Heidenheim / Annika Raunecker Gaffer machen bundesweit Schlagzeilen. Wie ist die Situation im Kreis Heidenheim?

Ein Sonntagnachmittag im September 2017. Ein junger Mann verunglückt mit seinem Motorrad tödlich. Ein Radfahrer filmt mit seinem Smartphone. Die Polizei sucht nach ihm, letztlich stellt er sich, er muss nach einem Urteil 900 Euro Geldstrafe zahlen. So geschehen in Heidenheim.

Bundesweit machen ähnliche Vorfälle Schlagzeilen. Immer sind es Szenarien, bei denen Menschen zusehen, Rettungskräfte behindern und sogar das Smartphone zücken, um Bilder oder Videos vom Geschehen zu machen. Quer durch die Republik sprechen und berichten Medien, Polizei, Feuerwehren und Rettungskräfte vermehrt von Gaffern. Ein neues Phänomen?

Polizei hat keine konkreten Zahlen

Seitens der auch für Heidenheim zuständigen Polizeibehörde in Ulm heißt es: „Der Themenkomplex Gaffer ist nicht nur ein Problem der letzten Jahre. Es gibt wissenschaftliche Abhandlungen, die sich bereits vor über 20 Jahren mit der Thematik beschäftigten.“ In der heutigen Zeit seien Sensationsbilder und -videos von Gaffern sicherlich durch die technischen Möglichkeiten und sozialen Netzwerke präsenter. „Insofern wird es von allen mehr wahrgenommen.“

Konkrete Zahlen zu Gaffer-Vorfällen kann die Polizei nicht nennen, eine statistische Erfassung gebe es nicht. Ein Polizeisprecher sagt: „Das mag auch daran liegen, dass es keinen speziellen ,Gaffer‘-Paragraphen im Ordnungswidrigkeiten- oder Strafrecht gibt. Es gilt für die Polizei immer im Einzelfall zu prüfen, was für ein Normenverstoß überhaupt vorliegt.“

Gaffer beim Wohnhausbrand

Uli Steeger ist Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes Heidenheim und sagt: „Gaffer gab es schon immer. Bedingt durch die sozialen Medien und die neuen Möglichkeiten mit Smartphones sind es aber ganz klar mehr geworden.“ Er ordnet ein: „Vorfälle mit Gaffern gibt es immer öfter, aber zum Glück ist es nicht die Regel.“ Früher habe man auch hingeschaut, sei dann aber weitergegangen. Steeger: „Die Sensationslust ist größer geworden.

Die Feuerwehren versuchen bei entsprechenden Einsätzen mit Wolldecken oder Planen einen Sichtschutz aufzubauen, das Opfer zu schützen. „Oder wir sperren den Bereich entsprechend noch größer ab“, so Steeger. Lässt es der Einsatz zu, gingen die Feuerwehrleute auch auf Gaffer zu oder informierten die Polizei. So auch geschehen in Sontheim, wo im Dezember vergangenen Jahres eine 41-jährige Mutter infolge eines Wohnhausbrands ums Leben kam. „Gegenüber war bestes Panorama für Gaffer“, erinnert sich Steeger. Hier habe die Feuerwehr die Polizei gebeten, sich zu kümmern. Steeger: „Wir haben ja oft gar keine Zeit und ohnehin keine Handhabe.“

Der Feuerwehrmann mahnt: „Man muss den Gaffern klarmachen, welches Leid sie den Betroffenen oder Hinterbliebenen zufügen. Wenn Bilder von Unglücken im Netz auftauchen, ist das ja fast unerträglich für Betroffene.“ Im Rahmen des Neujahrsempfangs in Sontheim ging auch Bürgermeister Matthias Kraut hart ins Gericht mit den Gaffern: „Die haben den Einsatz der Rettungskräfte erheblich gestört. Lassen Sie das künftig sein und überlegen Sie sich, wie es wäre, wenn Sie selbst Opfer wären“.

Dass die Feuerwehren im Kreis schon mal konkret bei ihrer Arbeit behindert worden wären, davon, so Steeger, könne er nicht berichten. „Zumindest ist mir kein Fall bekannt.“

Gaffen, filmen, Hilfe unterlassen:

Diese Strafen drohen

Wer meint, Gaffen bleibe ungeahndet, liegt falsch. Für die unterschiedlichen Vergehen an einem Unfallort gibt es eine ganze Reihe drohender Sanktionen.

Gaffen kann als Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeld von bis zu 1000 Euro bestraft werden. Das Fotografieren oder Filmen ist eine Straftat. Wer Bilder oder Filme vom Unfallgeschehen macht, verletzt laut § 201a des Strafgesetzbuches höchstpersönliche Lebensbereiche und muss mit einer Geldstrafe oder gar einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren rechnen.

Unerheblich ist, ob die Fotos weitergegeben oder veröffentlicht werden. Entscheidend allein ist das Anfertigen einer Aufnahme. Polizeibeamte dürfen in einem solchen Fall die Handys der Gaffer beschlagnahmen.
Wer an einem Unfallort die Rettungskräfte behindert oder zusieht, statt zu helfen, begeht eine Straftat. Eine Geldstrafe oder gar eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren drohen.