeordneten von sieben deutschen Großstädten (darunter Ulm) sehen dies anders. Sie drängen seit Mitte dieses Jahres darauf, kurzfristig bundesweit eine Regelung zu schaffen, die es den Kommunen ermöglicht, im gesamten innerörtlichen Straßennetz flexibel und sachbezogen über „ein für die jeweilige Situation angemessenes und stadtverträgliches Geschwindigkeitsniveau zu entscheiden.“ Der Deutsche Städtetag unterstützt diese Initiative.

Nicht in allen Wohngebieten gilt Tempo 30

Doch hier im Landkreis tut man sich ja sogar noch schwer, Tempo 30 für reine Wohngebiete vorzuschreiben. Nicht lange ist es her, dass in Heidenheim auf dem Zanger Berg ein Kind überfahren wurde, das zwischen geparkten Pkw auf die Straße gelaufen war. Der Sudetenstraße, die durch ein reines Wohngebiet führt, war bereits vor Jahren als optische Tempobremse die Mittellinie genommen worden. Aber 50 km/h gilt weiterhin. Argumentiert wurde in der Vergangenheit damit, dass über diese Erschließungstraße eine Buslinie führt. Ein bizarres Argument. Wenn es schon für Pkw eng ist, sollen Busse mit noch mehr Tempo fahren?

Etliche neue Versuche zur Tempobegrenzung

Aber es mehren sich im Kreisgebiet auch in Stadtverwaltungen und Gemeinderäten die Stimmen, die für eine situationsbezogene Tempodrosselung votieren. In Herbrechtingen denkt Bürgermeister Daniel Vogt an Vorgaben für die Ortsdurchfahrten von Bissingen und Bolheim sowie für Wohngebiete. In Giengen hat man im Stadtzentrum sogar auf einer Landestraße Tempo 30 durchgesetzt und die Anlieger der Planiestraße und der Beethovenstraße freuen sich über weniger Verkehrslärm. In der Ortsdurchfahrt von Hohenmemmingen gilt seit Wochen Tempo 40. Der Giengener Teilort kann sich nun darin sogar in eine Reihe mit Stuttgart stellen.

Keine Lebenszeit geht verloren

Die Niederstotzinger haben bis zu dieser Woche über viele Monate spüren dürfen, dass man auch mit 30 km/h durch das Stadtzentrum fahren kann, ohne merklich an Lebenszeit zu verlieren. Eine weitere Erschwernis für das Ausweisen von Tempo-30-Zonen: Bisher gehen sie mit einer Rechts-vor-Links-Regelung der Vorfahrt einher. Mitunter sind es dann örtlichen Gegebenheiten, die eine solche Umwidmung nicht zulassen. Etwa wenn kleine, unscheinbare Gassen in eine gut ausgebaute Straße münden. In der Wahrnehmung wirkt die große Straße weiterhin als Vorfahrtsstraße. Damit entsteht ein zusätzliches Unfallrisiko. Dies lässt sich aber mit Ausnahmeregelungen ändern. In Herbrechtingen gilt für die ellenlange Stangenhaustraße Tempo 30. Man hat sie einfach durchgehend an jeder Kreuzung als Vorfahrtsstraße ausgeschildert.

Es droht eine rabiate Ernüchterung

Wie bei allen Räuschen droht auch beim neuzeitlichen Geschwindigkeitsrausch die Gefahr einer Abhängigkeit. Rasen macht süchtig. Lassen wir es schon deswegen langsamer angehen und zeigen wir, dass wir uns unter Kontrolle haben. Sonst könnte eines nicht zu fernen Tages eine rabiate Ernüchterung folgen. Straßenverkehr ist nun mal klimawirksam.